Eines vorab: Computer sind intelligente Wesen. So intelligent, dass sie Büroarbeit erledigen und manchmal sogar reden. Allerdings sagen sie dann oft Sätze wie: "Die Installation kann nicht abgeschlossen werden – bitte führen Sie den Vorgang erneut durch" oder "Ein schwerer Ausnahmefehler ist aufgetreten. Das Programm wird automatisch beendet, alle nicht gespeicherten Daten gehen verloren. Wenden Sie sich an den Hersteller, falls das Problem erneut auftritt". An den Hersteller wenden, jetzt?! In zehn Minuten beginnt die Konferenz, und der Rechner hat gerade die fertige Präsentation gefressen. Blöde Kiste! Genauso wie Bürokollegen den Hass auf sich ziehen, wenn sie die Abteilung aufhalten, genauso bringen langsame und abstürzende Computer ihre Nutzer immer öfter in Rage. Auf Neudeutsch: in "IT-Rage".

Was in der Situation hilft? Keine Ahnung. Tasten malträtieren? Stecker raus? Schreikrampf kriegen? Am liebsten würde man ihm nicht nur den Saft abklemmen, sondern ganz den Garaus machen. Viele tun das tatsächlich. Fast alle Büroarbeiter haben den Kollegen Computer schon angeschrien und verflucht. Etwa drei Viertel werden sogar handgreiflich, sie werfen die Maus, schlagen den Bildschirm oder treten das Gehäuse. Das belegen Studien von Arbeitswissenschaftlern und Verhaltensforschern, die das Phänomen der Aggression gegen Computer untersucht haben.

Viele schmunzeln zwar über die Begriffe "Technikstress" und "Computerfrust", aber "es ist ein großes Problem und richtet volkswirtschaftlichen Schaden in Milliardenhöhe an", sagt Bruno Zwingmann, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit (Basi). Wenn nichtfunktionierende Geräte oder schlecht zu bedienende Software nämlich Technikstress und Aggressionen auslösen, gehen nicht nur Computer zu Bruch, sondern auch viele Arbeitsstunden verloren und jedes Mal ein paar Nerven der Mitarbeiter drauf. Bislang haben aber nur wenige diesem Zusammenhang Beachtung geschenkt.

Experten misshandeln ihre Rechner öfter als Otto Normalnutzer

Verlässliche Zahlen zu den Ausfallzeiten durch Computerfrust gibt es daher nicht. Schätzungen schwanken von eineinhalb Stunden pro Woche, die berufliche Computernutzer durch Abstürze und Software-Probleme verlieren, bis zu einer Stunde am Tag. Das wären bei 18 Millionen Bildschirmarbeitsplätzen hierzulande 900 Millionen bis 6,3 Milliarden Arbeitsstunden pro Jahr. Eine Studie der amerikanischen Universität von Maryland schätzt sogar, dass mindestens ein Drittel der Zeit, die Mitarbeiter vorm Rechner verbringen, durch frustrierende Erlebnisse verloren geht. Auch die Kosten zerschmetterter Geräte sind nicht zu beziffern, weil im Ernstfall jeder behauptet, der Computer sei eben abgestürzt – vom Tisch.

Selbst wenn man die Schätzungen anzweifeln will, bleiben die erdrückenden Aussagen der Nutzer: Drei von vier Büroarbeitern ärgern sich darüber, dass ihr Rechner nicht ordentlich funktioniert, und jeder Zweite lässt sich regelmäßig vom PC frustrieren. Darin steckt gewaltiges, negatives Potenzial. Denn Computerfrustration schlägt auf die Arbeitsmotivation durch und sogar auf die Lebenszufriedenheit der Mitarbeiter, ermittelte die Sozialverhaltenswissenschaftlerin Marleen Brinks in ihrer Studie Aggression gegen Computer. Brinks zufolge kann das im schlimmsten Fall Depressionen auslösen. In den Niederlanden wird "Technologieärger" (technology related anger) sogar schon als eigenständige Berufskrankheit anerkannt.

Hierzulande wird das wohl nie passieren, sagt Barbara Weißgerber von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Baua). Denn gemäß deutschen Standards sind Technologieärger und daraus entstehender Stress zu schwer zu fassen, um in die Liste der Berufskrankheit aufgenommen zu werden. "Dafür müsste eine direkte Ursache-Folge-Beziehung sichtbar sein, wie wir sie bei Lärm- oder Gefahrstoffbelastungen haben", erklärt Weißgerber.

Zwar hat Brinks in ihrer Studie einen Zusammenhang zwischen Computerpannen und der Frustration beim Nutzer ermittelt. Unter bestimmten Umständen – etwa Zeitdruck – schlägt die Frustration dann in Aggression um, die zu psychosomatischen Beschwerden führen kann, auch das lässt sich belegen. In diese Richtung ist die Wirkungskette schlüssig. Andersherum ist sie problematisch: Liegt eine Stressfolge-Krankheit vor, ist letztlich schwer nachzuweisen, dass der Stress nur vom Computerfrust herrührt und nicht noch von anderen Faktoren wie privaten Problemen, Informationsüberflutung oder hoher Arbeitsbelastung.