Stillleben mit Buch Dante schläft. Wir sehen ihn schlafenSeite 2/2

Im Teppich des Lebens nämlich, dem zweiten Teil des Bandes, steht ein außerordentlich gutes Gedicht (dass das nur nicht untergeht bei den vielen Attitüden: Stefan George ist ein großer Dichter), Der Täter, es fängt an: »Ich lasse mich hin vorm vergessenen Fenster: nun tu / die Flügel wie immer mir auf und hülle hienieden / du stets mir ersehnte du segnende Dämmrung mich zu / heut will ich noch ganz mich ergeben dem lindernden Frieden…« – denn am folgenden Morgen will er jemanden umbringen (der Täter).

Ein wunderbares Gedicht. Natürlich gibt es viele Handschriften Georges, und eine sehr ausführliche Handschaft einer von George wohl zeitweilig schon für definitiv gehaltenen Fassung dieses Teppichs des Lebens war inzwischen mindestens siebzig Jahre lang (so lange ist George tot seit letztem Dezember) im Besitz von Freunden Georges, die darauf saßen, wenn man einmal ein bisschen eher gastwirtsmäßig als Dante-like reden darf. Man wusste (»man«: die George-Forschung) kaum, dass es das Heft gab, und gar nicht, was drinstand.

Jetzt ist das Heft ediert worden, irgendwer hat es doch endlich herausgerückt (wenn man sich so ausdrücken darf), der Täter ist auch drin, und es heißt da nun, und ohne jegliche Korrekturen Stefan Georges (deren es sonst manche gibt), also als hätte er das so gewollt (kann kaum sein, der Druck ist anders), oder eben als hätten wir da vor uns, was wir (denn die Handschaft Georges ist schon ganz erzgegossen) nun gewissermaßen, im Grund ein Unding, ein erzgegossenes Schreibfehlerchen nennen müssen, da heißt es also: »Ich lasse mich hin vorm verlassenen Fenster: nun tu…« – lasse lasse… – ist das nicht rührend? Dante schläft, wir sehn ihn schlafen.

Attitüden. Sie gehn uns nichts an, jetzt beginnen wir mit einer vernünftigen Lektüre Georges.

Stefan George: Der Teppich des Lebens und die Lieder von Traum und Tod mit einem Vorspiel Faksimile der Handschaft. Befunde der Handschaft. Für die Stefan George Stiftung herausgegeben von Elisabeth Höpker-Herberg; Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2003; 32 + 118 S., 49,90 ¤Der Teppich des Lebens und die Lieder von Traum und Tod mit einem VorspielLyrikBelletristik2 Bände; Für die Stefan George Stiftung herausgegeben von Elisabeth Höpker-HerbergStefan GeorgeBuchKlett-Cotta2003Stuttgart49,9032 bzw. 118
 
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