Roman Die Jugendjahre eines schlauen Schlaffis

Sven Regener lässt seinen Herrn Lehmann in Bremen aufwachsen, schickt ihn zum Bund und erzählt das in einem amüsanten, gehobenen Unterhaltungsroman

Mit seinem Debütroman stürmte der Element-of-Crime-Sänger Sven Regener 2001 die belletristischen Hitparaden. Schon dieser amüsante Erstling, hoch gelobt und flach verfilmt, war über jeden Verdacht erhaben, den Leser geistig überfordern zu wollen. Vergleichbar den Büchern eines Frank Goosen oder Nick Hornby pflegt auch eine Nettigkeit dem Publikum gegenüber, die zumal in ruppigen Zeiten wie diesen ihre herzerquickende Wirkung kaum verfehlen kann. Folglich dürfte auch Regeners zweiter Roman ein Renner werden; denn diesmal lässt er sich netterdings über die Jugend seines Titelhelden aus.

Frank Lehmann, wir erinnern uns, stand im Wendejahr 1989 akut vor seinem 30. Geburtstag. Seit neun Jahren lebte dieser schlaue Schlaffi in Berlin-Kreuzberg, jobbte nächtens als Bierzapfer, um ansonsten jeder Verantwortung zielstrebig aus dem Weg zu gehen. So konturierte sich das Porträt eines tragikomischen Taugenichts, über dessen Vergangenheit lediglich bekannt wurde, dass er aus Bremen stammte.

Frankie ist nicht so blöd, sich für blöd verkaufen zu lassen

Indem der neue Roman nun zurück ins Jahr 1980 schweift, befinden wir uns im besagten Bremen. Und zwar in jenem hübsch-höllischen Neubauviertel, das dem 580-Seiten-Opus den Titel stiftet: Neue Vahr Süd. Es ist Lehmanns kleinbürgerlicher Herkunftskäfig, aus dem es natürlich so bald als möglich auszubrechen gilt. Was sich freilich insofern hinzieht, als man »Frankie« gar nicht genug in den Allerwertesten treten möchte, bis er denselben endlich mal hochbekommt. Zwar hat er immerhin Speditionskaufmann gelernt, unterdes aber »verpennt«, den Wehrdienst zu verweigern. Also schickt der Autor ihn umstandslos zur Bundeswehr – wo unserem Spätzünder jetzt so was von Feuer unter dem Hintern gemacht wird, dass ihm die Mühsal des Erwachsenwerdens, von der hier nämlich vor allem die launige Rede ist, nicht länger erspart bleibt.

Gravierend kommt hinzu, dass er sich nach dem Auszug aus dem Elternhaus in die Wohngemeinschaft seiner linksradikalen Freunde einer Lotterwirtschaft konfrontiert sieht, die mit dem sukzessiven Verzicht auf so altbewährte Annehmlichkeiten wie »Heizung, Klo, Licht« ihren Tiefpunkt noch nicht erreicht hat. Entsprechend verschränken sich die »Stumpfsinnstage« beim Bund mit den Chaostagen des Heimschläfers, der außer an Genossin Sibille eigentlich nur an der Wiederherstellung seiner bös gestörten Ruhe interessiert ist.

Mithin kann aus Frankie, der »nicht so blöd« ist, sich für blöd verkaufen zu lassen, der ausgefuchste Herr Lehmann werden. Denn der Druck, den seine äußere Schieflage erzeugt, treibt seine innere Entwicklung schneller voran, als sich dies ein Schießbudenheld wie er hätte erträumen lassen. Es braucht gerade mal die erzählte Zeit von sechs Monaten, um in unserem Rekruten genau die Charakteranlagen auszubilden, die es ihm mit einigem Dusel ermöglichen, sich zwischen den Fronten von linkem »KGruppen-Quatsch« und ridiküler Ernstfall-Übung durchzumogeln – und schließlich auf die gerissene Tour aus allem Schlamassel herauszuschwindeln.

Wie der junge Lehmann also die Vollreife eines schelmischen Drückebergers erlangt, das wird in diesem Buch für jedermann verständlich und vergnüglich dargestellt. Überhaupt zeigt der Autor einmal mehr, was er kann – und was er nicht kann. Knappe, witzgeladene Dialoge, die gelingen ihm prima. Bei Regener entsteht eine Figur, ein Milieu, eine Szene durch die Art, wie er sein Personal, nein, nicht zum Sprechen, sondern authentisch zum Reden bringt. Solchermaßen hört man aus studentischen Revoluzzern bereits die Spießer von morgen faseln, merkt man einem Punk die Tendenz zum Penner an oder ahnt schon am Tonfall, welche privaten Probleme wohl ein Truppenhengst so hat. Dass derlei Typen gelegentlich hart am Klischee vorbeischrammen – geschenkt.

Die Handlungsfäden werden der Reihe nach abgespult

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