Wäre die Germanistik nur eine sonderbare geisteswissenschaftliche Disziplin unter anderen, sagen wir, wie Münzkunde, bloß ohne Münzen – kein Wort müsste man über sie verlieren. In Wahrheit ist die Germanistik aber ein sehr bedeutsames Fach. Ungezählte Deutschlehrer erwarben ihre Vorstellungen von literarischer Tradition, von geistigen Standards und Kunstsinn in ihrem Germanistikstudium, die Mehrheit aller Arbeiter in den Weinbergen des Kulturbetriebs mit ihnen. Die Germanistik ist nach wie vor die Grundschule, in der viele Deutsche ihr kulturelles Abc lernen, ob sie später im Beruf etwas mit der Literatur zu tun bekommen oder nicht.

Über einen gewissen Sinn für Sprache und eine solide Halbbildung zu verfügen schadet nicht, wird heute sogar in Wirtschaftsunternehmen geschätzt. Hinter all den hermeneutisch-analytischen, medien- und systemtheoretischen, "Gender"-orientierten, konstruktivistischen und dekonstruktivistischen Zappeleien, welche das Fach in den vergangenen vierzig Jahren vollführt hat, bleibt so immer noch das Knochengerüst einer Nationalphilologie erkennbar. Es gab Zeiten, sie sind noch nicht so lange her, da stellte sich die Germanistik dieser volkspädagogischen Verantwortung mit großer Inbrunst. Sie schrieb und schlug vor, wie und was zu lesen sei. Anpassungsfähig praktisch gegenüber jeder Staatsform und jeder Art von Regierung, hat sich das Fach immer als eine von Werten getragene und Werte vermittelnde Disziplin verstanden.

Ehrlich gesagt, war sie zusammen mit der Geschichtswissenschaft das politisch am meisten angepasste und konformistische Fach an der deutschen Universität. Im Bösen, und, was fast so schlimm ist, auch im korrekt Guten. Mittlerweile – die deutschen Identitätsfragen sind im Wesentlichen beantwortet oder in globaler Auflösung begriffen – könnte die Zurückhaltung der Germanistik jedoch nicht größer sein, die Kultur im Lande mitzuprägen. Keiner wünscht sich den alten geistespolitischen Opportunismus zurück, auch nicht die autoritären Dekrete der Großgermanisten von früher. Dennoch bleibt, was die entrückte literarische Vergangenheit betrifft, eine Leerstelle – und ein Phantomschmerz.

Erst 1966 fragte das Fach nach seiner Verstrickung in die Nazi-Ideologie

Niemand erhebt heute mehr ernsthaft Anspruch auf die literarische Überlieferung. Jeder könnte sich ihrer bedienen, aber nicht einmal das geschieht. Die Emphase wich der Verwaltung, und das ist auch dem akademischen Totstellreflex zu verdanken. Das Zögern, den Deutschen zu erklären, warum sie noch Lessing und Wieland und Schiller und Novalis lesen sollen, gehört zur aktuellen Anpassungsstrategie des Fachs an die Zeitumstände. Ehrgeizige Gesellschaftsentwürfe oder Utopien, die sich in Kultur niederschlagen und von dort aus Berechtigung saugen, existieren nicht mehr. Die nationalkulturelle Perspektive in der Rückschau aufs Vergangene gilt beinahe schon als anstößig.

Dabei – auch das gehört ins Bild – fand diese Wissenschaft im vergangenen Jahrzehnt zur produktiven Routine zurück. Dass sie altmodisch aussehen könnte, stört nur die Wissenschaftsbürokraten, ihre Studenten nicht. Graduiertenkollegs und Sonderforschungsbereiche zuhauf. Wo Überkapazitäten abgebaut werden, verlagert sich Forschung in Projekte für talentierte Nachwuchswissenschaftler. Sie sind finanziell und personell gut ausgestattet. Die wissenschaftliche Praxis hält weitenteils jeder Evaluierung stand. Wer als Privatdozent um die vierzig ist, hat in den kommenden Jahren sogar reelle Chancen, auf eine Professur berufen zu werden. Insgesamt also kein Grund zum Klagen.

Auch hat die Germanistik fortlaufende Pflichtaufgaben tadellos erledigt. Kein lesenswerter literarischer Text deutscher Sprache, der nicht in einer soliden Edition vorläge oder dafür vorbereitet würde. Keine muffige Autorität verordnet mehr, was als klassisch zu gelten und dass man davor strammzustehen habe: Bruchstücke einer großen Liberation. Vergleichbar nur mit der Historik, hat die Germanistik die Verstrickung ihrer Altvorderen in den Nationalsozialismus aufgearbeitet, seit die Assistenten und die jüngeren Professoren auf dem Germanistentag 1966 begonnen hatten, nach dem Verhalten ihrer akademischen Lehrer während der neuralgischen zwölf Jahre zu fragen. Die Grundlagen des Verstehens sind wissenschaftstheoretisch bis zum Punkt unüberwindlicher Unwissenschaftlichkeit geklärt worden, ohne in die alte "Methodendiskussion" zurückzufallen. Was ist der Ertrag? Jedenfalls kein gesichertes Selbstbewusstsein des Fachs. Bis heute sticht die beinahe rückhaltlose Auslieferung an herrschende Ideen und geistige Moden ins Auge, an Denk-Mächte, die vor allem symbolisches Kapital für die Germanisten in Aussicht stellen.

Seit den Siebzigern begriff man sich als geistiger Bestandteil der deutschen Katastrophe und suchte Zuflucht bei Figuren, die intellektuelle Unschuld versprachen: Benjamin und Adorno, Bloch, sogar Lukács, Luhmann und Habermas, Judith Butler oder Jacques Derrida. Kleine und große Fluchten – die Literatur wurde darüber zum Mittel für theoretische Exerzitien. Gelegentlich diente sie sogar dem ideologischen Exorzismus. So transparent ist darüber die deutsche Nationalliteratur geworden, dass sie heute wie ein leeres weißes Zimmer wirkt, durch dessen Fenster die Winde des Zeitgeistes ziehen.