»Die ZVS ist besser«

Auswahlverfahren sind ungerecht, sagt der Elitenforscher Michael Hartmann

Michael Hartmann, 52, ist Professor für Soziologie in Darmstadt. In seinem Buch "Der Mythos von den Leistungseliten" beschreibt er, dass sich die Elite in Deutschland aus Bürgerkindern rekrutiert, während Arbeiterkinder nur wenig Chancen haben

Immer mehr Universitäten suchen sich ihre Studenten selbst aus. Wer setzt sich in solchen Verfahren durch?

Bewerber aus bürgerlichen Familien werden gegenüber Arbeiterkindern eindeutig bevorzugt.

Warum?

Sie sind sprachlich gewandter, können sich besser präsentieren – das bringen sie von zu Hause mit. Ich erlebe das häufig bei Prüfungen: Wenn ein Kind aus einer bildungsnahen Familie eine Antwort nicht weiß, versucht es, erst einmal zu reden, um so vielleicht doch noch zum Kern der Sache vorzustoßen. Ein Arbeiterkind schweigt. In Auswahlverfahren wird zudem oft Wissen abgeprüft, das in der Regel nur in bürgerlichen Familien vorhanden ist.

Was heißt das konkret?

»Welche ausländischen Tageszeitungen lesen Sie?«, lautet etwa eine Frage beim Auswahlverfahren der Politikwissenschaftler in Darmstadt. Andere Fragen zielten auf Auslandsaufenthalte oder auf die Beurteilung von politischen Sachverhalten. Da haben es Arbeiterkinder schwer. Die strukturellen Ungleichheiten werden verstärkt.

Ist ein solches Verfahren nicht trotzdem besser als die Studentenverschickung durch die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen, die gefürchtete ZVS?

Nein, die ZVS ist gerechter: Was die soziale Zusammensetzung angeht, ist sie weniger selektiv als ein Auswahlverfahren an der Universität. Bei einem Auswahlverfahren spielen persönliche Vorlieben und Sympathien der Professoren eine entscheidende Rolle. Wie in der Wirtschaft sucht man vielfach jemanden aus, der die gleiche Sprache spricht, sich ähnlich verhält, weil er aus einem vergleichbaren Milieu stammt. Obwohl das auch bei der Notengebung in der Schule eine Rolle spielt, wirkt es bei solchen Auswahlgesprächen noch deutlich stärker.

Bei der ZVS ist aber der Standort der Waschmaschine der Mutter entscheidend, ebenso die Abiturnote. Ein Einser-Abiturient darf Medizin studieren, ein etwas schlechterer nicht – selbst wenn er später der bessere Arzt wäre.

In Heidelberg liegt der Numerus Clausus für Medizin bei 1,0. Würde die Universität ein eigenes Auswahlverfahren machen, käme höchstwahrscheinlich nicht mehr die Einser-Abiturientin aus dem schwäbischen Dorf zum Zug, sondern die Hamburger Medizinertochter. Das zeigen die Beispiele renommierter Universitäten in den USA mit universitätsinternen Auswahlverfahren eindeutig. Bis es ein gerechteres Auswahlverfahren gibt, bleibt die ZVS die bessere Lösung.

Wie könnte ein gerechteres Auswahlverfahren aussehen?

Man müsste ein freies Schnupperstudium von zwei Semestern für alle einführen. Das sollte relativ breit angelegt sein, man sollte auch in andere Fächer reinhören können. Da könnten die Studenten aus bildungsfernen Familien, die das Universitätsmilieu erst einmal kennen lernen müssen und länger brauchen, um die Spielregeln zu begreifen, das Handicap ihrer Herkunft zumindest teilweise wettmachen. Danach würde nach einer vernünftigen Beratung entschieden, wie es weitergeht.

Das wäre eine Art College an deutschen Hochschulen – teuer und studienverlängernd.

Zugegeben, eine Umsetzung ist unter den gegebenen Bedingungen nicht sehr realistisch. Das Schnupperstudium würde die Studiendauer aber nicht verlängern. Nach den zwei Semestern wüssten die Studenten, was sie erwartet – der Rest des Studiums ginge dann weitaus schneller.

Interview: Manuel J. Hartung

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  • Von M.j. Hartung
  • Datum
  • Quelle (c) DIE ZEIT 16.09.2004 Nr.39
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