Weltbeschreibungen Die ganze Welt in einem Buch

Der Naturforscher Alexander von Humboldt ist der bekannteste Deutsche, nur im eigenen Land kennen ihn wenige. Die Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger und Alexander Kluge im Gespräch über den Erkunder des Kosmos, dessen Werke jetzt neu zu lesen sind

Alexander Kluge: Wir sprechen über einen bürgerlichen Menschen, Alexander von Humboldt, mit der Bezeichnung Freiherr.

Hans Magnus Enzensberger: Auf den Titel Freiherr hat er keinen Wert gelegt, er hat ihn nicht benutzt.

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Kluge: Kein alter Adel?

Enzensberger: Nein, wahrscheinlich Briefadel, Beamtenadel, nicht ganz mittellos, er hatte eine einigermaßen privilegierte Jugend.

Kluge: Von der Mutter her kommt das Geld, Hugenotten-Familie.

Enzensberger: Er hatte Hauslehrer, und zwar sehr gute. Er hat einmal gesagt, wäre ich der jetzigen Schulbildung in die Hände gefallen, so wäre ich leiblich und geistig zugrunde gegangen.

Kluge: Er wird im September geboren, 1769. Im August desselben Jahres ist Napoleon Bonaparte geboren, beide sind Altersgenossen.

Enzensberger: Sie sind sich einmal begegnet. Alexander von Humboldt war weltberühmt, schon damals zu Lebzeiten, das hat Napoleon nicht gefallen, er war neidisch.

Kluge: Sie waren zwei Weltaneigner, und wenn Napoleon nach Amerika ausgewandert wäre, nach Waterloo, beinahe hätte er das mit einem amerikanischen Schiff geschafft, hätte er Entdecker werden können. Die Frage ist nur: Hätte er die Aufmerksamkeit dafür gehabt?

Enzensberger: Napoleon war zu sehr an Macht interessiert, und das war Humboldts Sache nicht. Er wollte die Welt sehen, und in dieser Beziehung ist er vor nichts zurückgeschreckt. Schon als junger Mann hat er sich im Harz und in Thüringen in Bergwerke begeben und angefangen, die Bedingungen des Bergbaus zu studieren und zu verbessern. Er sorgte für die Sicherheit der Bergleute, erfand eine Grubenlampe und richtete eine Schule für ihre Kinder ein. Der Bürokratie hat das nicht gepasst. Bis zuletzt, im hohen Alter, war er am Hof des preußischen Königs. Der König hatte eine Vorliebe für ihn, wahrscheinlich weil er sich mit seinen eigenen Leuten langweilte, aber Humboldt war bei der Hofkamarilla absolut verhasst. Mit dem grassierenden Antisemitismus seiner Zeitgenossen hatte er nichts im Sinn. Diesen Leuten, sagt er einmal, wäre nichts lieber, als dass ich unter der Erde vermoderte; wenn es nach denen ginge, würde ich als Revolutionär und Gottloser ausgewiesen. Bis heute ist das Verhältnis der Deutschen zu Humboldt sehr merkwürdig. Halten Sie sich vor Augen, dass die Hauptwerke Humboldts eigentlich unbekannt sind in diesem Land. Wer kennt seinen Kosmos?

Kluge: Erzählen Sie davon!

Enzensberger: Ein Mann nimmt sich vor, die Welt zu beschreiben, nichts Geringeres als das. Er nennt es selbst ein tollkühnes Projekt, die wissenschaftliche und zugleich poetische Weltbeschreibung von den Tiefen der Erde, also der Geologie, über die Pflanzenwelt, über die Anthropologie, über die Ethnologie, über die Archäologie bis zur Klimakunde, bis schließlich zur Astronomie. Deswegen nennt er dieses riesige Buch: Kosmos.

Kluge: »Dem von der Gegenwart unbefriedigten Geist die Sehnsucht nach unbekannten Regionen des Wissens zu erfüllen«, das ist die Zweckrichtung.

