Platzprobleme Gras drüber
Dort, wo 1945 Hitlers »Führerbunker« war, führen heute Damen ihre Dackel aus, und Amerikaner suchen vergeblich nach Betontrümmern
Dieser Ort ist ein Unort, falls es so etwas gibt. Ein Ort, der so tut, als sei er nicht da. Innerhalb einer Minute ist man über ihn hinweggegangen und hat einen halben Hektar Harmlosigkeit durchquert: Häuser, Hecken, Spielplatz, Parkplatz, deutsche Normalität. So würde wohl ein Ort aussehen, wenn er sich wegducken könnte wie ein Mensch.
Und in gewisser Weise tut er das auch.
Berlin-Mitte, Wilhelmstraße, das Zentrum des Zentrums, könnte man meinen. Acht Minuten sind es von hier zu Fuß zum Gendarmenmarkt und zehn zum Potsdamer Platz; die Schatten seiner Hochhausspitzen wandern abends bis hier herüber. Zehn Minuten sind es auch zum Brandenburger Tor, und gleich dahinter steht dann schon der Reichstag, wo der Wind an diesem Tag in die übergroßen schwarz-rot-goldenen Fahnen greift. Sehr neue Mitte, das alles, das Adlon, die Botschaften, der Bundesrat – viel polierte Berliner Republik kann man sehen vom Grundstück Wilhelmstraße Nummer 92. Auch die Kräne, unter denen derzeit das Holocaust-Mahnmal entsteht, stehen keine 200 Meter entfernt.
Aber dann ist zwischen all dem Repräsentativen und Erinnernden dieser Riegel grauer Plattenbauten an der Wilhelmstraße, die einmal eine der westlichsten Straßen Ostberlins gewesen ist. Und heute? In den Erdgeschossen Kneipen und Büros, darüber Geranien. Man ahnt nicht, dass sich hinter dieser Gegenwart viel Geschichte verbirgt, man gelangt durch eine Unterführung dorthin und sieht noch immer nichts, nur einen halb offenen Innenhof mit zwei Sandkästen, eine vom Sommer verbrannte Wiese und einen sandigen Parkplatz, wo Kleinwagen auf historisch kontaminiertem Boden stehen. Inmitten der reich beschilderten Berliner Geschichtslandschaft kein Hinweis, nichts, nur ein Schild: »Zutritt mit Hunden verboten – Fußballspielen verboten – Radfahren verboten. Der Vermieter«.
Dieses Stück Unauffälligkeit war einmal der Garten von Adolf Hitlers Reichskanzlei, hier, unter der Erde, lag der so genannte »Führerbunker«. Genau dort, wo heute der Parkplatz ist und Löwenzahn vertrocknet, heiratet Hitler am 29. April 1945 in acht Meter Tiefe noch schnell Eva Braun, nachdem er einen Weltkrieg angezettelt und mehr als 50 Millionen Menschen in den Tod getrieben hat. Jetzt steht sein Krieg vor seiner Tür, und der einst so große »Führer« versteckt sich vor ihm. Am 30. April begeht Hitler Selbstmord, und seine Leiche wird verbrannt – ungefähr dort, wo heute die Schranke die Zufahrt zum Parkplatz regelt. Vielleicht war es aber auch am Straßenpoller auf dem Bürgersteig. Keiner weiß das so genau, soll es auch nicht wissen. Deshalb ist der Ort, an dem die Naziherrschaft ihr Ende fand und von dem Bernd Eichinger nun in seinem Film Der Untergang erzählt, heute eine Parkplatzsteppe, auf der alte Damen ihre Dackel ausführen.
Ein profaneres Ende kann es nicht geben.
Der Ort ist trotzdem da. Zumal jetzt, da der Film die Geschichte, die sich hier abspielte, massenwirksam zum Thema macht. Was aber geschieht an einem Punkt, der weg sein soll und doch noch da ist? An dem man die ebenso naive wie frappierende Erkenntnis gewinnt, dass auch Hitler einmal in Berlin-Mitte gearbeitet hat, dass er hier gestorben ist.
- Datum 16.09.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 16.09.2004 Nr.39
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