Die erschöpften Germanisten

Erst warfen sie sich dem Zeitgeist an den Hals, jetzt verkriechen sie sich. Die Literaturwissenschaftler haben die Ideologie abgeschüttelt, aber auch die Literatur aus den Augen verloren. Ein Krisenbericht vor dem Münchner Germanistentag am 12. September

Wäre die Germanistik nur eine sonderbare geisteswissenschaftliche Disziplin unter anderen, sagen wir, wie Münzkunde, bloß ohne Münzen – kein Wort müsste man über sie verlieren. In Wahrheit ist die Germanistik aber ein sehr bedeutsames Fach. Ungezählte Deutschlehrer erwarben ihre Vorstellungen von literarischer Tradition, von geistigen Standards und Kunstsinn in ihrem Germanistikstudium, die Mehrheit aller Arbeiter in den Weinbergen des Kulturbetriebs mit ihnen. Die Germanistik ist nach wie vor die Grundschule, in der viele Deutsche ihr kulturelles Abc lernen, ob sie später im Beruf etwas mit der Literatur zu tun bekommen oder nicht.

Über einen gewissen Sinn für Sprache und eine solide Halbbildung zu verfügen schadet nicht, wird heute sogar in Wirtschaftsunternehmen geschätzt. Hinter all den hermeneutisch-analytischen, medien- und systemtheoretischen, »Gender«-orientierten, konstruktivistischen und dekonstruktivistischen Zappeleien, welche das Fach in den vergangenen vierzig Jahren vollführt hat, bleibt so immer noch das Knochengerüst einer Nationalphilologie erkennbar. Es gab Zeiten, sie sind noch nicht so lange her, da stellte sich die Germanistik dieser volkspädagogischen Verantwortung mit großer Inbrunst. Sie schrieb und schlug vor, wie und was zu lesen sei. Anpassungsfähig praktisch gegenüber jeder Staatsform und jeder Art von Regierung, hat sich das Fach immer als eine von Werten getragene und Werte vermittelnde Disziplin verstanden.

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Ehrlich gesagt, war sie zusammen mit der Geschichtswissenschaft das politisch am meisten angepasste und konformistische Fach an der deutschen Universität. Im Bösen, und, was fast so schlimm ist, auch im korrekt Guten. Mittlerweile – die deutschen Identitätsfragen sind im Wesentlichen beantwortet oder in globaler Auflösung begriffen – könnte die Zurückhaltung der Germanistik jedoch nicht größer sein, die Kultur im Lande mitzuprägen. Keiner wünscht sich den alten geistespolitischen Opportunismus zurück, auch nicht die autoritären Dekrete der Großgermanisten von früher. Dennoch bleibt, was die entrückte literarische Vergangenheit betrifft, eine Leerstelle – und ein Phantomschmerz.

Erst 1966 fragte das Fach nach seiner Verstrickung in die Nazi-Ideologie

Niemand erhebt heute mehr ernsthaft Anspruch auf die literarische Überlieferung. Jeder könnte sich ihrer bedienen, aber nicht einmal das geschieht. Die Emphase wich der Verwaltung, und das ist auch dem akademischen Totstellreflex zu verdanken. Das Zögern, den Deutschen zu erklären, warum sie noch Lessing und Wieland und Schiller und Novalis lesen sollen, gehört zur aktuellen Anpassungsstrategie des Fachs an die Zeitumstände. Ehrgeizige Gesellschaftsentwürfe oder Utopien, die sich in Kultur niederschlagen und von dort aus Berechtigung saugen, existieren nicht mehr. Die nationalkulturelle Perspektive in der Rückschau aufs Vergangene gilt beinahe schon als anstößig.

Dabei – auch das gehört ins Bild – fand diese Wissenschaft im vergangenen Jahrzehnt zur produktiven Routine zurück. Dass sie altmodisch aussehen könnte, stört nur die Wissenschaftsbürokraten, ihre Studenten nicht. Graduiertenkollegs und Sonderforschungsbereiche zuhauf. Wo Überkapazitäten abgebaut werden, verlagert sich Forschung in Projekte für talentierte Nachwuchswissenschaftler. Sie sind finanziell und personell gut ausgestattet. Die wissenschaftliche Praxis hält weitenteils jeder Evaluierung stand. Wer als Privatdozent um die vierzig ist, hat in den kommenden Jahren sogar reelle Chancen, auf eine Professur berufen zu werden. Insgesamt also kein Grund zum Klagen.

