anti-ageingAuweia, Papaya!

Der Aids-Entdecker Luc Montagnier will die Menschen vom Altern "heilen" und verordnet exotische Fruchtextrakte gegen den Stoffwechselstress von Michael Mönninger

Eigentlich müsste die Rue Cortambert ein Wallfahrtsort sein, gesäumt von weggeworfenen Krücken und verlassenen Rollstühlen, von Blumenspenden und Votivbildern, wie man sie von der Prozessionsstraße in Lourdes kennt – doch alles, was bislang von der Stätte des neuen Wunderheilers im Pariser Westen kündet, ist ein wackliges Klingelschild an einer bescheidenen Parterrewohnung. Ein kräftiger Herr mit vollem Haar, breiter Boxernase und gütigem Buddha-Lächeln öffnet die Haustür: "Wenn Sie eine Sensationsgeschichte suchen, sind Sie etwas zu früh gekommen – so etwa zehn bis zwanzig Jahre."

Gestatten: Professor Luc Montagnier, 72, Onkologe, Virologe, Entdecker des Aids-Virus, Präsident der Unesco-Stiftung zur Bekämpfung von Aids, seit Jahren Anwärter auf den Nobelpreis für Medizin. Er gilt als Frankreichs berühmtester Wissenschaftler – und ist heute dabei, seine wissenschaftlichen Lorbeeren mutwillig in den Staub zu treten: "Was ich jetzt erforsche, ist wichtiger als die gesamte Aids-Entdeckung."

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Seit seiner Pensionierung ist der Spitzenforscher Montagnier in die Niederungen der Anti-Ageing-Therapien hinabgestiegen, wo er sich mit Ernährungs-Propheten, Vitamin-Gurus und Wellness-Scharlatanen einen Wettlauf um die Methusalem-Formel liefert. Es geht um den größten Wachstumsmarkt der modernen Medizin: um altersbedingte Krankheiten und Immunschwächen, um neurodegenerative Leiden wie Alzheimer und Parkinson, um Herz-Kreislauf-Beschwerden und sogar um die Therapie von Krebs und Aids.

Im vergangenen April hatte der Aids-Entdecker auf dem französischen Medizinerkongress Medec in Paris von seiner neuen Therapie berichtet. "Es ist keine Wundermedizin", erklärte Montagnier unter dem Beifall der Zuhörer, "sondern ein ideales Mittel zur Prävention wie zur Unterstützung von Behandlungen, das uns zwanzig Jahre an zusätzlicher Lebenserwartung schenken kann." Montagniers Kur besteht im Wesentlichen aus der Einnahme von fermentiertem Extrakt der Papaya-Frucht, erfunden vor Urzeiten auf den Philippinen und morgen vielleicht verabreicht der Segen der Menschheit. Scharlatanerie? Die Zeitung Libération höhnte: "Hat Montagnier den Verstand verloren, oder braucht er nur dringend Geld?"

Montagnier ist die französische Antwort auf den Amerikaner Linus Pauling, der als bedeutendster Chemiker des 20. Jahrhunderts seine letzten Lebensjahre einer eigenwilligen Krebsprävention mit Vitamin C widmete. "Ich kenne Paulings Arbeiten gut", sagt Montagnier in seinem winzigen, voll gerümpelten Büro. "Er hat die richtige Frage nach der Schädigung der Körperzellen durch oxidativen Stress gestellt – aber seine Antwort durch eine Überdosierung von Vitamin C war viel zu einseitig."

Auch bei Montagnier geht es um die berühmten "freien Radikale", hoch reaktive, aggressive Molekülbruchstücke, die beim Stoffwechsel anfallen, aber bei Überproduktion die Zellen zerstören. Die Theorie vom "oxidativen Stress" durch Infektionen, Hektik oder Umweltgifte wird intensiv diskutiert. Doch unter den unzähligen Privatrezepten und Geheimtherapien, die die molekulare Aggression mit Vitaminen, Enzymen oder Fettsäuren einzudämmen versuchen, hält bislang kaum eine der wissenschaftlichen Überprüfung stand.

Der streitbare Franzose hat schon früher einen langen Atem bewiesen

"Man hat ja auch jahrzehntelang Aspirin genommen, bevor seine Funktionsweise bekannt war", entschuldigt sich Montagnier dafür, dass er die Wirksamkeit seines neuen Heilmittels bislang nur mit "Hypothesen" und "Postulaten" begründen kann. Eines kann man dem Sohn eines Buchhalters aus dem Loire-Tal bei aller Skepsis glauben: Den Atem, um seine Auffassungen durchzusetzen, hat er in den vergangenen zwanzig Jahren eindrucksvoll bewiesen. So lange musste er für den Nachweis kämpfen, dass es nicht der amerikanische Kollege und Konkurrent Robert Gallo, sondern seine französische Crew war, die 1983 im Institut Pasteur erstmals das Aids-Virus isolierte. Jahrelang schwelte der Urheber-Kampf, bis ein Regierungsabkommen zwischen den USA und Frankreich die Erlöse aus den Aids-Tests aufteilte und Gallo sein Fehlverhalten schließlich sogar zugab.

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