Ich hatte mich als freiwillige Helferin beim Parteitag der US-Republikaner beworben. Gewissenhaft füllte ich das Formular aus und nannte alle Einzelheiten aus meinem Leben, die sich in Zahlen ausdrücken lassen. Als Beruf gab ich Hausfrau an, was durchaus einer meiner Berufe ist, auch wenn ich darin nicht gut bin. Ich wurde gefragt, ob ich irgendeine Tätigkeit bevorzugen würde: Leute am Flughafen in Empfang nehmen oder im Versammlungssaal arbeiten. Ich antwortete: Keine Vorlieben, ich würde alles tun, um meiner Partei zu helfen.

Mehrere Wochen vergingen. Schließlich erhielt ich einen langen Brief, in dem man mir mitteilte, ich hätte die erste Runde geschafft und meine Bewerbung würde nunmehr einer strengeren Prüfung unterzogen, wozu auch die Überwachung meiner Internet-Gepflogenheiten gehörte. Hätte ich etwas dagegen, dann sollte ich es sagen. Entrüstet schrieb ich zurück, dass ich als überzeugte Republikanerin sehr wohl etwas gegen das Eindringen in meine Privatsphäre und besonders gegen das Lesen meiner persönlichen Post hätte.

Ich hatte ja nichts zu verlieren. Sollte tatsächlich jemand mein Nutzerprofil im Internet überprüfen und feststellen, dass al-Dschasira – eine hervorragende Informationsquelle über den Irak-Krieg – ganz oben auf meiner Leseliste steht, würden sie mich ohnehin nicht nehmen. Ich bekam keine Antwort und wurde nicht als Helferin zum Parteitag eingeladen.

Irgendwie ärgerte mich das. Entgegen allen Behauptungen sind die amerikanischen Sicherheitsvorkehrungen nämlich unglaublich lax. Totale Sicherheit gibt es nur in totalitären Regimes, und kaum etwas illustriert die Hilflosigkeit der amerikanischen Sicherheitsbeamten besser als jene schwarzen T-Shirts, auf denen in großen weißen Buchstaben "Secret Service" steht. Beim Parteitag der Demokraten wurden Presseausweise ohne Fotos ausgestellt und auf der Straße getauscht wie Baseball-Sammelbilder. Deshalb fasste ich den Entschluss, es noch ein zweites Mal mit meinem Helferjob zu versuchen. Ich rief die Zentrale in New York City an und bemängelte, dass man mich aus unerfindlichen Gründen übersehen habe. Ein paar Tage später durfte ich mich zur Einweisung melden.

Meine Kleidung stimmte aber nicht. Ich sah aus wie eine schlampige Demokratin. Also ging ich zu dem eleganten gemeinnützigen Secondhandgeschäft in der 72. Straße. Es wird von drei alten jüdischen Weltverbesserinnen geführt, deren Mienen erstarrten, als ich ihnen sagte, ich sei freiwillige Helferin beim Republikaner-Konvent. Ich erklärte: "Ich verachte Bush. Ich bin Schriftstellerin. Ich habe mich freiwillig gemeldet, um undercover zu berichten." Lautstarke Erleichterung. "Das ist eine gute Idee!" Sie umringten mich, hielten verschiedene Kleidungsstücke hoch, schließlich musste ich eine vornehme Hose mit engem Bund anprobieren. Mir war, als hätte man meine Taille in Ketten gelegt, aber sie behaupteten, jetzt wäre ich vorzeigbar. Dann steckten sie mir eine paillettenbesetzte Brosche an die Bluse – den Elefanten der Republikanischen Partei. "Na bitte", sagten sie. "Nur die Haare. Könnten Sie noch zum Friseur gehen? Und wir geben Ihnen Rabatt, weil es für einen guten Zweck ist."

Ich traf mich mit meiner Tochter Emily vor der Parteitagszentrale. Sie trug Turnschuhe und verlotterte Hosen, doch mit zweiundzwanzig konnte sie sich das vielleicht leisten. Wir gingen zur Sicherheitskontrolle. Emily hatte ihren Pass vergessen, zeigte aber ihren deutschen Ausweis vor. Keinen irritierte das, auch nicht, dass sie auf der Liste der Freiwilligen fehlte. Emily wurde für den Service am Computer eingeteilt, ich bekam einen Hoteljob, der um sechs Uhr früh beginnen sollte. Man versprach uns Uniformen.

Die Sicherheitsvorkehrungen bei der Einfahrt nach Manhattan, am ersten Tag des Konvents, bestanden aus einem Streifenwagen auf der George Washington Bridge und einem dahinter postierten Lastwagen, auf dem "Homeland Security" stand. Die Fahrer hatten den Blick auf Kaffee und Donuts gesenkt. Von der Brücke aus konnte ich Downtown erkennen und sah einen grünen Zeppelin über dem Zentrum schweben, Werbung für Fuji. In den folgenden Tagen hielt ich stets Ausschau danach, denn es war eine Art Wetterfahne, die anzeigte, wo Demonstrationen stattfanden. Mit dem Fernglas konnte man die Initialen unter dem Logo lesen: "NYPD". Allem Anschein nach hatte Fuji ein Abkommen mit dem New York Police Department getroffen. Auf den Fahrrädern der neu formierten Radlerbrigaden, bemannt mit Polizisten in Shorts, prangt auch der Name Fuji.

90 Prozent Demokraten sind noch keine echte Gefahr für Baltimore