jugendwahn

Wenn die Alten jünger werden

60-Jährige beim Rockkonzert, grauhaarige Dynamiker als Werbeträger, Trendwende in den Personalabteilungen: Der Jugendwahn ist vorbei

Berlin

Als Hedwig Schuller sechzig war, beschloss sie, keine neuen Kleider mehr zu kaufen. »Das lohnt sich nicht mehr«, sagte sie und ließ sich vom Widerspruch ihrer Kinder und Enkel nicht irritieren. Sie war sparsam und uneitel. Hedwig Schuller wurde 94 Jahre alt.

Ihre Enkelin Krista Sager ist heute Anfang fünfzig und sitzt als Fraktionschefin für die Grünen im Bundestag. Ende August sprach sie bei einem Kongress ihrer Partei über ihre Oma Hedwig und über die ganz anderen 60-Jährigen von heute. Einige hundert davon hatte sie gerade bei einem Konzert der Rolling Stones erlebt. »Sie jubelten dem ebenfalls 60-jährigen Mick Jagger zu, der seinen Waschbrettbauch vorzeigte«, erzählte Sager.

Bei der Veranstaltung ging es um das Selbstverständnis der jüngeren Alten, um ihr Engagement bei Greenpeace, um Alten-Wohngemeinschaften und ihr Verhältnis zu den Jungen. 400 Besucher drängten sich trotz Urlaubswetter und Sommerpause, etliche Interessenten konnten nicht mehr eingelassen werden. Noch fünf Jahre zuvor hatten die Grünen eine Veranstaltung mit dem gleichen Thema abgesagt – nur 15 Interessenten hatten sich gemeldet.

Das war 1999, als die Deutschen begannen, Aktionäre zu werden und das Internet entdeckten. Gefeiert wurden die Helden der New Economy, ein Jahr später reüssierte Florian Illies, Geburtsjahrgang 1971, mit seiner Generation Golf. Man war neugierig auf die selbstbewussten Jungen. Inzwischen sind die meisten dieser Jungen in Nischen, arbeitslos oder haben sich brav hintenangestellt in der Generationenreihe. Die Jugend sieht zurzeit etwas alt aus.

Stattdessen können Volkshochschulen und Sparkassen, Stiftungen, Buchhandlungen, aber auch Konzerne wie Volkswagen oder Siemens nun mit großem Andrang rechnen, wenn sie zu Debatten über das Alter laden. Über die Jungen scheint alles gesagt, die Lebensphase jenseits der 50 beflügelt die Fantasie. Dass sämtliche Sozialreformen der Agenda 2010 mit dem demografischen Wandel begründet werden, hat das Interesse steigen lassen. Hinzu kommt der spezielle Nachholbedarf der Deutschen, die wegen ihrer NS-Vergangenheit das Thema Bevölkerungspolitik lange mieden.

Gleichzeitig fühlen sich gerade die jüngeren Alten als Verlierer der Hartz-Reform. Sie sehen sich als Leidtragende einer absurden Arbeitsmarktentwicklung: Noch nie gab es so viele gesunde und leistungsfähige 60-Jährige, doch trotz Fachkräftemangels ist die Arbeitsmarktlage für 55- bis 64-Jährige verheerend. Nur ein Drittel ist noch erwerbstätig, deutlich weniger als in den meisten anderen Industrieländern. Klagen über Altersdiskriminierung stoßen deshalb auf viel Zustimmung – etwa die Philippika des FAZ- Herausgebers Frank Schirrmacher (Das Methusalem-Komplott) gegen den Jugendwahn. Noch in diesem Jahr will die Regierung ein Antidiskriminierungsgesetz auf den Weg bringen, das die Position der Alten stärken soll.

Die Gegenbewegung hat gerade erst begonnen. Rainer Schmidt-Rudloff, Personalpolitik-Experte bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, spricht von einem »Trendwechsel« in den Personalabteilungen: Abschied vom Jugendwahn, Beginn einer Erfahrungsrenaissance. Ulrich Walwei, Vizechef beim Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg, bestätigt dies zum Teil. Für die Ausgrenzung Älterer auf dem Arbeitsmarkt seien vor allem zwei Faktoren entscheidend, sagt er: Erstens die Mentalität der Arbeitgeber, zweitens die nach wie vor bestehenden staatlichen Anreize, vor allem die Option der Frühverrentung. An den Instrumenten werde sich bis 2009 nichts ändern. Aber die Haltung zu den Alten ändere sich.