Auch hat die Germanistik fortlaufende Pflichtaufgaben tadellos erledigt. Kein lesenswerter literarischer Text deutscher Sprache, der nicht in einer soliden Edition vorläge oder dafür vorbereitet würde. Keine muffige Autorität verordnet mehr, was als klassisch zu gelten und dass man davor strammzustehen habe: Bruchstücke einer großen Liberation. Vergleichbar nur mit der Historik, hat die Germanistik die Verstrickung ihrer Altvorderen in den Nationalsozialismus aufgearbeitet, seit die Assistenten und die jüngeren Professoren auf dem Germanistentag 1966 begonnen hatten, nach dem Verhalten ihrer akademischen Lehrer während der neuralgischen zwölf Jahre zu fragen. Die Grundlagen des Verstehens sind wissenschaftstheoretisch bis zum Punkt unüberwindlicher Unwissenschaftlichkeit geklärt worden, ohne in die alte »Methodendiskussion« zurückzufallen. Was ist der Ertrag? Jedenfalls kein gesichertes Selbstbewusstsein des Fachs. Bis heute sticht die beinahe rückhaltlose Auslieferung an herrschende Ideen und geistige Moden ins Auge, an Denk-Mächte, die vor allem symbolisches Kapital für die Germanisten in Aussicht stellen.

Seit den Siebzigern begriff man sich als geistiger Bestandteil der deutschen Katastrophe und suchte Zuflucht bei Figuren, die intellektuelle Unschuld versprachen: Benjamin und Adorno, Bloch, sogar Lukács, Luhmann und Habermas, Judith Butler oder Jacques Derrida. Kleine und große Fluchten – die Literatur wurde darüber zum Mittel für theoretische Exerzitien. Gelegentlich diente sie sogar dem ideologischen Exorzismus. So transparent ist darüber die deutsche Nationalliteratur geworden, dass sie heute wie ein leeres weißes Zimmer wirkt, durch dessen Fenster die Winde des Zeitgeistes ziehen.

Im Streit um einen deutschen Lesekanon schwieg die Germanistik

Folgerichtig schlug die weltanschauliche Allzuständigkeit der Germanistik irgendwann in Nichtzuständigkeit um. Wer wagt noch, eine starke These zu Goethe zu formulieren – und wenn, wen kümmert’s, wer spricht? Keine bedeutsamen, kontroversen Köpfe prägen heute mehr das Fach, keine Fragestellungen und Gegenstandsbereiche, die außerhalb des Elfenbeinturms für Aufregung sorgten, keine Außenseiter, Einzelgänger, Apokalyptiker, auf die zu achten sich lohnte. Wer selbstständig denken will, muss nach dem Studium erst einmal durchatmen, er muss vergessen und neu zu lesen beginnen.

Die Geschichte des Fachs ist gut beleuchtet, was aber aussteht, wäre eine aufrichtige Schadensbilanz der erregten Siebziger. Was diese Phase anlangt, gilt bisher das Prinzip des kommunikativen Beschweigens. 1945 markierte keine Zäsur, der Bruch mit geistigen Kontinuitäten setzte erst im Zuge der Studentenbewegung ein, als die Neue Linke das Fach kaperte, mit Büchern wie Klaus R. Scherpes Werther und Wertherwirkung (1970), Reinhold Grimms und Jost Hermands Die Klassik-Legende (1971) oder Christa Bürgers Der Ursprung der bürgerlichen Institution Kunst (1972). In die traditionswahrende, politisch konservative und zeitenthobene Werte zelebrierende Literaturbetrachtung brach der Furor der Geschichtsneuschreibung. Eine enorme Aktualisierung der Gesellschaftsgeschichte überlagerte das Literarische. Das Künstlerische an den Gegenständen weckte fortan eher Skepsis denn Neugier. Die Literatur wurde eingepasst in ein neues, umfassendes Projekt der Sozialgeschichtsschreibung. Es war ein Projekt mit klar formulierten Interessen an Gesellschaftskritik und Gesellschaftsveränderung.

