Der Fremde

Franz Müntefering liebt Albert Camus, er trägt nie eine Uhr und denkt immer zwei Schritte voraus. Der SPD-Vorsitzende verkörpert die Seele der Partei und baut dennoch den Sozialstaat ab. Sechs Monate an der Seite eines Mannes, der die Hoffnung nicht aufgeben darf

Ist diese Frage ihm jetzt unangenehm? Franz Müntefering steht plötzlich auf und geht zu seinem Jackett, das er zu Beginn des Gesprächs ein paar Stühle weiter über die Lehne gehängt hatte. Er zieht ein Stück Papier aus der Innentasche und murmelt: »Will nur kurz schauen, wann ich hier los muss…«

Es ist bekannt, dass Müntefering bei Gelegenheit kleine Tricks einsetzt, um sein Gegenüber zu irritieren. Im Fernsehstudio räumt er in einem unbemerkten Augenblick eines der beiden vollen Wassergläser schon mal zur Seite, um angesichts einer möglicherweise unliebsamen Frage ablenken zu können: »Nur ein Glas, gehört das Ihnen oder mir…?« Als Michel Friedman noch Friedman war, nervte der seine Gesprächspartner im Fernsehstudio durch körperliches Nahekommen. Die Leute rückten instinktiv zurück. Müntefering überlegte sich eine andere Methode: Er rückte Friedman seinerseits entgegen, bis sich fast die Nasenspitzen berührten – und brachte den Moderator damit aus dem Konzept.

Anzeige

Der Profi Franz Müntefering benutzt im politischen Spiel gerne die Energie des anderen, damit die eigenen Züge kraftvoller wirken. Als er Anfang der neunziger Jahre Parlamentarischer Geschäftsführer unter Hans-Jochen Vogel war, hatte der Chef die Eigenart, bei Besprechungen irgendwelche Klarsichtfolien mit Aktenbögen hochzuhalten. Müntefering legte sich ebenfalls diese Folien zu und hielt sie dann ebenfalls hoch. Um Vogel ein bisschen, aber durchaus freundlich zu karikieren.

Wir sitzen in einem Hotel in Krefeld, und die Frage lautet: Bereitet Franz Müntefering mit seiner Art, Politik zu machen, manchmal derart den Boden, dass am Ende nur noch einer das Problem lösen kann – nämlich er selber? Günter Bannas hatte in der FAZ die Formulierung vom »Boden bereiten« gebraucht, und dies durchaus in einem explosiven Zusammenhang: Er dachte nach der verheerenden Niederlage der SPD bei den Europawahlen im Mai in einem Leitartikel darüber nach, ob Müntefering möglicherweise Schröder stürzen wolle. Schröder, resümierte der Autor, werde sich nie ganz sicher sein können.

Franz Müntefering setzt sich in dem Krefelder Hotelzimmer wieder hin und wiederholt kurz: »Boden bereiten?« Kurze Pause. »Ich weiß nicht, ob das stimmt.« Es treffe schon zu, dass er jemand sei, der sich nicht vom Tagesgeschäft auffressen lassen möchte: »Ich denke gerne eine Kurve weiter.« Aber wenn damit gemeint sei, er tue dies, um persönlich für sich selbst etwas zu erreichen, »nein, so ist das nicht«. Auch wenn er wisse, ganz ohne persönlichen Ehrgeiz werde man nicht das, »was ich geworden bin, schon klar. Trotzdem halte ich meinen Ehrgeiz für begrenzt.« Sagt er und zitiert von sich aus Gerhard Schröder, der vor einiger Zeit gesagt hatte, er bewundere den Franz, wie gut der seine Eitelkeit verstecken könne.

Service