Bischof Huber, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, wünscht sich angesichts der Geiseldramen in Beslan und im Irak "Klarheit von den deutschen Muslimen". Sie seien sicher "genauso fassungslos wie ich selbst" über die Gräueltaten jener "Fanatiker, die sich auf den Islam berufen". Huber lobt die russischen und französischen Muslime, die sich klar gegen die Terroristen gestellt hatten.

Die prompte Reaktion des Zentralrats der Muslime zeigt jedoch wieder einmal die ganze Misere des organisierten Islams in Deutschland: Man gibt sich als beleidigtes Opfer, droht, den Dialog mit den Kirchen abzubrechen, und geht flugs zum Gegenangriff über. Nicht gegen die Islamisten, sondern gegen den Bischof, der die friedliebenden deutschen Muslime bereits durch seine Aufforderung zur Distanz verleumde. Statt sich auch nur im geringsten erschüttert zu zeigen, verharmlost der Ratsvorsitzende Nadeem Elyas die Massenmörder von Beslan zu "so genannten islamistischen Terroristen".

Der Sprecher der deutschen Muslime hat nicht verstanden, dass sich der Terror längst auch gegen die Lebensweise der Muslime in den westlichen Gesellschaften richtet. Es geht in dieser Lage nicht mehr bloß um die öffentliche Distanzierung: Denn dass die große Mehrzahl der hiesigen Muslime den Terror im Namen Gottes ablehnt, wie die Verbandssprecher auf Nachfrage pflichtschuldig verkünden, ist ja eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Erwarten darf man mehr. Die Muslime müssen den Kampf gegen die Dschihadisten, die ihren Glauben pervertieren, endlich zu ihrem eigenen machen.

Eine französische Muslimin hat in der vergangenen Woche einen Satz gesagt, der diesen Wendepunkt markiert: "Ich weigere mich hinzunehmen", sagte Fatiha Ajbli vom Vorstand der UOIF, der größten muslimischen Vereinigung Frankreichs, "dass mein Kopftuch mit Blut befleckt wird." Und die Publizistin Malika Dif springt ihr im fundamentalistischen Internet-Forum Oumma.com bei: "Über diese Geiselnahme hinaus verurteile ich alle Gewaltakte, die im Namen des Islams gegen Juden, Christen und Muslime begangen werden. Wir Muslime dürfen uns nicht manipulieren lassen."

Verkehrte Welt: Frau Ajbli bedeckt selber ihre Haare, und ihr Verband kämpft erbittert gegen das Gesetz, das seit Beginn vergangener Woche das Tragen jeglicher auffälligen religiösen Symbole in der Schule verbietet. Nun aber verteidigt sie den Laizismus gegen seine islamistischen Feinde. Der Versuch der Terroristen von der Islamischen Armee im Irak, durch die Geiselnahme zweier Journalisten das französische Kopftuchgesetz zu Fall zu bringen, muss vereitelt werden. Darin sind sich sämtliche französischen Verbände einig. Sie haben – ohne staatliche Aufforderung – ein "Komitee zur Befreiung" der beiden Journalisten gegründet, die sie in ihren Aufrufen schlicht und einfach als "unsere beiden Landsleute" bezeichnen.

Das nichtmuslimische Frankreich, das sich zum Schulbeginn auf einen Kulturkampf der muslimischen Organisationen gegen den säkularen Staat eingestellt hat, sieht sich stattdessen von einer Welle des islamischen Patriotismus überrascht: Eine verschleierte Frau bietet sich im französischen Fernsehen als Austausch für die Geiseln an. In Straßburg setzen die Pro-Kopftuch-Aktivisten ihre Telefonhotline aus, bei der sich junge Mädchen Tipps zur Umgehung des Gesetzes holen können. Die Imame aller führenden Moscheen rufen die Mädchen auf, die Tücher vor dem Betreten der Schulen abzunehmen. Bis auf einige wenige Schülerinnen im Elsass leisten die jungen Frauen Folge.

Es ist nicht ausgemacht, dass dieser Konsens auch nach dem Ende des Geiseldramas halten wird. Aber man kann die Symbolkraft all dieser Aktionen kaum überschätzen. Erstmals haben sich Gläubige massenhaft und öffentlich dagegen verwahrt, dass von außen her definiert wird, was es heißt, ein europäischer Muslim zu sein. Bin Ladens rechte Hand al-Zawahiri hatte zu Beginn dieses Jahres erklärt, die Kopftuchfrage sei Grund genug für einen Dschihad gegen Frankreich. Doch die französischen Muslime machen nun klar, dass sie nicht von einer selbst ernannten Islamischen Armee befreit werden wollen. Im Gegenteil: Für sie ist durch die Entführung unabweisbar geworden, dass die religiöse Freiheit, die Muslime in Europa – anders als in vielen Herkunftländern – genießen, gegen jenen Totalitarismus verteidigt werden muss, der wie ein Parasit von ihrer Religion Besitz zu ergreifen versucht.

Vielleicht zeigt sich hier erstmals ein selbstbewusster europäischer Islam, der den Diaspora-Komplex ablegt. Die Klagen über die grassierende Islamophobie des Westens, die auch von französischen Verbandsvertretern sonst oft zu hören sind, sind jedenfalls verstummt. Die französischen Muslime sind von Opfern zu Handelnden geworden, und siehe da: Das offizielle Frankreich ist voller Lob für die muslimische Delegation, die in Bagdad über die Freilassung der Geiseln verhandelt hat.