Seither demonstriert die Germanistik ein seltsam zwiegespaltenes Verhältnis zu ihren Gegenständen: Potenziell war danach alles Überlieferte vom Ungeist kontaminiert. Es harrte der Reinigung oder gar der Auslöschung. Kulturelles hatte sich seither vor dem Gerichtshof der – richtig gedeuteten – Geschichte zu rechtfertigen. Der Literaturwissenschaftler Peter Bürger brachte 1979 diese Haltung auf den Punkt: »Die Legitimationsfunktion, die die Kultur für die Besitzenden übernommen hat, ist spätestens im Umkreis der historischen Avantgardebewegungen aufgedeckt worden. Sie bilden die historische Voraussetzung für Herbert Marcuses dialektische Kritik an der bürgerlichen Kultur als einer affirmativen, d. h. als einer, die zugleich das Gegenbild einer besseren Welt festhält und deren praktische Verwirklichung verhindert.«

Im Affirmativen tätig zu sein und es gleichzeitig demontieren zu können, das fühlte sich nach Macht in der Ohnmacht an und befeuerte den Ehrgeiz, Gut und Böse zu unterscheiden. Zum Teil groteske Verwerfungen waren die Folge: Drittklassige jakobinische Autoren stiegen zu »eigentlichen« Klassikern auf; Jean Paul und Hölderlin avancierten zu Revolutionspoeten; Gesinnungsabweichungen, wie etwa den Monarchismus des späten Heinrich Heine, unterschlug man; ein »schwarzer« Kanon bildete sich, der Unliebsamen, der politisch Diskreditierten: Nietzsche, Rilke und Doderer, Ernst Jünger oder Gottfried Benn. Den großen Mehrdeutigen wie Goethe, den Romantikern oder Thomas Mann konnte diese Sezierkunst wenig anhaben. Was sich jedoch abzeichnete, das war ein prinzipielles Misstrauen gegenüber der kulturellen Hinterlassenschaft.

Daraus ergab sich zwangsläufig – und es prägt die Germanistik in Teilen bis auf den heutigen Tag – ein Vorrang der literaturwissenschaftlichen Praxis gegenüber der Literatur. Germanistik wurde zum kulturellen Reinigungsritual oder zur Sozialarbeit, zur Gruppentherapie oder zur Ideologiekritik, jedenfalls zu einer Übung zum Zwecke der Abbuße historischer Schuld. Feministische Literaturwissenschaft ist noch immer zuvörderst Arbeit am Feminismus, auch die »Gender Studies« wollen die gesellschaftliche Gerechtigkeit unter den Geschlechtern befördern, und die Dekonstruktion bleibt ein geistiger Kampf für die Rechte kulturell unterrepräsentierter Minderheiten.

Innerhalb der Disziplin ließ eine Reaktion auf diese Verwechselung von Wissenschaft mit sozialer Praxis sogar recht lange auf sich warten. Erst die jüngste Generation von Germanisten weist die unausgesprochenen Motive zurück, die in der Versozialwissenschaftlichung stecken oder in der postmodernistischen Suche nach politisch bedenklichen Selbsttäuschungen innerhalb der abendländischen Überlieferung. Eine gewisse philologische und theoretische Strenge greift Platz, und seit den Neunzigern gräbt sich die zweite Zäsur in die Geschichte des Fachs nach dem Krieg ein. Bezeichnenderweise aber nicht in Gestalt dramatischer Abgrenzungen von den Vätern, sondern durch Verlagerung von Forschungsschwerpunkten, wozu auch die stillschweigende Unzuständigkeitserklärung in Hinblick auf die Öffentlichkeit gehört.

Vor allem eine vom weltanschaulichen Bombast gereinigte Ideengeschichte bildet den neuen Mainstream. Alles ist sauber, seriös und freut die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Aber mit Literatur hat das nur am Rande zu tun. Daneben kann man sich zur Not noch über »Körperströme und Schriftkultur« habilitieren, denn auch die Duldsamkeit gegenüber dem Gaga ist ein Zeichen der Zeit.

