Die Wirklichkeit kann ganz schön enttäuschend sein, wenn man sie mit einer Landkarte vergleicht. Das erfuhr der Schweizer Geologe Albert Heim, als er am 3. Oktober 1898 mit einem Ballon die Alpen überquerte. Endlich wollte er mit eigenen Augen das prächtige Panorama erblicken, das er von der Karte kannte. Doch was Plastizität und Wucht anging, blieb das reale Alpenmassiv dahinter weit zurück. Nicht an der Karte zweifelte Heim daraufhin, sondern an der Aussagekraft seines eigenen Erlebnisses. Er notierte: "Indem ich diese Differenz im Anblick der Landschaft aus dem Ballon und der Karte hervorhebe, will ich unsere Karten durchaus nicht tadeln. Im Gegenteil ist es, wenn ich mich so ausdrücken darf, ein Mangel, dass wir im Ballon so wenig vom Relief sehen."

Landkarten sind Vorstellungswelten. Wer wäre nicht auch schon mit dem Finger von Dubai nach Dakar gefahren, von Denver nach Phoenix? Wer ein Land auf der Karte erkundet, nimmt es geistig schon in Besitz. Kartografie und Landnahme gehören seit Jahrtausenden zusammen. Die Erde war unbekanntes Terrain, bis die Entdecker sie bereisten und aufzeichneten, was sie sahen. Heute liegt sie gewissermaßen nackt vor uns, bis in die kleinsten Winkel erschlossen, für alle einsehbar. Und doch bleibt die Welt auf Landkarten verschlüsselt, mit einheitlichen Signaturen und Symbolen: rote, gelbe und schwarze Straßen, Höhenlinien und Schraffuren, Seen und Grenzen, kleine und große Ortsnamen. Karten erzählen alles und doch nichts darüber, wie es irgendwo aussieht. Aber sie regen die Fantasie an, und wer die Karte eines Landes studiert, erfährt manchmal mehr darüber als einer, der dort war. Vielleicht ist darum einer, der mit Karten handelt, immer auch einer, der Träume verkauft.

Dr. Götze Land und Karte, in Hamburg direkt an der Alster gelegen (Alstertor 14–18), ist der größte Karteneinzelhändler Deutschlands. 50000 Landkarten sind hier auf 700 Quadratmetern gestapelt – die Welt in allen Maßstäben. Wer das Reich von Dr. Götze betritt, läuft Gefahr, sich zu verirren zwischen Südseeinseln und Hochplateaus, Wüstenlandschaften und Regenwäldern, Wanderwegen und Autobahnen. Das Geschäft gehört einem Mann, der auf seine Weise etwas von Träumen versteht: Dr. Farhad Vladi verkauft ansonsten Inseln.

An diesem Montagnachmittag herrscht Grabesstille zwischen den Regalen. Sieben Männer und eine Frau sind hier, die meisten beugen sich in ihrer Ecke konzentriert über ausgefaltete Karten, studieren Straßenverläufe und Hügelzüge. Manchmal raschelt das Papier beim Zusammenfalten. Manchmal stellt jemand eine Frage. Wie in der Bibliothek kommt man sich vor. Karten verlangen Vertiefung.

"Eine Karte ist für mich wie eine heilige Schrift"

Ein Mittdreißiger studiert Karten von Norditalien. Er will mit dem Motorrad alte Militärrouten abfahren, und so etwas geht nicht mit dem Auto-Atlas. Auf der anderen Seite des Raumes ist ein Mann seit einer Viertelstunde über vier verschiedene Karten derselben kanarischen Insel gebeugt. Er versuche herauszufinden, sagt er, welche für ausgedehnte Wanderungen am besten geeignet sei. Eine topografische Karte mit ihrem Detailüberfluss oder die vereinfachte Wanderkarte? Ein Kartenfreak, ja, das sei er wohl. "Eine Karte ist für mich wie eine heilige Schrift."

In den letzten zehn Jahren hat die Kartografie eine Revolution erfahren. Davor wurden Landkarten von Hand gezeichnet und geklebt, in Kleinst- und Feinstarbeit, mit Doppel-Ziehfeder und Schaber. Heute arbeiten die Kartografen am Computer, mit der Maus ziehen sie tausendstelmillimetergenaue Linien. Und auch wenn immer noch Erkundungsteams der Kartenhersteller um die Welt fahren – ein Großteil der Daten wird direkt vom Satelliten in den Computer eingespeist. Karten sind dadurch einfacher herzustellen und genauer geworden: Die Verzerrung, die durch die Krümmung der Erde entsteht, kann besser korrigiert werden. Ironischerweise droht der traditionellen Kartografie ausgerechnet von den Satelliten auch die größte Gefahr: Sie erst ermöglichen die modernen Navigationssysteme, die einem immer sagen können, wo man gerade ist. Ihr Siegeszug ist unaufhaltsam, schon vier Millionen Deutsche vertrauen sich ihnen an. Die Entwicklung der Kartografie verläuft so rasant, dass Schwarzseher gar befürchten, die klassische Karte sei hoffnungslos überholt. Aber Stefan Lakowsky, der Ladenchef von Dr. Götze, sieht Karten genauso wenig gefährdet wie andere Papiermedien. Zwar würden Stadtpläne seltener verkauft, weil die im Internet einsehbar sind. Und bei GPS-Geräten verzeichne er dreistellige Zuwachsraten, zwei Berater habe er dafür einstellen müssen. "Das geht aber nicht auf Kosten der Karten. Es sind auch nicht andere Kunden, die sich dafür begeistern – es ist die bestehende Kundschaft, oft Leute über vierzig, die auch den Umgang mit der neuen Technik erlernen wollen."

Sein Geschäft ist ein stabiles Geschäft. Konjunkturelle Schwankungen gibt es kaum, nur welche Destinationen gerade gefragt sind, kann sich von Tag zu Tag ändern. "Als der Irak-Krieg ausbrach, standen Dutzende Interessierte und Medienleute bei uns vor der Tür und wollten einen Stadtplan von Bagdad", sagt Lakowsky. Reiseziele, die im Trend sind, lassen sich an der Kartennachfrage ablesen: "Vor zwei Jahren wollten alle Informationen über das Baltikum, im Moment sind es die Alpen."