Architektur Mit sanftem Schwung in die Kurve

Können Architekten die Welt retten? Reformideen auf der Biennale in Venedig

Ein weiter Weg durch das Formengewitter, grell die Ideenblitze, furios der Architektendonner. Dann, nach dem Spektakel der tausendförmigen Entwürfe, plötzlich das Pferd, mitten in Venedig, in den weiten Arsenale-Hallen. Ein Pferd, aus Knüppeln und Brettern zusammengenagelt, mit einer Stiege, die hinaufführt in den Bauch des Tieres, an einen speziellen Ort, oder besser: an ein Örtchen.

Reichlich verschroben, diese Esten. Da werden sie eingeladen auf die Architekturbiennale, diese immer noch wichtigste Länder- und Leistungsschau, auf der alle zwei Jahre verwegene Neubauten, konfuse Experimente und kühne Theorien vom Seinszustand der Bauwelt künden. Und was tut Estland? Es lässt ein Plumpsklo anreisen, als Vollblüter maskiert, begleitet von vielen bunten Fotos weiterer Bedürfnishäuschen, allesamt selbst gebastelt, in einen Getränkeautomaten hineingebaut, aus Baumstämmen herausgesägt oder aus Schnee geformt. Eine aberwitzige Ausstellungsidee – und eine erstaunlich mutige.

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Gegen den Rausch der Technik, dem sich derzeit wieder viele Architekten hingeben, gegen den unbezähmbaren Fortschritts- und Allmachtsglauben, von dem diese Biennale nur so strotzt, gegen die Perfektion der Glitzer- und Glamourprojekte, setzen die Esten ihre Urorte, eine Architektur ohne Planer. Das Pferd, so zeigt sich, ist ein trojanisches, darin verborgen die ungemütliche Frage, ob und wofür es Architekten noch braucht.

Von derlei Selbstreflexion ist in den Arsenale-Hallen ansonsten nichts zu bemerken, und doch scheint es einen verborgenen Zusammenhang zwischen Estlands Abführinszenierung und den vielen schwelgenden Entwürfen in den Nachbarräumen zu geben. Es kann einem so vorkommen, als werde da an einer Art Verdauungsarchitektur geplant. Zu sehen sind lauter darm- und blasenförmige Gebilde, sich blähend, gärend, blubbernd. Lauter Weichwesen, den Computerprogrammen der Architekten entschlüpft. Schon auf den letzten beiden Venedig-Biennalen durfte man sie und ihre neokristallinen Vettern bestaunen, dennoch werden sie erneut als Sensation präsentiert. Kurt Forster, der Direktor der Biennale, verheißt gar eine »Revolution«, eine Zeitenwende, und er erklärt, dass nun das Ende der herkömmlichen vitruvianischen Architektur gekommen sei. Schluss mit 2000 Jahren Baugeschichte.

Dem Kunsthistoriker Forster, Gründungsdirektor des Getty-Forschungsinstituts und an vielen Hochschulen sehr geschätzt, hätte man solch ahistorischen Unsinn nicht zugetraut. So wenig wie einst die Fotografie die Malerei verdrängte, so wenig wird die neue Lustgrottenarchitektur zum einzig gültigen Dogma aufsteigen. Selbst wenn sie großartige neue Raumerfahrungen verspricht und sogar eine Befreiung von manch orthogonalen Zwängen erlaubt, wird das Bedürfnis vieler Menschen nach Klarheit und Geradlinigkeit bleiben. Und damit eine Architektur, wie sie etwa in Forsters Schweizer Heimat gern gebaut wird, auch wenn er das lieber verdrängt. Seine Ausstellung möchte neue ideologische Frontkämpfe zwischen Fortschritt und Tradition eröffnen, möchte Gut und Böse wieder klar unterscheiden.

Doch bleibt offen, ob die überschießende Formenfreiheit zu mehr führt als zur großen Fassadenshow. Viele Projekte unterschlagen ihre Grundrisse und Innenansichten, selbst Informationen darüber, ob und wann ein Entwurf gebaut wird, sind nicht zu finden – als komme es darauf nicht an. Als sei das Modell Wirklichkeit genug.

Die hingewerkelte Welt der Laien und die Billigbauten der Industrie

Es ist eine besondere Art der Selbstverliebtheit, die hier sichtbar wird. Wie kaum einer seiner Vorgänger entrückt Forster die Biennale dem Alltäglichen. Für ihn ist Architektur allein die Kunst des Ungewöhnlichen, der Museen, Konzerthallen, Hochhäuser – jedes Haus ein Wahrzeichen. Doch der Ästhetisierungswahn bleibt nicht unwidersprochen. Ähnlich wie Estland nutzen auch andere Staaten ihre Länderpavillons, um den Blick auf die Ränder zu richten, auf verödete Dorfstraßen in Ungarn und Griechenland, in die sozialen Abgründe in Kinshasa oder auf ein ödes Pariser Industriegebiet. Leider eignen sich Ethno- und Sozialstudien besser für Essaybände als für Großausstellungen, wo sich nur ausgemachte Masochisten über lange Texttafeln, schlechte Fotos und wackelige Workshop-Mitschnitte beugen. Höchst selten gelingt es, ein so hoch verwickeltes Thema, wie es die Stadt nun einmal ist, in eine räumlich erfahrbare Inszenierung zu übersetzen. Dem deutschen Pavillon ist das gelungen, zum Erstaunen vieler.

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