Enzensberger: Das hat einen Doppelcharakter: Einerseits ist er ja ein echter Wissenschaftler mit einem analytischen Blick, er schleppt überall seine Instrumente mit, er arbeitet mit hoher Präzision. Andererseits hat er diese Gabe der Bewunderung, des Staunens, und dadurch kommt in die wissenschaftliche Arbeit eine poetische Dimension. Da ist ein Überschuss drin, er ist nicht der Mann, der das alles nur ins Reagenzglas bringen will, das widerstrebt ihm. Die Tropen sind für ihn ein Sinnenrausch, eine gewaltige Erregung. Das war ja unbekanntes Terrain, es gab noch viele weiße Flecken auf der Landkarte. Humboldt ist in Lateinamerika, wie er selber sagt, überall zuerst. Es gab ja kaum Führer, keine bekannten Routen. Und wenn er dann die Anden-Gipfel besteigt, ohne Spezialausrüstung, ohne…

Kluge: Das sind Sechstausender, wie geht er da hoch?

Enzensberger: Im Anzug, er experimentiert. Zuerst die kleineren Gipfel, sechs Gipfel hat er bestiegen und dabei in aufsteigender Folge gelernt, wie man umgeht mit Schwindelanfällen, Ohnmachten, Atemnot, Übelkeit, Erbrechen, Schneeregen, Erdstößen. Das war eine hoch gefährliche Sache, aber der Mann war unaufhaltsam.

Kluge: Damit ich mir das richtig vorstelle: Er klettert im Gehrock, die Hände ein bisschen umwickelt, handschuhähnlich, also völlig improvisiert, unausgerüstet?

Enzensberger: Nur getrieben durch diese absolute Obsession. Er war Vulkanologe und interessierte sich für die Entstehung der Anden.

Kluge: Zu seiner Studienzeit um 1800 gab es zwei grundlegende Theorien, die der Vulkanisten und die der Neptunisten. Die Neptunisten sagen, alles ist zunächst einmal Basaltboden und fließt. In den Ozeanen entstehen die Steine, und dann gehen sie zu Lande. In den Alpen sieht man das: alles Meeresgestein.

Enzensberger: Die herrschende Lehre leugnete die Wirkung des flüssigen Magma unter der Erdkruste. Humboldt muss auf die Berge, um diese Theorie zu entkräften. Gegen Goethe, gegen seinen eigenen Lehrer, erkennt er, wie die Andenkette entstanden ist, und er kann das beweisen.

Kluge: Das sind ja zwei Temperamente, die Neptunisten glauben, dass sich alles langsam entwickelt, so wie Darwin die Evolution sieht, während die Vulkanisten Katastrophen-Theoretiker sind.

Enzensberger: Das war auch ideologisch besetzt, wir befinden uns ja in der Zeit der Französischen Revolution.

Kluge: Humboldt rechnet mit dem Umsturz.

Enzensberger: Ja, und das hat natürlich eine politische Seite. Es ist wirklich merkwürdig, wie er es vermocht hat, an seinen republikanischen Überzeugungen festzuhalten und zugleich seine einflussreiche Position am preußischen Königshof zu nutzen. Er war als Diplomat tätig, er machte Wissenschafts- und Bildungspolitik. Er wollte nicht wie Forster oder Börne enden. Seine Strategie bestand darin, die deutschen Blockaden von innen her aufzubrechen. Sein Projekt war, die Wissenschaft in weltbürgerlicher Absicht voranzubringen. Man spricht davon, dass er 50000 Briefe geschrieben hat. Wenn er etwas nicht wusste, hat er sich an Forscher in Paris und London, Mexiko und Petersburg gewendet. Außerdem war er, wovon er nie Aufhebens gemacht hat, ein enormer Förderer. Werner von Siemens etwa oder Justus Liebig hat er gekannt und hat ihnen Geld verschafft. Und das alles als Privatmann, denn er wollte kein Amt. Man hat ihm angeboten, Museumsdirektor zu werden, man hat ihm angeboten, Botschafter in Paris zu werden, er sollte Kultusminister werden.

Kluge: Er wollte lieber nicht.

Enzensberger: Er wollte seine Unabhängigkeit nicht aufgeben und hat sein Vermögen in die wissenschaftliche Arbeit gesteckt.

Kluge: Er war Millionär und hat alles durchgebracht mit Forschungsreisen, mit Publikationen und so weiter. Was er seinem Kammerdiener am Ende seines Lebens, nach 90 Jahren, vererbt, er ist sein Alleinerbe, ist ganz wenig.

Enzensberger: Merkwürdig auch, dass von seinem Privatleben kaum Spuren vorhanden sind. Es scheint so, als wäre die ganze vitale Energie vollkommen absorbiert durch diese riesigen Projekte. Vielleicht war er am Lebensende doch etwas einsam, das war vielleicht der Preis.

