Das kommt davon, wenn man Hals über Kopf nach Rio de Janeiro fliegt. Wenn man nichts als ein abgelaufenes Visum im Pass hat und im Kopf die fixe Idee, "ein paar Stunden am Strand zu verbringen". Natürlich haben die brasilianischen Einreisebeamten ihn abgewiesen, und jetzt sitzt Jack Vroom über einem Tee und einem pão de queijo in der Abschiebesektion des internationalen Flughafens. Eine Gestalt, wie man sie schon von weitem als einen weltgewandten amerikanischen Geschäftsreisenden ausmacht. Jack Vroom ist Texaner, 60 Jahre alt, mit kräftigem Körperbau und polternder Stimme. Grau meliertes Haar, die Ärmel seines dunkelblauen Businesshemdes hochgeschlagen, am Arm einen Breitling-Chronografen.

"Die Hälfte meiner Flüge sind inzwischen Lustreisen"

Über sein Pech am Einreiseschalter mag sich Jack Vroom gar nicht aufregen. Schließlich wird schon bald die Flughafen-Lounge öffnen, und in ein paar Stunden geht es in die Heimat zurück, mit dem nächsten dieser American-Airlines-Flieger, in denen Jack Vroom so herrlich schlafen kann. Ganz vorne, in der ersten Klasse, wo jeder Passagier sein eigenes Bett bekommt. Wo das Brummen der Flugzeugmotoren nur leise in die Kabine dringt und sie zum Frühstück frische Eier braten. In zwei Tagen will er es dann noch einmal versuchen. Dann wird er ein zweites Mal aus seiner Heimatstadt Dallas über Miami ins ferne Rio fliegen und versuchen, sich an den Einreisebeamten vorbeizumogeln.

Willkommen im rastlosen Leben von Jack Vroom, dem König der Vielflieger. "Irgendwas tickt bei mir nicht richtig", sagt er und deutet entschuldigend mit dem Zeigefinger auf seine Schläfe. "Ich liebe es einfach zu fliegen." Zwei-, drei-, viermal in der Woche. Immer in der ersten Klasse. 27 Millionen Bonusmeilen hat Jack Vroom auf diese Weise schon gesammelt, das entspricht mehr als etwa 1000 Flügen um den Äquator oder mehr als 100 Flügen zum Mond. "Wenn Sie das aus Ihrem Notizblock alles in den Computer getippt haben, sind es längst 28 Millionen", sagt Vroom, lehnt sich zufrieden zurück und lauscht für ein paar Sekunden der Musik. Aus den Flughafen-Lautsprechern tönt ein verhaltener Bossa nova.

Jack Vroom ist Unternehmer, ein reicher Mann, aber kein Milliardär und erst recht kein Verschwender. Er fliegt quasi kostenlos. Seine ungewöhnliche Geschichte begann im Jahr 1988, als er ein Sonderangebot von American Airlines entdeckte und gerade noch rechtzeitig zuschlug. Für 500000 Dollar bot die Fluggesellschaft an, Kunden ein Leben lang in der ersten Klasse zu befördern. Das war offensichtlich eine Fehlkalkulation, und wenige Monate später verschwand das Angebot wieder vom Markt. Für den vielreisenden Geschäftsmann Vroom aber machte sich die Sache schnell bezahlt: Er arbeitete damals als Berater für Versandunternehmer in aller Welt und hätte über die kommenden fünf Jahre fast genauso viel für Flugreisen ausgegeben wie für das Superticket. "Aber vor allem habe ich den Gedanken geliebt: Wenn ich eines Tages bankrott ginge, würde ich immer noch an Bord eines Flugzeugs schlafen und essen können", sagt Vroom.

Heute gehört er zu den schätzungsweise 40 Leuten auf der Welt, die die geheimnisvolle, unscheinbare Airpass-Karte von American Airlines in ihrer Brieftasche tragen. Links unten auf dem grauen Stück Plastik steht sein Name, rechts unten steht "Gültigkeit: auf Lebenszeit". Es ist nicht so, dass Jack Vroom seine Karte oft vorzeigen müsste. Sie kennen ihn alle: die Buchungsagenten und das Bodenpersonal beim Check-in, die Empfangschefs der Lounges und sogar das American-Airlines-Topmanagement (dessen Mitglieder sich oft neben Vroom in der ersten Klasse wiederfinden und dann Vorträge über effiziente Unternehmensführung zu hören bekommen). An den Flughäfen der Welt begrüßt man Jack Vroom mit seinem Vornamen, und man kommentiert es, wenn er sich nach Jahren eine neue Reisetasche zulegt.

"In irgendeinem Keller bei American Airlines muss der arme Beschäftigte hängen, der das Programm damals erfunden hat", vermutet der Vielflieger, "und sie bewerfen ihn jeden Tag mit Dart-Pfeilen." Ein ehemaliger Präsident der Fluggesellschaft hat Vroom tatsächlich einmal auf einem Cocktailempfang von der Seite angesprochen. Er fliege zu viel. "Ich koste die doch kaum etwas", entgegnete Vroom, "die meisten Leute bezahlen nicht den vollen Preis für ihre Tickets in der ersten Klasse. Und weil ich auf Diät bin, esse ich nicht mal den Nachtisch."

Überhaupt: Die Präsidenten bei American Airlines mögen kommen und gehen, doch Jack Vroom ist geblieben, und seine Reisegewohnheiten werden immer ausgefallener. In den ersten Jahren nutzte er seinen Airpass vor allem für Geschäftsreisen, und noch heute fliegt er zu Beratungskunden in aller Welt, engagiert sich im Handel mit raren Rock-’n’-Roll-Memorabilien und vertreibt Silberschnallen für Cowboygürtel. "Doch die Hälfte meiner Reisen sind inzwischen Lustreisen", gibt Vroom zu. Wohin verschlägt es einen, dem für den Rest seines Lebens die Welt zu Füßen liegt? "Ach, wenn Sie jederzeit irgendwohin fliegen können, verliert das Reisen diese Wichtigkeit", findet Vroom. "Dann muss das Ziel nichts Besonderes sein. Dann können Sie sagen: Ich fliege jetzt einfach mal nach Duisburg."