Stillleben mit Buch Dante schläft. Wir sehen ihn schlafen
Wir haben ewig nichts von Stefan George gehört.
Von einem bestimmten Alter an sah Stefan George wie Dante aus, er sah gern wie Dante aus, aber natürlich sind das bloß Attitüden.
Ist es schön, wie Dante auszusehen? Ist es angenehm? Oder angenommen, man nimmt es hin, wie Dante auszusehen: Spricht nun irgendetwas dafür, wie Dante aussehen zu wollen? Ausgerechnet wie Dante? Andererseits sieht auch Franz Liszt manchmal wie Dante aus, sodass also Stefan George vielleicht nur wie Franz Liszt aussehen wollte, aber keiner hat es ihm abgenommen, alle fanden, er sähe wie Dante aus, und darein hätte er sich dann schließlich geschickt.
Aber, wie gesagt, das sind alles bloß Attitüden.
Eigentlich nämlich (aber was heißt »eigentlich«, nicht?) war Stefan George der Sohn eines Weinhändlers und Gastwirts aus Büdesheim, als er fünf war, zog die Familie nach Bingen, am Rhein. Schön war auch das Geld, das die Familie hatte, der junge Mann brauchte nichts zu lernen für den Lebensunterhalt. Er reiste herum in Europa, studierte überall, lernte die großen Lyriker seiner Zeit kennen (in Paris Mallarmé zum Beispiel, in England Swinburne, und das waren wirklich Kapazitäten), und als er zweiundzwanzig war, veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband.
Hymnen hieß das Bändchen, für keine große Öffentlichkeit gedruckt in einhundert Exemplaren, dann folgten, einhundert Stück auch jetzt, Pilgerfahrten, dann, 1892, Algabal, davon gab es nur noch zehn Stück. Schon war alles bei ihm kleingeschrieben und so gut wie ohne irgendwelche Satzzeichen (später hat er dann diese hoch gestellten Punkte eingeführt, ungefähr, als wäre einem Semikolon das Komma weggelaufen, und nun steht da dieser wie verloren aussehende Punkt – kein Punkt eigentlich, irgendwas zwischen Komma und Semikolon).
Kleinschreibung und die Abwesenheit von Satzzeichen geben den Versen nun gleich eine sonderbare Art von Erhabenheit (Dante), eine gewisse Erzgegossenheit sozusagen (dito), jedenfalls sieht es so aus. Aber vielleicht klingen die Verse auch schon an und für sich so, und alles andere sind bloß Attitüden, das ist wirklich so schwer auseinander zu halten wie Dante und Liszt. Dann folgten Die Bücher der Hirten- und Preisgedichte, dann kam (sagenhafte Titel fand dieser kosmopolitische Weinhändlerssohn) Das Jahr der Seele, dann, 1900, und vielleicht doch eine Idee schnörkelig, Der Teppich des Lebens und die Lieder von Traum und Tod mit einem Vorspiel, nun ja. Und jetzt gehn wir ins Einzelne.
Im Teppich des Lebens nämlich, dem zweiten Teil des Bandes, steht ein außerordentlich gutes Gedicht (dass das nur nicht untergeht bei den vielen Attitüden: Stefan George ist ein großer Dichter), Der Täter, es fängt an: »Ich lasse mich hin vorm vergessenen Fenster: nun tu / die Flügel wie immer mir auf und hülle hienieden / du stets mir ersehnte du segnende Dämmrung mich zu / heut will ich noch ganz mich ergeben dem lindernden Frieden…« – denn am folgenden Morgen will er jemanden umbringen (der Täter).
Ein wunderbares Gedicht. Natürlich gibt es viele Handschriften Georges, und eine sehr ausführliche Handschaft einer von George wohl zeitweilig schon für definitiv gehaltenen Fassung dieses Teppichs des Lebens war inzwischen mindestens siebzig Jahre lang (so lange ist George tot seit letztem Dezember) im Besitz von Freunden Georges, die darauf saßen, wenn man einmal ein bisschen eher gastwirtsmäßig als Dante-like reden darf. Man wusste (»man«: die George-Forschung) kaum, dass es das Heft gab, und gar nicht, was drinstand.
Jetzt ist das Heft ediert worden, irgendwer hat es doch endlich herausgerückt (wenn man sich so ausdrücken darf), der Täter ist auch drin, und es heißt da nun, und ohne jegliche Korrekturen Stefan Georges (deren es sonst manche gibt), also als hätte er das so gewollt (kann kaum sein, der Druck ist anders), oder eben als hätten wir da vor uns, was wir (denn die Handschaft Georges ist schon ganz erzgegossen) nun gewissermaßen, im Grund ein Unding, ein erzgegossenes Schreibfehlerchen nennen müssen, da heißt es also: »Ich lasse mich hin vorm verlassenen Fenster: nun tu…« – lasse lasse… – ist das nicht rührend? Dante schläft, wir sehn ihn schlafen.
Attitüden. Sie gehn uns nichts an, jetzt beginnen wir mit einer vernünftigen Lektüre Georges.
Stefan George: Der Teppich des Lebens und die Lieder von Traum und Tod mit einem Vorspiel Faksimile der Handschaft. Befunde der Handschaft. Für die Stefan George Stiftung herausgegeben von Elisabeth Höpker-Herberg; Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2003; 32 + 118 S., 49,90 ¤Der Teppich des Lebens und die Lieder von Traum und Tod mit einem VorspielLyrikBelletristik2 Bände; Für die Stefan George Stiftung herausgegeben von Elisabeth Höpker-HerbergStefan GeorgeBuchKlett-Cotta2003Stuttgart49,9032 bzw. 118- Datum 09.09.2004 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 09.09.2004 Nr.38
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



