Das globalisierte Altern
Mehr Alte, weniger Kinder. Was Deutschland Kopfzerbrechen bereitet, beunruhigt auch die Menschen in anderen Ländern. Wie gehen dort Wirtschaft und Politik mit älteren Arbeitnehmern um? Und was können die Deutschen von den Erfahrungen des Auslands lernen? Fünf Berichte von ZEIT-Korrespondenten
China: Hoffen auf Konfuzius
Eigentlich ist China jung. Nur zehn Prozent der Bevölkerung sind über 60 Jahre alt. Doch wenn Xu Xiaoyi, der Sprecher des Arbeits- und Sozialministeriums, in Peking eine Pressekonferenz gibt, hört sich das an wie in Berlin oder Tokyo. So kündigte Xu kürzlich Überlegungen seines Ministeriums an, das Rentenalter anzuheben. Xu beklagte, dass der Staatshaushalt mit Auszahlungen über umgerechnet 40 Milliarden Euro pro Jahr für derzeit 36 Millionen Rentner völlig überlastet sei. Auch rechnete er vor, heute kämen auf einen Rentner noch drei Beschäftigte, während schon im Jahr 2020 zwei Beschäftige einen Rentner versorgen müssten.
Ein Grund dafür ist der Erfolg der Ein-Kind-Politik. Kamen 1970 noch 5,8 Geburten auf eine Frau, so sind es heute nur noch 1,8. Zum anderen leben auch die Chinesen länger. In den 50 Jahren seit Gründung der Volksrepublik stieg die Lebenserwartung von 41 auf 71 Jahre. So wird der Anteil der über 65-jährigen Chinesen an der Bevölkerung Prognosen zufolge bis 2030 auf 25 Prozent steigen.
Dieser Trend erscheint besonders beunruhigend, kennt man den derzeitigen Zustand des Rentensystems. Auf dem Land leistet nur jeder zehnte, in der Stadt jeder zweite Bürger Beiträge zur staatlichen Altersvorsorge. Das sorgt für ein chronisches Defizit, das auf jährlich bis zu acht Milliarden Euro geschätzt wird. Alle Reformen verliefen bisher im Sand, weil private Unternehmen und Arbeitnehmer die Altersvorsorge unterlaufen. Nicht umsonst ist in China vom Manchester-Kapitalismus die Rede.
Pressesprecher Xu erklärt das so: »Beim Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft hat sich die Regierung wenig Gedanken über das Rentenproblem gemacht.« Bleibt den Alten nur, auf die konfuzianische Tradition zu hoffen. »Kindesliebe sei«, so heißt in den Gesprächen des Meisters, »den Eltern nach den Riten zu dienen, solange sie leben.« Georg Blume
Italien: Pfleger aus dem Ausland
Italien, ein Land der Alten. Die Lebenserwartung ist höher als in Deutschland, und die Italiener zeugen noch weniger Kinder. Die Arbeitslosigkeit trifft indes vor allem die Jungen. In manchen Gegenden des armen Mezzogiorno südlich von Rom ist fast jeder Zweite der unter 35Jährigen ohne Arbeit. Statt aber die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen, ermutigt die Regierung die Alten zum Weiterarbeiten: Wer nach 40 Beitragsjahren noch nicht in Rente geht, soll künftig einen satten Zuschlag zum Gehalt bekommen, 32 Prozent, steuerfrei.
Mit einer Vertrauensabstimmung hat die von Silvio Berlusconi geführte Koalition Ende Juli ihre Rentenreform durchgesetzt – ein starkes Mittel für ein von Gewerkschaften wie Unternehmervertretern gleichermaßen als schwach kritisiertes Ergebnis. Die Reform kommt spät, und sie greift noch viel später, nämlich von 2008 an. Dann dürfen sich die Italiener erst mit 60 Jahren und mindestens 35 Beitragsjahren in die Rente verabschieden, bis dahin geht es noch mit 57 Jahren. Entscheidend für die Rente soll außerdem nicht länger das Nettoeinkommen der letzten drei Jahre sein. Millionen von Arbeitnehmern waren früher kurz vor der Pensionierung befördert worden, was die Rentenkassen zusätzlich belastete.
Mit 60 Jahren in Rente, für andere Europäer wären schon das paradiesische Zustände. Nicht so für die Italiener: Sie konnten bis vor ein paar Jahren schon nach 15 Beitragsjahren Rente beziehen. Diese so genannte Babypension gibt es nicht mehr, auch das Vorrecht, Pensionen aufhäufen zu dürfen, wurde abgeschafft. Die private Altersvorsorge ist für die meisten Italiener kein Thema.
