DIE ZEIT: Trotz massiver Kritik der EU, der Opposition, der Wirtschaft und Wissenschaft ziehen Sie das neue Gentechnikgesetz nun nahezu unverändert durch. Warum?

Renate Künast: Es gibt keine massive Kritik vonseiten der EU. Brüsseler Beamte stellen nur die bei einem solchen Notifizierungsverfahren üblichen Fragen. Die Opposition betreibt hier wie in fast allen Bereichen Fundamentalopposition und Blockadepolitik. Wir brauchen aber dringend eine funktionierende Regelung. Denn die EU hat ihr Moratorium zur grünen Gentechnik beendet. Gentechnisch veränderter Mais kann jetzt frei verkauft und angebaut werden. Also müssen wir jetzt sicherstellen, dass es auch in Zukunft gentechnikfreie Landwirtschaft gibt.

ZEIT: Gemäß EU-Recht sind 0,9 Prozent Anteil gentechnisch veränderter Substanz in einem Produkt erlaubt. Ökobauern und ihre Vertragspartner verlangen viel niedrigere Werte oder gar die Nullgrenze. Das Gesetz unterstützt diese Forderungen mit entsprechenden Schadensregelungen. Wird so nicht versucht, die geltenden EU-Vorschriften zu unterlaufen?

Künast: Diese Frage enthält nicht zutreffende Annahmen: Die 0,9-Prozent-Grenze gilt nur für die Kennzeichnungspflicht, und zwar dann, wenn die so genannten GVO-Anteile zufällig und unvermeidbar sind. Die Ökobauern fordern keine Absenkung dieses Schwellenwerts, sie reden aber über Saatgutschwellen von 0,3 Prozent.

ZEIT: Der Zweck des Gesetzes ist, Regeln für eine Koexistenz aufzustellen. Die Haftungsregeln benachteiligen aber jene Landwirte, die gentechnisch veränderte Sorten anbauen wollen.

Künast: Moment mal! Koexistenz bedeutet ja nicht, es einer Seite extrem einfach zu machen. Am Ende sollen beide existieren können, und zwar dauerhaft. Wir müssen also entsprechende Maßnahmen treffen, die dem gentechnikfreien Landbau die Existenz sichern.

ZEIT: Wenn Fußball spielende Kinder eine Fensterscheibe einschießen, dann kann man nicht alle Straßenanwohner dafür haftbar machen. Just eine solche verschuldensunabhängige Gesamtschuldnerschaft sieht Ihr neues Gesetz vor, falls der Pollenflug transgener Pflanzen einem Ökobauern Absatzverluste beschert. Dann haften alle gemeinsam, die im Umfeld entsprechende transgene Feldfrucht angebaut hatten. Wird dies vor dem Verfassungsgericht standhalten?