DRESDEN/ZITTAU

Manchmal muss die NPD sich in diesen Wahlkampfzeiten allzu großen Zuspruchs erwehren. Gerade hat auf dem Marktplatz von Zittau der Bundesvorsitzende Udo Voigt mit einem Trupp Helfer seinen Infotisch aufgeklappt, da wankt ein Mann heran, Ende 30 und sturzbetrunken. Es ist früher Nachmittag. Mit schwerer Zunge nölt er über die da oben. Voigt sagt: Dann mach bei uns dein Kreuzchen! Nein, die NPD sei ihm viel zu weich, antwortet der Mann, er sei für Hitler, für die NSDAP. Der NPD-Chef zögert kurz. Wer weiß, wie es gelaufen wäre, hätte kein Reporter daneben gestanden, jedenfalls antwortet Voigt: Dann sind Sie bei uns falsch. Mit der Vergangenheit, sagt er, habe die NPD nichts zu tun, Deutschland brauche eine moderne, nationale Bewegung und keine Restauration. Der Trinker versteht unter Restauration offenbar etwas anderes. Er lallt noch ein paar Minuten von Türkenpack und Revolution. Am Ende verstehen sich die beiden doch sehr gut. Voigt gibt dem Mann ein NPD-Feuerzeug mit und ruft ihm nach: Wahltag ist Zahltag!

Die NPD ist im Wahlkampf, und in Sachsen könnte es für die rechtsextremistische Partei erstmals seit 36 Jahren wieder zum Einzug in einen deutschen Landtag reichen. Bis zu neun Prozent werden ihr in den Umfragen prognostiziert. Vor zwei Jahren noch stand die Partei kurz vor dem Aus. Das Verbotsverfahren vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe platzte zwar, aber es hatte die NPD finanziell ausgeblutet. Und im Streit um die richtige Verteidigungsstrategie traten über tausend Mitglieder aus, fast ein Fünftel. Trotzdem konnte die NPD bei der Europawahl im Juni ihr Ergebnis auf bundesweit 0,9 Prozent verdoppeln, vor zwei Wochen bei der Landtagswahl an der Saar holte sie 4 Prozent - beides spült Wahlkampfkostenerstattung in die Parteikassen. Und nun Sachsen. Wie ist der Aufschwung der NPD zu erklären?

Mit der Altherren-Partei aus den sechziger Jahren hat die NPD von heute nur noch wenig gemein. 1996 übernahm Udo Voigt den Vorsitz. Der 56-jährige Politologe und Hauptmann der Reserve ist kein Charismatiker, aber seine strategischen Entscheidungen machen sich jetzt bezahlt. Einerseits öffnete er die Partei für Exmitglieder verbotener Neonazi-Organisationen, so kamen zahlreiche junge, gut geschulte Kader in die überalterte Partei. Andererseits schlug er den Weg der Verbürgerlichung ein. Die offene Leugnung des Holocaust, für die noch sein Vorgänger Günter Deckert ins Gefängnis ging, ist unter Voigt verpönt.

Stattdessen formuliert die NPD ihre völkische Ideologie so, dass sie bis in die Mitte der Gesellschaft hinein auf Zustimmung zielt. Sozialleistungen nur noch für Deutsche ist ein Slogan, der in einer Zeit, in der überall gespart wird, nicht nur bei Extremisten Beifall findet. Grenzen dicht für Lohndrücker! steht auf Plakaten entlang der Hauptstraßen in Zittau. Die NPD weiß genau, dass Ängste vor Tschechen und Polen hier im Dreiländereck weit verbreitet sind. Mit ihrer Mischung aus nationaler und sozialistischer Rhetorik kommt die Partei im Osten besonders gut an. Das NPD-Prinzip, das Volkswohl müsse im Mittelpunkt stehen, ist nicht weit entfernt von der SED-Losung Alles für das Wohl des Volkes.

Seit 1999 hat die NPD ihre Ressourcen auf Sachsen konzentriert. Der dortige Landesverband zählte zeitweise die meisten Mitglieder. Die Parteizeitung Deutsche Stimme zog nach Riesa und bietet dort sichere Arbeitsplätze für Aktivisten. Aus dem ganzen Bundesgebiet sind Kader nach Sachsen gekommen.

Musterbeispiel ist Holger Apfel, 34, Landtags-Spitzenkandidat der NPD. Der gebürtige Hildesheimer war Chef der Jugendorganisation JN, lange lebte er in München. Seit vier Jahren ist er Parteivize. Sein Geld verdient er in Riesa als Verlagschef der Parteizeitung. Zur Kommunalwahl verlegte er seinen Wohnsitz nach Dresden und wurde sofort in den Stadtrat gewählt.