Kluge: Aber ein leidenschaftlich bewegtes Herz hatte er schon. Man sagt, dass er Henriette Herz sehr geliebt hat, vielleicht nicht physisch, aber brieflich.

Enzensberger: Er wurde von den Frauen verehrt, er sah gut aus.

Kluge: Er liebte ohne strenge Unterscheidung der Geschlechter: Seinen frühen Freund, von Haeften, aus der Familie, die am 20. Juli 1944 noch eine Rolle spielt, hat er ja wirklich…

Enzensberger: …angebetet. Das war eine heftige Geschichte.

Kluge: Der war aber verheiratet, und als er früh stirbt, ist Humboldt sogar bereit, dessen Frau zu übernehmen.

Enzensberger: Ja, merkwürdig. Damals wurde in erotischer Hinsicht über vieles nicht gesprochen, andererseits waren die Rollen auch nicht so festgelegt. Es gab die heftigsten Freundschaften unter Frauen, unter Männern, das wurde nicht in diese Schachteln gesteckt wie heute. Es ist sehr interessant, wie da mit den heftigsten Emotionen umgegangen wurde. Das war eigentlich auch so eine Art Vulkanismus. Die Psyche wird ausgekundschaftet, fast möchte man sagen: Es wird mit dem Umbewussten experimentiert.

Kluge: Sie nannten vorhin den Namen Forster. Mainz, 1790, Humboldt macht eine erste große Reise mit diesem Mann. Er ist schon als Sechsjähriger, Zehnjähriger mit Cook unterwegs, dieser Forster, durchforscht Australien. Und liebt die Französische Revolution.

Enzensberger: Ja, und wirft sich Hals über Kopf in dieses politische Abenteuer. Das unterscheidet ihn von Humboldt. Sie haben sich natürlich gekannt.

Kluge: Beide sind sie Forscher, beide Geografen, beide an der Welt, also nicht an Frankreich oder einem einzelnen Land orientiert, und jetzt sitzen sie in Paris, der eine als Delegierter der Bürgerschaft von Mainz, also direkt politisch, der andere als distanzierter Beobachter.

Enzensberger: Mit großen gesellschaftlichen Verbindungen.

Kluge: Aber Humboldt sagt: »Der Anblick der Pariser, ihrer Nationalversammlung, ihrem noch unvollendeten Freiheitstempel, zu dem ich noch selbst Sand gekarrt habe, es steht mir als Traumgesicht im Herzen.«

Enzensberger: Wunderbar, dieser Satz und die Konkretion, er karrt Sand. Da ist er wieder, dieser Praxisbezug, der bei ihm nie fehlt. Er wendet sich ganz entschieden gegen die Sklaverei in den Kolonien. In Mexiko studiert er die Monumente der indigenen Kulturen, erforscht den Kalender und die Schrift der Azteken. Er ist einer der Ersten, der eine genaue Beschreibung dieser Inschriften liefert, er lässt sie abbilden, er setzt immer Künstler ins Brot, die das, was er sieht, aufzeichnen müssen.

Kluge: Und dieser Sammler bringt, noch während er reist, nach Europa eine Sammlung von Gesteinen, von eingemotteten Pflanzen, eine Sammlung von Schriften, Urkunden und Gemälden.

Enzensberger: Der Kosmos heißt im Untertitel Versuch einer physischen Weltbeschreibung.

Kluge: Physisch heißt, ich bin da gewesen?

Enzensberger: Es ist die materielle, nicht die ausgedachte Welt.

Kluge: Ein Erddetektiv.

Enzensberger: Ein Erd- und Himmelsdetektiv, denn auch die Astronomie hat ihn ja fasziniert.

Kluge: Und er nennt es nicht Geografie, sondern Geognosie.

Enzensberger: Das heißt Erkenntnis der Welt. Im Grunde ist Humboldt monströs. Ich ersterbe in Bewunderung, ich empfinde ihn als riesiges Vorbild, aber er hat doch etwas Einschüchterndes, es ist schwer vorstellbar, dass heute jemand eine solche Universalkompetenz erreichen könnte. Er war wahrscheinlich der Letzte, der dazu fähig war. Er wurde immer gesünder, je mehr Strapazen er durchmachte. Das ist auch merkwürdig, dieses kranke, schwächliche Kind ist an seinen Begeisterungen sozusagen gesundet und wurde alt.

