Der höchste Berg Deutschlands?« – »Die Zugspitze natürlich.« – »I wo, dummer Bub!« – »Ähm … vielleicht der Großglockner?« Auch falsch, rügt der Vater und erklärt weihevoll: »Es ist die Kaiser-Wilhelm-Spitze.«

Selbige ist in Afrika auch unter dem Namen Kilimandscharo bekannt.

Das gleiche Fragespiel hatte schon der Großvater mit dem Vater durchexerziert. Der alte Grill konnte den Verlust der Kolonie Deutsch-Ostafrika nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg nie verwinden, für ihn blieb der Kilimandscharo mit seinen drei Gipfeln – Kibo, Mawenzi und Shira – ein reichsdeutsches Naturgut. Für den Enkel wurde er zum Projektionsraum allen Fernwehs: das Negerreich Kilema, die Nelkeninsel Sansibar, Buschiri, der ruchlose Sklavenjäger, der weiße Missionare mit der Keule erschlägt, die Krokodile im Rufiji und über allem der Schneedom des heiligen Berges. Er musste irgendwann erobert werden, das war von klein auf klar.

Moshi, Tansania, letzte Trainingseinheit. Wir joggen durch die Reisfelder am Stadtrand. Fünfe sind wir, ein Schweizer, vier Oberbayern. Über der Stadt thront der »Kili« majestätisch, urgewaltig, 5893 Meter steigt er in den Himmel hinauf, der höchste frei stehende Berg der Welt. Aber im Dunstschleier wirkt er so hübsch und harmlos wie auf einem zarten Grisaille-Gemälde. Cedric, der Eidgenosse, sagt: »Man hat eigentlich nur so ein Hügelgefühl.«

Von diesem »Hügel« wurde gestern eine Leiche heruntergetragen. Ein 39-jähriger Mann war in der Gletscherzone an einem Lungenödem gestorben. Aber das wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Wir sahen die Besteigung des Kilimandscharo so, wie es in einem amerikanischen Reiseführer stand: a stroll at high altitude, ein Spaziergang auf großer Höhe – also ein Kinderspiel für uns Alpenmenschen.

Machame Gate, 1800 Meter über null , Abmarsch auf der Höhe der Kampenwand. Es regnet, zwei Hundertschaften von jungen Männern drängeln an die Absperrung. Sie suchen Arbeit, sie wollen porter sein, bezahlte Träger. Aber sie haben keine Chance, die Jobs sind längst vergeben. Je zwei Träger wurden für jeden von uns abgestellt, also zehn Mann, dazu ein Koch, ein Kellner, ein Zeltwart sowie der Bergführer und sein Assistent. Die Träger schleppen Zelte, Kochgerät, Geschirr, Nahrungsmittel, Wasser, Klobehälter und unser Hauptgepäck – eine Karawane wie in den Zeiten, als dem Deutschen Hans Meyer und dem Österreicher Ludwig Purtscheller die Erstbesteigung gelang. Anno 1889 war das, am 6. Oktober. Die Ausrüstung der Helfer hat sich seitdem nicht wesentlich verbessert. Sie gehen seit 100 Jahren in zerschlissenen Kleidern. Ihr Schuhwerk ist erbärmlich, manche tragen nur Badelatschen. Die meisten sind gegen Nässe, Kälte und Hitze unzureichend geschützt. Trotzdem ziehen sie schon bald an uns vorbei, schwer beladen, leichtfüßig, fröhlich schwatzend, als wollten sie dem Klischee vom Frohsinn der armen Afrikaner entsprechen.

Wir werden in den nächsten Tagen fünf Vegetationszonen durchqueren, die botanisch so weit voneinander entfernt sind wie der Äquator und die Arktis. Das tropische Kulturland, die Kaffeeplantagen, Bananenhaine und Maisäcker an den Bergausläufern haben wir im klapprigen Kleinbus durchfahren. Jetzt wandern wir in der Stille des montanen Regenwaldes. Kein Vogelsang, kein Laut, nur das Tröpfeln und Glucksen und Flüstern und Schmatzen des Regens. Grüne Giganten säumen den Steig, Adlerfarne, Drachenbäume, Hagenien. Ihre Laubkronen, aus denen Lianen und Luftwurzler fransen, verschluckt der Nebel. Wir befinden uns in der Wolkenkrempe, die den Kilimandscharo fast immer verhüllt. Man sieht ihn nicht, man ahnt ihn nur.

Pole, pole, mahnt Bruce Lyimo, unser Bergführer. Langsam, langsam auf Kisuaheli. Wir werden diese Worte noch oft hören, sie sind das Mantra zum Erfolg. Gemächlich gehen, sehr viel trinken (drei bis vier Liter täglich!), positiv denken. Nur so kommt ihr rauf, sagt Bruce.