gentechnik Es grünt so grün
Das neue Gentechnikgesetz soll die Koexistenz von Ökologie und Biotechnik sichern - es wird das Gegenteil bewirken
Komm ins Beet! Mit diesem Aufruf warb das Max-Planck-Institut für Molekulare Pflanzenphysiologie (MPI-MP) um Besucher. Und sie kamen. Von Mai bis September folgten 1200 Gäste der Einladung zu Feldführungen im Potsdamer Ortsteil Golm. In Brandenburgs größtem Wissenschaftspark konnte sich jeder nach vorheriger Anmeldung über Wissenswertes beim Anbau von Kulturpflanzen informieren. Zum Beispiel über neuartige Kartoffeln, die mit Hilfe der Gentechnik besser »atmen« können. Denn Kartoffeln leisten bei der Sauerstoffaufnahme in ihren Knollen Schwerarbeit. Andere Pflanzen dagegen, etwa Klee, steigern die Sauerstoffversorgung ihrer Wurzeln mit Hilfe eines bestimmten Gens. Und dieses Gen haben die Golmer Forscher den Kartoffeln eingepflanzt.
Ihnen selbst aber geht womöglich bald die Luft aus. Während Europa den Weg für die Zulassung neuer Sorten frei gemacht hat, droht der deutsche Gesetzgeber, den kommerziellen Anbau wie die Forschung an neuen Pflanzen im Keim zu ersticken. Bereits im Herbst 2002 hätte die Bundesregierung die Richtlinien der EU zum Umgang mit gentechnisch veränderten Pflanzen und Lebensmitteln umsetzen müssen. Das EU-Moratorium zur grünen Gentechnik ist abgelaufen. Am 22. September wird letztmalig der Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat über das neue Gentechnikgesetz beraten. Doch die Gespräche haben nur aufschiebende Wirkung. Die Bundesregierung hat ihren Gesetzestext kurzerhand so verändert, dass der Bundesrat ihm gar nicht mehr zustimmen muss.
Herausgekommen ist ein Werk, das die Forscher auf den Plan ruft. Und auch die Opposition protestiert. »Statt gute Rahmenbedingungen für die grüne Gentechnik zu schaffen, hemmt das Gesetz durch Bürokratie und abschreckende Haftungsregeln regelrecht Forschung und Innovation in unserem Land«, sagt die CDU-Vorsitzende Angela Merkel gegenüber der ZEIT. Zu Recht sähen die Verbände darin eher ein »Gentechnikverhinderungsgesetz«. Ihre Partei verlange eine »grundlegende Überarbeitung des rot-grünen Gesetzesvorhabens«, um die Forschung zu erleichtern und Arbeitsplätze in dieser Zukunftsbranche zu sichern. Verbraucherschutzministerin Renate Künast kontert, die Opposition betreibe Blockadepolitik und Fundamentalopposition. Sie hingegen versuche , die Koexistenz von ökologischem und gentechnischem Anbau zu sichern (siehe Interview auf Seite 38). Die Forscher in Golm sind durchaus bereit, sich strengen Regeln zu unterwerfen. Das beeindruckt die Gegner nicht.
Im Morgengrauen des 22. Juni kamen unerwünschte Gäste ins Beet und sichelten die jungen, transgenen Kartoffelpflanzen völlig ab. Seit acht Jahren hatte das Institut Freisetzungsversuche gemacht, und nie war etwas passiert. War der aktuelle Versuch besonders brisant? »Nein«, sagt Mark Stitt, geschäftsführender Direktor des MPI-MP, »bei den Kartoffeln ging es um reine Grundlagenforschung.« Die Wissenschaftler wollten schauen, ob und wie ein Gen wirkt, das zahlreiche andere Pflanzen seit Jahrmillionen nutzen, um den Sauerstoffmangel in ihrem Wurzelbereich zu lindern. Dazu dient ein Eiweiß namens Leghämoglobin. Es bindet Sauerstoff und ist verwandt mit Hämoglobin, das im menschlichen Blut Sauerstoff transportiert. Auch in Pflanzen zirkulieren Säfte. So übertrugen die Golmer Forscher das Sauerstoff spendende Gen aus Hornklee in Kartoffeln.
Erfolgreich? Die Antwort ist nicht eindeutig. »Im Gewächshaus können wir positive Effekte auf die Stärkebildung feststellen«, sagt Mark Stitt und zweifelt gleich, »für den praktischen Anbau heißt das nicht viel.« Unter Glas wachsen die Kartoffeln in Töpfen und werden stets bewässert. In der Natur jedoch gibt es Trockenperioden, dann kann Wasser- statt Sauerstoffmangel das Wachstum begrenzen. »Entscheidend ist deshalb der Freilandversuch«, erklärt Stitt. Diesen Erkenntnisgewinn aber vereitelte das zerstörte Feld.
Die Forscher mussten das abgeschnittene Kraut aufwändig entsorgen. Kein Knöllchen durfte im Boden bleiben. Denn theoretisch hätte daraus wieder eine Pflanze keimen können. Auf der tennisplatzgroßen Versuchsfläche vor dem MPI-MP wuchert nun Unkraut. Zwei Jahre muss sie als Brache unter strenger Aufsicht bleiben. Keimt eine transgene Kartoffel auf, beginnt die Frist erneut.
Die strenge Überwachung solcher Freilandversuche wird nicht nur durch militante Gentechnikgegner erzwungen, sondern vor allem auch durch das verschärfte Haftungsrecht im neuen Gentechnikgesetz. Dieses greift nämlich selbst dann, wenn kein Verschulden beim Nutzer der Gentechnik liegt – etwaige Schäden in seinem Umfeld fallen auf ihn zurück.
- Datum 16.09.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 16.09.2004 Nr.39
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