Dergleichen hat es selten, wenn überhaupt, vor einer Präsidentschaftswahl gegeben: Wortführer des konservativen Mainstream meutern gegen einen Kandidaten aus dem eigenen Lager und warten mit Argumenten auf, die man gemeinhin nur von den üblichen Verdächtigen auf der Linken kennt. Die Prinzipien der Gewaltenteilung gegen eine dem "Caesarismus" verfallene Exekutive verteidigen und die in der Verfassung verbrieften Grundrechte vor dem Ruin bewahren – so lautet das Credo von Richard A. Clarke, John W. Dean, Joseph C. Wilson, Bob Woodward und Paul O’Neill, dargelegt in Autobiografien und politischen Streitschriften, die seit Monaten auf den Bestsellerlisten zu finden sind.

Der Altmeister der patriotischen Fundamentalkritik trat angesichts dieser Publicity zeitweise ins zweite Glied. Dass er dort nicht hingehört, demonstriert Gore Vidal auf seine Weise – mit einem neuen Buch. Besser gesagt, mit einer Sammlung von acht Aufsätzen, die zwischen 1980 und 2004 verfasst wurden und auf gut hundert Seiten in Erinnerung rufen, warum Vidal zu Recht als Literat und Historiker von Rang gilt. Wie in seinen großen Studien über George Washington, Abraham Lincoln oder Theodore Roosevelt lässt er sich nicht auf eine personenfixierte Betrachtung ein, sondern nimmt die Amtsführung des Präsidenten als Folie zum Porträt einer Epoche. Im Fall von George W. Bush wird dabei deutlich, woran Amerika seit langem krankt und dass es vermessen wäre, allein von der "Richtungswahl" im November Abhilfe zu erwarten.

Im Zentrum steht das Scheitern politischer Bürgerlichkeit. Um diesen archimedischen Punkt sind alle Fallbeispiele aus dem gesellschaftlichen Leben der vergangenen 25 Jahre zentriert, von der Umweltpolitik bis zur Manipulation von Wahlen. Sie illustrieren einerseits, wie eine ständig wachsende Mehrheit sich von der Vorstellung verabschiedet, in öffentlichen Angelegenheiten mitreden zu können und zu sollen. Und andererseits handeln sie von einer politischen Klasse, die mit ausufernden Gesetzen die in der Bill of Rights verankerte Idee des autonomen, in seinem Privatleben geschützten Individuums ad absurdum führt. Nur wenige Beobachter teilen Vidals klaren Blick für den Preis dieser Entwicklung: Sobald die Rat- und Mutlosigkeit der vielen auf eine unbeugsame Entschiedenheit der wenigen trifft, wuchert das Ressentiment und mit ihm ein schwer kalkulierbarer Zorn auf alles, was eine Gesellschaft zusammenhält.

George W. Bush hat diese Entwicklung nicht auf den Weg gebracht, sondern nur forciert. Und unfreiwillig deutlich gemacht, worin die Herausforderung an eine zeitgemäße Politik besteht: nämlich einen Weg zu finden, das Versprechen von Freiheit mit dem Verlangen nach Sicherheit auszusöhnen. Gelingt es nicht, hätte Vidal mit seiner düsteren Vision vom Abgesang einer ihrer selbst gewissen und politisch selbstbewussten Zivilgesellschaft Recht.

Dass neben Vidal viele andere, auf das Erbe eines Thomas Jefferson und die Grund- und Menschenrechte eingeschworene Patrioten vehement in den Wahlkampf eingreifen, kann als Indiz für einen noch nicht vollends verbrauchten Willen zur Selbstkorrektur gewertet werden. Zumal es unter den Treuesten der treuen Republikaner ebenfalls rumort – bei Soldaten und ihren Familien, die der Lasten des Krieges und der Sozialpolitik überdrüssig sind. Sollten auch sie die Gefolgschaft verweigern, wäre es um eine Wiederwahl schlecht bestellt. Selbst Gore Vidal neigt zu skeptischem Optimismus. "Wir sind die Patrioten" steht deshalb über seinem vorerst letzten Kapitel zu Bush.