Indirekt beeinflussen die vielen Alten sogar das Ausländerrecht. Die klischeebeladene Großfamilie ist in Auflösung, viele Alte leben allein. Altenheime sind nicht sehr weit verbreitet. Wer es sich leisten kann, bezahlt eine badante, eine Betreuerin. Zehntausende Pflegerinnen aus Osteuropa oder Asien kümmern sich um die Alten, kochen, putzen und waschen, führen sie zum Spaziergang in den Park, halten Nachtwache. Ein 24-Stunden-Job zum Preis von 500, 600 Euro plus Kost und Logis. Als die Regierung kürzlich die Ausländergesetze verschärfen wollte, rumorte es in der Wählerbasis: Italien braucht ausländische Pflege.Brigitte Schönau
USA: Jobben für das Wohnmobil
Für Jaimie Hall begann der Ruhestand so, wie sie ihn geplant hatte: im Wohnwagen. Per recreational vehicle die Vereinigten Staaten zu durchqueren, viel Natur zu genießen und ab und zu Verwandte zu besuchen ist der Traum vieler Amerikaner für ihr Rentenalter. Nur eins ist für Jaimie und ihren Ehemann Bill anders: Sie arbeiten weiter. Als Wächter in Wildparks, als Verkäufer von Weihnachtsbäumen und Jaimie sogar als Buchautorin (Ein Insiderführer zum Arbeiten unterwegs).
Jaimie Hall gehört zu den Helden einer Web-Seite namens 2young2retire.com (»zu jung für den Ruhestand«), die mit Beispielen und Tipps für einen arbeitsamen Lebensabend wirbt. Solche Angebote – Web-Seiten, Bücher, Newsletter und Seminare – blühen zurzeit in den Vereinigten Staaten. Eine Firma namens Not Yet Retired (»noch nicht im Ruhestand«) verkauft Informationen für einen Geschäftsstart im Alter, The Retired Worker bietet sich hingegen als Ressource für Arbeitnehmer und ihre Chefs an. Jobbörsen wie Cool Works haben eigene Sektionen für Senioren auf Jobsuche eingerichtet, und der Seniorenverband, die American Association of Retired People (AARP), legt allerlei Informationsschriften für Arbeitgeber auf. Zum Beispiel, wie man auf die Bedürfnisse von Beschäftigten eingehen kann, die nebenbei ihren Lebenspartner pflegen.
Die Entwicklung hat freilich nicht nur mit »neuen Visionen von einem lebendigen Ruhestand« zu tun, wie es im AARP-Werbematerial heißt. Vielen Rentnern fehlt schlicht Geld. 2002 ergab eine Umfrage bei Arbeitnehmern zwischen 50 und 70 Jahren, dass jeder Fünfte von ihnen eigentlich schon in Rente gehen wollte, es aus Geldmangel aber herausgezögert hatte. Ein wesentlicher Grund war der Kollaps am Aktienmarkt, der manchen Pensionsfonds an Wert verlieren ließ. Doch auch die Leistungen der staatlichen Rente, der betrieblichen Pensionen und der Krankenkassen schrumpften. Befragt man heute Arbeitnehmer aller Altersgruppen, geben mehr als zwei Drittel an, dass sie frühestens zum 70. Lebensjahr mit einer Pensionierung rechnen.
Etlichen Branchen kommt dieser Trend zupass. Das St. Mary’s Medical Center in Huntington, West Virginia, legte schon ein »Back to Work«-Programm für pensionierte Krankenschwestern auf – denn amerikanischen Hospitälern gehen die Pflegekräfte aus. Die Baumarktkette Home Depot hat eine Web-Seite eingerichtet, auf der sich nur Bewerber ab 55 nach einer Stelle erkundigen können. Laut der Unternehmensberatung Mercer sind bald auch die Luftfahrtbranche, die Versorgungsbetriebe, die Versicherer und die Schulen dran: Erfahrene Kräfte kommen massenhaft ins Rentenalter, und junge Leute rücken nicht genügend nach.
Obwohl das Einwanderungsland Amerika besser dasteht als andere, beschwört man längst auch dort die »ergrauende Gesellschaft« . Das U. S. Census Bureau sagt voraus, dass sich der Anteil der über 65-Jährigen an der Bevölkerung zwischen 2000 und 2040 verdoppeln wird, während die Zahl der Arbeitnehmer im produktivsten Arbeitsalter (25 bis 54 Jahre) nur um zwölf Prozent zulegt. Dem U. S. Bureau of Labor Statistics zufolge werden in sieben Jahren zehn Millionen Arbeitskräfte fehlen.
