Nein, ich mag nichts mehr hören von der Hauptstadthysterie um junge Pop-Talente. Als ich Jens Friebe zufällig im Berliner Club WMF kennen lerne, ahne ich abenteuererprobte Journalistin aus Bremen nichts von neuer Leidenschaft. Amüsiertes Grinsen unter einem blond in die Stirn fallenden Schopf, so steht er vor mir, der unscheinbare Gitarrenpop-Fan, Ende zwanzig und politisch links, schlaksiger Lulatsch im gestreiften Hemd. Nur seine unaufdringliche Art, eindringliche Fragen zu stellen, fällt mir gleich auf.

Irgendwann sagt er mir zärtlich ins Ohr: »Ich mach ja auch Musik und singe. Demnächst erscheint meine erste CD, bei Alfred Hilsberg, auf dem Label ZickZack.« Soso. Immerhin ein Musikmäzen, der Respektables an den Start brachte, den Punk der Hamburger Schule und Blumfeld, die Helden hanseatischen Intellektuellenrocks. Trotzdem, was kann da alles schief gehen, beim Singen, auf Deutsch, wenn einer Jens Friebe heißt.

Nur eine Woche später geschieht es. Ich verliebe mich. In ein einziges Lied auf dem Sampler mit Neuheiten. In verführerisch lockerem Electropop steppt seine Geschichte einher, von sexueller Entfremdung im Internet, vom Verlieben in Gespenster. Eigentlich unerklärlich, warum sein näselnder, gelangweilt klagender Katzentenor mich sofort so warm berührt. Vielleicht ist es das Schillern zwischen Message und Verweigerung, Wahrhaftigkeit und Manieriertheit. »U-h-und, u-h-und«, singt er über den einsam von Strophe zu Refrain laufenden Beat, und fortan kann ich morgens ohne ihn nicht mehr aufstehen.

Ein knackiges Stück Rock? Bitte nicht so roh! Etwas experimentell Verspieltes? Zu früh für unsortierte Synapsen! Blues? O Gott, damit schaff ich’s nicht mal bis ins Bad! Es muss dieser sanft entschlossene Schubs aus der Wiege sein, mit dem freundlichen Klaps aus dem anonymen Sortiment elektronischer Pluckerrhythmen. Hochfahren nicht nur den Computer, und dann auf Verbinden: sich, mit der Welt, mit allem vor und hinter dem und von Jens Friebe. Welcome – willkommen an Bord.

Dass danach noch ein dreckiges Wort kommt und die Verwirrungen des modernen Alltags, dass man selber da wieder herausfinden muss, seine Gespenster vergessen – das gibt er einem mit auf den Weg.

Als endlich die fertige CD von der Plattenfirma kommt, Vorher Nachher Bilder, fall ich fast in Ohnmacht. Vom Cover fixiert er mich, mit lässig nach hinten gegelter Frisur, die schmalen Lippen zur knallroten Schnute angemalt – mit einem unendlich lasziven Blick. Aber hey, mag auf der zu dick aufgetragenen Farbe ausrutschen, wer will, ich erkenne in dem ganzen Trash eine postfeministische Vision vom Geschlechterfrieden. Wir fühlen uns gemeint, wenn er sich in marginalisierter Männlichkeit unser Lächeln auf den Mund schminkt – und innerhalb des Songs grammatikalisch die Seiten wechselt. Wenn er beim Konzert auf der Bühne mit den Hüften kreist, stöhnt und so schön schlimm seine Haare nach hinten streicht – wie ein sich ausprobierendes Mädchen, das den arroganten Dandy mimt. Ich will, dass du mich willst, weil ich ein Star bin: So will ich ihn, den Berliner Popstar aus Lüdenscheid.

* Jens Friebe auf Tour: 18.9. Geislingen, 19.9. Wien, 20.9. München, 21.9. Heidelberg, 22.9. Zürich, 24.9. Bremen, 25.9. Hannover, 26.9. Essen, 27.9. Frankfurt, 28.9. Köln, 30.9. Leipzig, 2.10. Berlin, 3.10. Dresden