Die erschöpften GermanistenSeite 3/3
Vor allem eine vom weltanschaulichen Bombast gereinigte Ideengeschichte bildet den neuen Mainstream. Alles ist sauber, seriös und freut die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Aber mit Literatur hat das nur am Rande zu tun. Daneben kann man sich zur Not noch über »Körperströme und Schriftkultur« habilitieren, denn auch die Duldsamkeit gegenüber dem Gaga ist ein Zeichen der Zeit.
Es verwundert, wie selten und zögerlich sich die Germanisten, auch die politisch artikulationswilligen unter ihnen, auf das Ästhetische an der Literatur beziehen. Gemeint ist jene Beschaffenheit, die sich historiografischen Einordnungen beharrlich entzieht, das Realitätszerstörende, Utopische an ihr, ihr Anarchisches und Libertäres. Dass der Gedanke der ästhetischen Überschreitung, Übertretung ein untergründig politischer sei und sogar über eine historische Dimension verfüge, scheint den Denkstilen des Fachs entgegenzustehen.
Vielleicht ist auch das ein Erbe der Reformgermanistik nach 1970. Denn der Aufstand des Emanzipatorischen gegen die Tradition spielte sich auch als Revolte gegen eine ästhetisierende Literaturbetrachtung ab. Das Alte, das war die so genannte »werkimmanente Interpretation«, für die Namen wie Emil Staiger oder Wolfgang Kayser stehen. Es ging den Werkimmanenten in der Tat um die Kunst, aber sie waren konservativ bis ins Mark, blieben geprägt vom antimodernen Ressentiment der dreißiger Jahre. Sie taten viel für die Beschreibung ästhetischer Strukturen, letzten Endes boten sie aber immer nur wieder die Autorität des Bewährten gegen den gesellschaftlichen und künstlerischen Verfall der Gegenwart auf. Ordnung, Dauer, Gesetz, Maß – 1964 polemisierte Wilhelm Emrich gegen Peter Weiss, und Weiss war es auch, der zwei Jahre darauf dem Großgermanisten Staiger in seiner berüchtigten Zürcher Rede ins Visier geriet.
Kunst – das war einmal das Konservative. Wen das abschreckte, der musste zwangsläufig im Namen der beweglichen Geschichte gegen den Starrsinn des Klassischen Partei ergreifen, wenngleich es auch unter den damals jüngeren Literaturwissenschaftlern Besonnene gab, die den Gedanken ästhetischer Autonomie niemals preisgaben: Peter Szondi, aber auch Walter Müller-Seidel, Eberhard Lämmert, Karl Robert Mandelkow, Wilfried Barner oder Gerhard Kaiser.
Die Ästhetik lebt nur noch hier und da auf einem Katheder
Das Verhältnis der Fachgermanistik zur aktuellen Kunst blieb danach im Wesentlichen unglücklich. Nur wenige setzen sich heute ernsthaft mit neu erscheinender Literatur auseinander. Und theoretisch anspruchsvolle ästhetische Positionen vertritt weder die Literaturwissenschaft noch die Literaturkritik. Die Kanonbildung ist an die TV-Selbstdarsteller und die Marketingabteilungen der Verlage übergegangen. Dabei wäre gerade in dieser Diskussion die Stimme einer ihrer Aktualität gewissen Literaturwissenschaft von Interesse gewesen.
Vielleicht tut es ja der Germanistik gut, nach dem Größenwahn, sich zur gesellschaftsverändernden Kraft zu erklären und nach all ihrer Theorie-Promiskuität fürs Erste im Ruhraum zu verharren. Vielleicht ist das ja eine Inkubationsphase. Die Erfahrung lehrt, dass auf Zeiten energischer Wissenschaftlichkeit Zeiten neuen Interesses an der Literatur folgen. Nach einer Ewigkeit des Positivismus trat 1887 Wilhelm Dilthey mit seiner Schrift Die Einbildungskraft des Dichters hervor. Ihre Wirkung zeigte, dass man sie heimlich erwartet hatte. Doch ein Dilthey ist heute nicht in Sicht. Die Literaturwissenschaft richtet sich an die Literaturwissenschaftler, nicht an ein fiktives Ich in der Gesellschaft, das an seiner Gegenwart interessiert, womöglich von ihr fasziniert ist - und damit auch an der Spannung, in der die Literatur zur Wirklichkeit steht. Dilthey schrieb damals: "Unsere Ästhetik lebt wohl hier und da noch auf einem Katheder, aber nicht mehr in dem Bewußtsein der leitenden Künstler oder Kritiker, und da allein wäre doch ihr Leben." Wäre doch.
- Datum 09.09.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 09.09.2004 Nr.38
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