Es gibt Bücher, die man zweimal lesen will – das ist der Glücksfall. Und es gibt Bücher, die man zweimal lesen muss – das ist der Fall von Markus Werners Am Hang, dem siebten Roman des bald sechzigjährigen und von Buch zu Buch bislang nur immer virtuoseren Schweizer Erzählers.

Zwei Männer unterhalten sich an zwei Abenden auf einer Hotelterrasse in Montagnola zu viel Wein über die Liebe und über den Zeitgeist. Thomas Clarin, ein jüngerer Anwalt, hat immer gerade eine Affäre hinter sich, findet die Ehe abwegig und die Welt ganz akzeptabel. Thomas Loos, angeblich Altphilologe, hat gerade seine Frau verloren, findet in der Ehe seine Heimat und hasst die Welt aus ganzem Herzen. Ihre Lieben, die treue und die treulose, und ihre Ansichten berichten sich die zwei in einiger Ausführlichkeit und mit nicht zu knappem anekdotischem Beiwerk.

Auch wenn man phosphoreszierende Radlerhosen und Dreiviertelleggings an Frauen genauso abscheulich findet wie Loos und mutmaßlich Markus Werner, wirken derlei zeitkritische Ansichten, wenn sie einem in Romanform und in größerer Häufung begegnen, auf Dauer etwas öd. Und was die Meinungen über Ehe oder Nichtehe betrifft, so sind auch sie "nicht nagelneu", wie es einmal mit lascher Ironie heißt. Auch geht ihnen der unwiderstehliche sprachliche Charme und der Witz ab, der in Werners bisherigen Büchern jeden Satz und jede Ansicht begleitet hat. Wenn man dann noch, eher früher als später, feststellt, dass Werners Figuren diesmal nicht die Teilnahme zu wecken vermögen, die man all seinen bisherigen so gerne zukommen ließ; und wenn man weiterhin feststellt, dass Werner, sonst ein Meisteruhrmacher des Handlungsbaus, in dieser Hinsicht diesmal eher faul war, sein Roman ähnelt bisweilen einer fortgesetzten Kolumne mit zwei Stimmen – dann kann man eigentlich nur noch auf den Schluss hoffen, denn irgendetwas um diesen seltsamen Loos will einem von Beginn weg nicht recht koscher scheinen.

Der kalte Rückenschauder über dem dünnen Eis der Täuschung

Tatsächlich kommt am Ende da einiges aus, was Werner sich wohl als dolle Pointe gedacht hat, uns jedoch eher als berggeborenes Mäuschen anmutet. Loos war gar nicht Loos; dafür hatten "Loosens" Ehe und Clarins Affäre mehr als nur ein bisschen miteinander zu tun. Und "Loosens" Geschichten waren Erfindungen, die im Verhüllen doch die Wahrheit sagten.

Um in den Vollgenuss dieser ex post zündenden Pointe zu kommen, muss man das Buch ein zweites Mal lesen. Da wird man dann feststellen, dass Werner technisch durchaus sorgfältig da und dort cleveren Doppelsinn eingebaut hat. Hin und wieder verschafft einem das tatsächlich Ironiegewinne. Und für Loos ist’s einem nun noch etwas schwerer ums Herz. Aber die Abgründigkeit, der kalte Rückenschauder über dem dünnen Eis der Täuschung, auf den Werner gehofft haben mag, stellt sich nicht ein. Eher fühlt man sich in einer Scharade. Und es bleibt auch doppelsinniges Schwadronieren eben Schwadronieren. Am meisten wundert man sich darüber, dass der sonst so sichere Erzählkünstler Werner annimmt, dass wir ihm Clarin als glaubwürdigen Ich-Erzähler abnehmen: Zwei Abende schien er uns bestenfalls ein kregler Dummkopf, und nun soll er hingegangen sein und die Geschichte aufgeschrieben haben, die wir eben gelesen haben. Aber um ihm so sehr den Kopf zurechtzusetzen, auch dazu ist die Pointe, über die ihn Werner erschrecken lässt, zu schwach.