Das zeigen auch die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap im Auftrag der ZEIT: 49 Prozent der Befragten glauben, dass Berufs- und Lebenserfahrung von Älteren nicht genug honoriert werden – nur 27Prozent halten die gegenwärtige Wertschätzung für angemessen. Selbst bei der Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen ist mehr als ein Drittel der Meinung, dass die Leistungen älterer und erfahrener Arbeitnehmer im Berufsleben zu niedrig bewertet werden. In der Altersgruppe der 30- bis 49-Jährigen stimmt sogar fast jeder zweite dieser Aussage zu.

Noch nie waren die Alten so fit – und noch nie so häufig arbeitslos

Die Umfrage macht allerdings auch deutlich, wie ungenau die öffentliche Vorstellung vom Alter noch ist. Besonders offensichtlich wird das bei einer Frage, die nur an über 50-Jährige gerichtet wurde: 72 Prozent der Befragten glauben, dass sie jünger aussehen, als sie sind. Im Einzelfall mag das zutreffen. Insgesamt deutet das Ergebnis jedoch auf falsche Vorstellungen vom typischen Äußeren eines Älteren hin. Es heißt nur: »So wie andere Mittfünfziger bin ich nicht.« An die neue Jugendlichkeit der Älteren haben sich die Betroffenen offenbar selbst noch nicht gewöhnt.

»Wir jungen Alten haben keine Identität, wir haben daher auch nur sehr vage Vorstellungen davon, welche Lebensform uns zusteht, wie wir uns selbst bezeichnen sollen«, schreibt die Psychologin Eva Jaeggi in ihrem Buch über das Lebensgefühl der jungen Alten. Eine ganze Alterskohorte sucht nach Verhaltensmustern für das Altern. Die Generation, die immer schon über »Selbstverwirklichung« sprach, ist wieder auf dem Selbstfindungstrip.

Dass ausgerechnet die Grünen das Thema Alter besetzen, verwundert zunächst und ist doch naheliegend. Es gibt viele Parallelen zwischen den sozialen Bewegungen der achtziger Jahre, aus denen die Grünen entstanden, und den Anliegen der neuen Alten: Die Klagen über die Darstellung der älteren Menschen in Medien wie auch auch die Forderung nach Gesetzen gegen Diskriminierung erinnern an die Frauenbewegung. Es ist auch kein Zufall, dass ausgerechnet zwei Ikonen des Feminismus in späten Jahren dicke Bücher über das Alter verfasst haben: Simone de Beauvoir und Nancy Friday.

Abschied vom Jugendwahn, Entdeckung des Alters – von der Politik bis zum Arbeitsmarkt läuft diese Entwicklung mit unterschiedlichem Tempo ab. Am deutlichsten ist der Wandel bei Werbung und Konsum. Lange haben die Werber die Kundschaft jenseits der 50 ignoriert. Selbst diejenigen, die Ältere nicht für pauschal eingefahren und konsummüde hielten, taten sich schwer damit, sie anzusprechen – schließlich sind Begriffe wie »Senioren« oder »Alte« in dieser Zielgruppe tabu.

Inzwischen sind grauhaarige Models allerorten zu sehen, klischeehaft ist die Darstellung der Älteren allerdings immer noch. Während ältere Menschen lange Zeit entweder gar nicht oder hilfebedürftig und gebrechlich gezeigt wurden, werden sie jetzt als weißhaarige Dynamiker beim Segeln oder Reiten präsentiert, wodurch sich mancher aus der Zielgruppe offenbar unter Druck gesetzt fühlt. Die Psychologin Jaeggi hat erlebt, dass ihre über 60-jährigen Gesprächspartner erröteten, sobald sie das Thema Lust ansprach – weil sie keinen Sex hatten und das nicht zugeben mochten. Sie stresste das Klischee von den jungdynamischen Alten mit intensivem Sexualleben bis zum Ende.