Kluge: In Ihrem Buch Mausoleum haben Sie in einer biografischen Ballade über Humboldt geschrieben: »Hell, in der Mitte auf seinem Feldstuhl, sitzt der gefeierte Geognost / in seinem Labor, im Dschungel, in Öl gemalt, an den Ufern des Orinoko. / Wie Schnee schmilzt die Terra Incognita unter seinen Blicken. / Über die letzten Gletscher, die ödesten Bergketten wirf er sein Netz / von Kurven und Koordinaten. Er mißt die magnetische Deklination, / den Salzgehalt und die Bläue des Himmels. Ungläubig / sehen die Einheimischen zu … / Geboren im Schein des Messierischen Kometen, galvanisiert er Frösche, / legt sich selbst Elektroden an und teilt Über die gereizten Nerven- / und Muskelfasern, Vermuthungen mit. Später setzt er am Amazonas / magnetischen Stürmen und in Sibirien Nordlichtern nach. Pirogen / tragen ihn hin, Schlitten und Dampfschiffe, Hängematten und Kutschen. / Er stellt ganze Länder dar wie ein Bergwerk. Für brennende Krater, / die er leidenschaftlich besteigt, vermisst und betastet, hegt er, / Vulkanist und Vulkanologe, eine wahre Manie.«

Enzensberger: Er hat all diese Felder besetzt, neue Felder eröffnet, die extrem zukunftsträchtig waren. Das ist der Mann, der über die Möglichkeiten der Wettervorhersage nachdenkt.

Kluge: Und der Geograf, der die zweidimensionale Kartografierung der Welt unterbricht und die dritte Dimension hinzuerfindet, weil er die Berge studiert.

Enzensberger: Deshalb muss er in die Höhe.

Kluge: Wieso ist er in der Themse gewesen und hat den Grund der Themse erforscht?

Enzensberger: Brunel, ein englischer Ingenieur, Schiffsbauer, Tunnelbauer, versuchte damals, den ersten Tunnel unter die Themse zu bauen, und da musste Humboldt, der gerade in London war, natürlich sofort hin und ist mit diesem etwas verrückten Ingenieur in die Tiefe gestiegen, obwohl das nicht ungefährlich war. Es kam schon Wasser durch, das Projekt ist gescheitert, aber Humboldt wollte sich das nicht erzählen lassen, er wollte es sehen.

Kluge: Diese Glanzphase der bürgerlichen Klasse in den Jahren 1789 bis 1815, also bis zur Kapitulation Napoleons, ist doch ein eigenes Jahrhundert, wenn man so will.

Enzensberger: Ein sehr kurzes…

Kluge: …aber schnelles…

Enzensberger: …aber starkes Jahrhundert.

Kluge: Die Soldaten Napoleons marschieren schneller, seine Ingenieure bauen in doppelter Geschwindigkeit. Der bürgerliche Charakter hat wenig Augenmaß und neigt dazu, andere rücksichtslos zum Mittel zu machen. Das Raubtier ist in ihm erhalten geblieben.

Enzensberger: Das ist die Moderne. Die Moderne ist nichts Maßvolles, sie unterliegt auch keiner moralischen Kategorie.

Kluge: Sodass es eigentlich drei Ausprägungen des bürgerlichen Charakters gibt: Der eine ist der Homo Faber, der die Welt tendenziell unterjocht, dazu gehören auch die ganz tüchtigen Ingenieure. Der zweite ist der, der Angst hat, der sich absichert. Und der dritte wäre der Homo Kompensator, der Gleichgewichtler, der in der Lage ist, Gleichgewichte zwischen den Strömungen zu halten, zwischen der Eitelkeit und dem Großmut. Der zwischen allen Horizonten lebt und nach Hause berichtet.

Enzensberger: Darum ist ein intelligentes Ungeheuer wie dieser Humboldt so sympathisch. Er kannte keinen Neid, er war frei von Ressentiments, er war großzügig. Und nicht aus dem Bedürfnis, ein guter Mensch zu sein, sondern sozusagen naturwüchsig, der war einfach so gebaut.

Kluge: Seine Reise in eine andere Welt, nach Südamerika, hat ja nur fünf Jahre gedauert, von 1799 bis 1804. Und dann, als geistiger Wiederkäuer, schreibt er 30 Jahre lang an seinem großen Reisewerk, und zwar auf Französisch.