Es verwundert, wie selten und zögerlich sich die Germanisten, auch die politisch artikulationswilligen unter ihnen, auf das Ästhetische an der Literatur beziehen. Gemeint ist jene Beschaffenheit, die sich historiografischen Einordnungen beharrlich entzieht, das Realitätszerstörende, Utopische an ihr, ihr Anarchisches und Libertäres. Dass der Gedanke der ästhetischen Überschreitung, Übertretung ein untergründig politischer sei und sogar über eine historische Dimension verfüge, scheint den Denkstilen des Fachs entgegenzustehen.

Vielleicht ist auch das ein Erbe der Reformgermanistik nach 1970. Denn der Aufstand des Emanzipatorischen gegen die Tradition spielte sich auch als Revolte gegen eine ästhetisierende Literaturbetrachtung ab. Das Alte, das war die so genannte »werkimmanente Interpretation«, für die Namen wie Emil Staiger oder Wolfgang Kayser stehen. Es ging den Werkimmanenten in der Tat um die Kunst, aber sie waren konservativ bis ins Mark, blieben geprägt vom antimodernen Ressentiment der dreißiger Jahre. Sie taten viel für die Beschreibung ästhetischer Strukturen, letzten Endes boten sie aber immer nur wieder die Autorität des Bewährten gegen den gesellschaftlichen und künstlerischen Verfall der Gegenwart auf. Ordnung, Dauer, Gesetz, Maß – 1964 polemisierte Wilhelm Emrich gegen Peter Weiss, und Weiss war es auch, der zwei Jahre darauf dem Großgermanisten Staiger in seiner berüchtigten Zürcher Rede ins Visier geriet.

Kunst – das war einmal das Konservative. Wen das abschreckte, der musste zwangsläufig im Namen der beweglichen Geschichte gegen den Starrsinn des Klassischen Partei ergreifen, wenngleich es auch unter den damals jüngeren Literaturwissenschaftlern Besonnene gab, die den Gedanken ästhetischer Autonomie niemals preisgaben: Peter Szondi, aber auch Walter Müller-Seidel, Eberhard Lämmert, Karl Robert Mandelkow, Wilfried Barner oder Gerhard Kaiser.

Die Ästhetik lebt nur noch hier und da auf einem Katheder

Das Verhältnis der Fachgermanistik zur aktuellen Kunst blieb danach im Wesentlichen unglücklich. Nur wenige setzen sich heute ernsthaft mit neu erscheinender Literatur auseinander. Und theoretisch anspruchsvolle ästhetische Positionen vertritt weder die Literaturwissenschaft noch die Literaturkritik. Die Kanonbildung ist an die TV-Selbstdarsteller und die Marketingabteilungen der Verlage übergegangen. Dabei wäre gerade in dieser Diskussion die Stimme einer ihrer Aktualität gewissen Literaturwissenschaft von Interesse gewesen.

Vielleicht tut es ja der Germanistik gut, nach dem Größenwahn, sich zur gesellschaftsverändernden Kraft zu erklären und nach all ihrer Theorie-Promiskuität fürs Erste im Ruhraum zu verharren. Vielleicht ist das ja eine Inkubationsphase. Die Erfahrung lehrt, dass auf Zeiten energischer Wissenschaftlichkeit Zeiten neuen Interesses an der Literatur folgen. Nach einer Ewigkeit des Positivismus trat 1887 Wilhelm Dilthey mit seiner Schrift Die Einbildungskraft des Dichters hervor. Ihre Wirkung zeigte, dass man sie heimlich erwartet hatte. Doch ein Dilthey ist heute nicht in Sicht. Die Literaturwissenschaft richtet sich an die Literaturwissenschaftler, nicht an ein fiktives Ich in der Gesellschaft, das an seiner Gegenwart interessiert, womöglich von ihr fasziniert ist - und damit auch an der Spannung, in der die Literatur zur Wirklichkeit steht. Dilthey schrieb damals: "Unsere Ästhetik lebt wohl hier und da noch auf einem Katheder, aber nicht mehr in dem Bewußtsein der leitenden Künstler oder Kritiker, und da allein wäre doch ihr Leben." Wäre doch.

 
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