Die Branche habe die richtige Ansprache für die Älteren noch längst nicht gefunden, sagt Bernd Michael, Geschäftsführer der Werbeagentur Grey: »Alle sind noch auf Entdeckungsreise.« Bis heute hantieren die Werber unbeholfen mit Begriffen wie »Best Agers«, »Whoopies« (Well Off Old People) oder »Kukidents«, um die finanzkräftige Altersgruppe ab Mitte 50 anzusprechen. Doch wer nennt sich schon gern »Kukident«?

In der Arbeitswelt stehen die schwierigsten Veränderungen an. In 10 bis 15 Jahren werden die Älteren gebraucht, die Qualifizierten allemal. »Auch wenn man es sich heute kaum vorstellen kann: Ein Fachkräftemangel auf mittlere Sicht wird immer wahrscheinlicher«, schreiben die IAB-Wissenschaftler Alexander Reinberg und Markus Hummel. Die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte wird – eine gleichbleibende Zuwanderung vorausgesetzt – von heute fast 41 Millionen bis zum Jahr 2050 auf knapp 34 Millionen sinken.

Der Krieg der Generationen findet nicht statt

Noch investiert die Wirtschaft wenig in die Bildung älterer Mitarbeiter. Während im Jahr 2002 immerhin 36 Prozent der 35- bis 49-Jährigen ihr berufliches Wissen auffrischten, war die Quote bei den über 50-Jährigen nur halb so hoch. Das ist erstaunlich wenig gemessen daran, dass seit Jahren von Politikern, Verbänden und Unternehmern ständig das Prinzip des lebenslangen Lernens beschworen wird. Der Berliner Altersforscher Paul Baltes glaubt, dass dieses Ziel für viele Menschen unattraktiver ist, als gemeinhin angenommen wird: »Lebenslanges Lernen – das klingt zuerst nach einer wunderbaren Idee. Tatsächlich löst das Prinzip sehr gemischte Gefühle aus. Die Botschaft lautet ja: Du bist niemals komplett. Es wird in deinem Leben keine Phase geben, in der du dich einfach bequem treiben lassen kannst.« Baltes hat das 21. Jahrhundert deshalb »Zeitalter des chronisch unfertigen Menschen« genannt.

So differenziert ist die politische Debatte längst noch nicht. Stattdessen dominieren zwei einander ausschließende Schreckensszenarien. Einerseits wird vor einer »Diktatur der Alten« gewarnt: Sozialreformen müssten innerhalb der kommenden zehn Jahre vollzogen werden, anschließend sei die Macht der Rentner viel zu groß, ist häufig zu hören. Andererseits haben die Jungen alle Macht. Sie sind zwar in der Minderheit, aber sie müssen das Geld für die Versorgung der Alten verdienen – und können es notfalls auch verweigern.

Dass beide Gedankenspiele so wenig zusammenpassen, zeigt: Es wird in den demografisch schwierigen Jahren ab 2015 weder eine Diktatur der Alten noch eine Herrschaft der Jungen geben. Wahrscheinlich werden auch künftig andere Trennlinien zwischen Starken und Schwachen entscheidend sein. Die sozialen Unterschiede innerhalb der Generationen dürften stärker zunehmen als die Differenzen zwischen den Generationen – die künftigen Erbschaften werden dazu beitragen, der Rückbau des Sozialstaats und die Veränderungen im Gesundheitssystem.

Die soziale Ungleichheit unter Gleichaltrigen sei heute schon enorm, schreibt der Altersforscher Baltes: »Das Alter von sechsjährigen Kindern schätzt man meist recht genau ein, bei 75-Jährigen dagegen liegt man oft daneben. Diejenigen, die etwa an einem Fest zur 50. Wiederkehr des Schulanfangs teilgenommen haben, können dies bestätigen. Wenn man in den Raum kommt, glaubt man, einige hätten ihre Kinder und andere ihre Eltern mitgebracht.« Das wiederum macht die Altersdebatte interessant: Eigentlich müssten die Deutschen gleichzeitig viel mehr über das Alter wissen und viel weniger Aufhebens davon machen.

Vor einem Alterswahn muss sich niemand fürchten. Der Jugendwahn ist vorbei.

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