Enzensberger: Paris war die Hauptstadt des 19.Jahrhunderts. Humboldt war übrigens sehr sprachbegabt, er konnte sich in acht oder neun Sprachen fließend ausdrücken; wenn er irgendwohin fuhr, lernte er einfach die Sprache.

Kluge: Über das Französische war sein Werk auch nach Amerika gut zu exportieren, es wurde sofort übersetzt.

Enzensberger: Die meisten Deutschen wissen gar nicht, dass Humboldt der international bekannteste Deutsche ist, bekannter als Goethe. Ich habe einmal gelesen, es soll tausend geografische Objekte geben, die nach Humboldt benannt sind. Es gibt Städte, die Humboldt heißen, Straßen, Gebirge, eine Humboldt-Range gibt es, ein Humboldt-Bassin.

Kluge: Seine typische Vorgehensweise als Forscher zeigen die Zitteraale. Er findet heraus, dass man die nicht anfassen kann. Mit einer Elektrisiermaschine will er die Muskelfasern, das Verhalten elektrischer Fische untersuchen. Er findet heraus, dass die Indios Pferde ins Wasser treiben, und jetzt gehen die Zitteraale gegen die Pferde an, erschöpfen dadurch ihre Elektrizität, dann kann man sie greifen, töten und essen. Er will sie aber nicht essen, sondern er will sie untersuchen.

Enzensberger: Wobei er beim ersten Versuch selbst einen elektrischen Schlag abbekommen hat.

Kluge: Der hätte für einen Kleinwüchsigen tödlich sein können.

Enzensberger: Risikoscheu war Herr von Humboldt weiß Gott nicht.

Kluge: Aber er nimmt im Grunde in Kauf, diese Tiere zu quälen, um herauszufinden, wie Elektrizität und tierischer Organismus sich verhalten.

Enzensberger: Was ist um der Wissenschaft willen erlaubt? Er setzt bei den Bergbesteigungen einige seiner Begleiter erheblichen Risiken aus. Aber etwas herauszufinden ist nicht kostenlos. Da muss man riskieren, dass etwas zu Schaden kommt, man selbst oder das Objekt.

Kluge: Seine Neugierde treibt ihn auf das Meer an der Westküste von Peru. Dort fließt der Perustrom, der heute Humboldt-Strom heißt, ein kalter Strom, der aus der Arktis kommt und bis zum Äquator geht. Weil er kalt ist, hindert er den Regen, der aus dem Pazifik kommt, die Küste zu erreichen.

Enzensberger: Es entsteht die Atacama-Wüste in Chile, es entsteht Trockenheit. Humboldt betreibt Klimakunde. Die Erde als Klimamaschine hat ihn fasziniert.

Kluge: Er ist ja auch Ingenieur und ein Oberbergrat, der den Panamakanal durchstechen will.

Enzensberger: Das schlägt er dem amerikanischen Präsidenten in Washington vor.

Kluge: Und so geht ihm durch den Kopf, den Humboldt-Strom könnte man einmal umlenken. Im Westen entständen dann fruchtbare, treibhausähnliche Küsten.

Enzensberger: Wir können heute mit den mächtigsten Computern die Klimabewegungen immer noch nicht berechnen. Im Fall von Humboldt war eine merkwürdige Form von Intuition nötig, ohne dieses Meer von Differenzialgleichungen, mit denen man heute arbeitet. Bei seiner Sibirienreise sagt er dem Zaren: Majestät, hinter dem Ural gibt es Diamanten. Ich weiß nicht, ob er das nur sagt, um mehr Unterstützung für seine Expedition zu bekommen. Und dann reisen sie mit diesen Kutschen durch den unwegsamen Schlamm.

Kluge: Bis er sagt: Dort.

Enzensberger: Sie kommen an eine Bergkette, und er sagt: Hier müsst ihr suchen. Es war in Petersburg eine ziemliche Sensation, dass dieser Ausländer, den man nicht ganz versteht, tatsächlich Diamanten und Smaragde findet.

Kluge: Die Natur ist der sichtbare Geist. Der Geist ist die unsichtbare Natur. Das heißt bei Humboldt: Man kann Ideen sehen. So blickt er auf die Berge, wie es heute ein Orbit-Satellit tut, und kann dann sagen, wo Smaragde sind und wo Diamanten.

