Mittels elektrischer Stimulation prüfte Guillaume Duchenne 1852 die Aktivität der Gesichtsmuskeln. Sein Proband spürte davon nichts – auch wenn es anders wirkt

Foto [M]: © école nationale supérieure des beaux-arts, Paris; Grafik (ob.): Scan aus: Dickinson, R.L. (1949), Human Sex Anatomy. Williams & Wilkins

1837 Darwin am Fagott

Manche Experimente muss man sich einfach aus der Sicht der untersuchten Tiere vorstellen. Da windet sich ein Wurm in einem Topf mit Erde, und was sieht er, wenn er über den Rand blickt? Einen der bedeutendsten Naturwissenschaftler, Charles Darwin, der sein Fagott an den Topf hält und mit geblähten Backen den tiefstmöglichen Ton spielt. Wer nun glaubt, der Wurm sei überrascht, könnte sich täuschen. Der Gelehrte hat nämlich schon auf der Flöte und auf dem Klavier für ihn gespielt.

Darwin begründete nicht nur die Evolutionslehre, er erforschte auch über vierzig Jahre lang das Leben der Regenwürmer. Dabei wollte er unter anderem klären, ob die Würmer hören können. Als sie auf keines der Instrumente reagierten und sich auch nichts anmerken ließen, als Darwin sie anschrie, schloss er in seinem Buch über Die Bildung der Ackererde durch die Tätigkeit der Würmer im Jahre 1881: »Würmer haben keinen Gehörsinn.«

1852 Der Muskel der Lüsternheit

Wie der alte Mann hieß, dessen Bild heute in Kunstausstellungen hängt, hat der Arzt Guillaume Benjamin Armand Duchenne de Boulogne nie verraten. In seinem Buch Méchanisme de la physionomie humaine erfahren wir nur, dass er als Schuhmacher arbeitete und sein Gesichtsausdruck zu seinem »gutartigen Charakter« und seiner »beschränkten Intelligenz« passte. Mehr beschäftigte Duchenne, wie seine Leser darauf reagieren könnten, dass er für seine Versuche nicht ein schöneres Gesicht ausgewählt hatte. Doch der Arzt hatte gute Gründe, den zahnlosen Alten zu bevorzugen: Einerseits ließ die faltige Haut die Muskeln besonders deutlich hervortreten, andererseits litt er seit langem an einer fast kompletten Gefühllosigkeit des Gesichts. Ein unschätzbarer Vorteil, der Duchenne erlaubte, »die einzelne Aktivität der Muskeln so effizient zu untersuchen wie an einer Leiche«. Auch wenn die Bilder des Schuhmachers zuweilen an Folterszenen erinnern: Er spürte nichts, seine Atmung blieb während der Experimente regelmäßig und ruhig, wie der Arzt versicherte.

Seit 1842 untersuchte Duchenne Epileptiker, Spastiker und Paraplegiker, indem er einzelne ihrer Muskeln mit Strom reizte. Ließ sich ein gelähmter Muskel elektrisch stimulieren, schloss Duchenne, musste der Fehler im Gehirn oder in der Verbindung dorthin liegen; wenn nicht, lag das Problem im Muskel selbst. An diese Arbeit erinnert heute der Name der Duchenne-Muskeldystrophie.

Der Mediziner verfolgte nicht nur wissenschaftliche, sondern auch ästhetische Ziele. Durch die elektrische Stimulation des Gesichts versuchte Duchenne, möglichst echt aussehende Gefühlsregungen hervorzurufen, und er benannte die Muskeln nach den Gefühlen, bei denen sie aktiviert wurden: den Muskel der Traurigkeit, des Schmerzes oder der Lüsternheit. Der Unterschied zwischen einem echten und einem falschen Lachen liegt demnach im Orbicularis oculi, pars lateralis , einem Muskel, der das Auge umfasst und nur bei einem natürlichen Lachen aktiviert wird. Er »gehorcht nicht dem Willen«, schrieb Duchenne. »Sein Fehlen entlarvt den falschen Freund.«

Duchenne wollte mit seinen Studien des Gesichts auch den Lauf der Kunst verändern, indem er Regeln formulierte, die den Künstler »bei der wahren und vollständigen Darstellung der Bewegungen der Seele« führten. Vielen der großen Meister der Antike stellte er kein gutes Zeugnis aus. Sie hätten zwar die groben Züge richtig getroffen, aber sonst sei vieles »mechanisch unmöglich«. Der Skulptur des griechischen Priesters Laokoon, von Kunsthistorikern als Meisterwerk gepriesen, fehle es zum Beispiel an der Stirn. Offenbar wussten die rhodischen Bildhauer Polydoros, Agesandros und Athanodoros nichts vom m. corrugator supercilii , der dort unter der Haut wirkt.