Enzensberger: Eine Art Röntgenblick ist das.

Kluge: Aber auch Erfahrung, weil er weiß, wie so eine Gesteinsformation aussieht, da er die Erdgeschichte kennt, die Geognosie. Das ist das dritte Element bei Humboldt: Eine bestimmte Form von Augenmaß und von Theoriefähigkeit. Ihn interessiert nichts, was nicht Geist und Natur zusammenbringt.

Enzensberger: Er benützt den Spezialisten, wenn er eine Auskunft braucht, aber ihn interessiert, wie Dinge zusammenhängen, ihn interessiert die Dynamik, die Komplexität. Daher auch das Interesse für die Astronomie. Er will unbedingt wissen, wie das Weltall entstanden ist. Die Frage muss ja erst einmal gestellt werden…

Kluge: Unabhängig davon, dass er dort nichts holen kann, dass er selbst nicht hinkann.

Enzensberger: Er hat keine Satelliten, keine Raumsonden zur Verfügung, aber er hat seinen Blick und die physikalischen Gesetze, die er kennt, und fragt sich: Wie kann die Masse der Gestirne Planeten hervorbringen?

Kluge: Aber immer müssen der Verstand und die Kräfte des Gemüts verbunden sein. Das nennt er kosmisch. Dann interessiert es ihn, und das zusammen wäre ein bürgerlicher idealer Charakter, soweit bürgerliche Charaktere ideal sein können.

Enzensberger: Er repräsentiert etwas und ist zugleich die große Ausnahme. Übrigens, Humboldt war auch Gründer der Geographischen Gesellschaft, die Geografie war damals ja nicht weit entwickelt. Er selbst hat immer Karten gezeichnet. Wo er auch war, mussten Karten her. Es gibt zum Beispiel eine Karte, die beschreibt, wie die Menschen sich kleiden. In den hellrot kolorierten Teilen der Erde kleiden sie sich in Tierfelle, etwa der Patagonier, der Sioux, der Eskimo. Dann sind die Leute verzeichnet, die mit Wolle angetan sind, es gibt blaue Gebiete, dort trägt man Baumwolle.

Kluge: Und die grünen Flächen heißen: fast nackt.

Enzensberger: In völliger Nacktheit sind abgebildet ein Australier, ein lateinamerikanischer Indio und ein Papua.

Kluge: Das ist eine Art der Weltaneignung. Es gibt eine andere Weltaneignung, wie Napoleon sie sich vorstellt, also Ägypten zu erobern und damit die viertausend Jahre zu bekommen, die von den Pyramiden auf uns herabblicken.

Enzensberger: Im Modus der Macht. Bei Humboldt hingegen im Modus des Wissens. Und dann entsteht im späteren Jahrhundert der Slogan: »Wissen ist Macht.«

Am 26.September läuft um 23.30 Uhr im DCTP-Programm auf Sat.1 Alexander Kluges Sendung »Humboldts Kosmos. H. M. Enzensberger über die Sehnsucht nach Wissen« mit dem vollständigen, hier gekürzten Gespräch

In der Anderen Bibliothek erscheinen am 15. September 2004:

KosmosWissenschaftSachbuchEntwurf einer physischen Weltbeschreibung; ed. von O. Ette u. O. LubrichAlexander von HumboldtBuchEichborn2004Frankfurt a. M.99943 bzw. 76Ansichten der Kordilleren und Monumente der eingeborenen Völker AmerikasWissenschaftSachbuchA. d. Franz. von Claudia Kalscheuer; Ed. von O. Ette und O. Lubrich; mit 69 TafelnAlexander von HumboldtBuchEichborn2004Frankfurt a. M.69447Claudia KalscheuerfranzösischAnsichten der NaturWissenschaftSachbuchNeuausgabe, mit sechs FarbtafelnAlexander von HumboldtBuchEichborn2004Frankfurt a. M.33512Studienausgabe der Werke in sieben BändenWissenschaftSachbuchAlexander von HumboldtBuchWissenschaftliche Buchgesellschaft1989-1997Darmstadtzwischen 40 und 100Weltbewußtsein: Alexander von Humboldt und das unvollendete Projekt einer anderen ModerneWissenschaftSachbuchOttmar EtteBuchVelbrück Wissenschaft2002Weilerswist45243
 
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