Deshalb hat der US-Kongress das Rentenalter auf 67 Jahre heraufgesetzt, doch inzwischen werden Forderungen nach einer Erhöhung auf 70 Jahre laut. Notenbankchef Alan Greenspan (78) mahnte Ende August eine Kürzung der Rentenansprüche an. Viele Experten fordern grundsätzlicheres Umdenken, etwa eine Mischung aus Teilzeitarbeit und Teilzeitrente im Alter. Unternehmerverbände verlangen eine Reform des immer mehr Geld verschlingenden Gesundheitssystems.Thomas Fischermann
Großbritannien: Klauen für die Rente
In Großbritannien sitzen schon mehr Menschen hinter Gittern als anderswo in Europa, und nun kommen aus einer unerwarteten Ecke der Gesellschaft Signale für noch mehr Kriminalität: Jeder fünfzigste Rentner erwägt, seine Altersversorgung durch Gaunerei aufzubessern. Das wenigstens ergab eine Umfrage des Versicherers Prudential. So mager fallen die Altersbezüge aus, dass viele Ruheständler nicht wissen, wie sie über die Runden kommen sollen. Wenngleich wohl kaum damit gerechnet werden muss, dass von den elf Millionen britischen Pensionären tatsächlich bald 220000 im Gefängnis landen, hat die Regierung doch ein Rentenproblem.
Die Gründe für die Altersarmut sind vielschichtig: Schon in den achtziger Jahren zog sich der Staat zurück und überließ die Vorsorge dem Einzelnen. Heute lebt nur ein Drittel aller Rentner allein von der staatlichen Rente. Die beträgt knapp 80 Pfund in der Woche, das sind weniger als 120 Euro. Nur wer daneben kein Einkommen und keine Ersparnisse hat, bekommt gut 105 Pfund pro Woche. Doch die meisten stocken die staatliche Grundversorgung aus eigenen Mitteln auf. Die klassische private Altersvorsorge besteht aus einem Eigenheim, einer privaten Rentenversicherung oder einem Pensionsfonds. Nachdem die Börsen ins Bodenlose stürzten, sind viele Ersparnisse aber stark geschrumpft. Das Modell »Markt erwirtschaftet Rente« hat sich nicht bewährt. Außerdem werden die demografischen Veränderungen der nächsten Jahrzehnte Großbritannien ebenso treffen wie viele andere Länder. Heute sind 21 Prozent der britischen Bevölkerung über 60, bis zum Jahr 2050 werden es über 30 Prozent sein.
Mehr und mehr Briten sind bereit, ihren Ruhestand aufzuschieben. Im letzten Jahr kehrten 2,8 Millionen Rentner in die Arbeitswelt zurück. Viele von ihnen nahmen Jobs an, für die sie nur ein paar hundert Pfund im Monat bekommen. Sie stapeln Toastbrot in Supermärkten oder beraten Kunden im Baumarkt. Dabei drängen sie durchaus nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen zurück auf den Arbeitsmarkt. »Viele stellen im Ruhestand fest, dass ihnen ein wichtiger Teil ihres Lebens abhanden gekommen ist«, sagt Mervyn Kohler von der Lobbygruppe Help the Aged. Ziel müsse es sein, dass die Altendiskriminierung in der Gesellschaft abgebaut werde und jeder alte Mensch frei entscheiden könne, ob er arbeiten wolle oder nicht.
Die Regierung unterstützt diesen Trend. Wer über das gesetzliche Pensionsalter hinaus arbeitet, bekommt pro Jahr einen Rentenbonus von 7,5 Prozent. Außerdem wird das Renteneintrittsalter ab 2010 erhöht. Dann sollen Frauen nicht schon mit 60 in den Ruhestand gehen, sondern erst mit 65, wie die Männer schon jetzt. John F. Jungclaussen
Japan: Fließbänder für Alte
Eigenverantwortung statt sozialer Ansprüche – so lautet noch immer das tief verinnerlichte Rezept der ältesten Nation der Welt. Nach einer Umfrage auf der Insel Shikoku etwa, wo der Altenanteil dem Landesdurchschnitt entspricht, möchten nur elf Prozent der Japaner von ihrer Familie im Alter gepflegt werden. Doch zugleich wollen 80 Prozent ihre Eltern versorgen, falls sie Hilfe brauchen.
Folglich bleibt das Altenheim in Japan die allerletzte Wahl – obwohl schon mehr als 20 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt sind. Stattdessen diskutieren Alte und Junge Zwischenlösungen: Der Einsatz von Pflegern zu Hause ist in fast jeder Familie ein Thema. Heime dienen vor allem dazu, die Alten stunden- oder tageweise unterzubringen, damit die Familie sich erholen kann.
Jeder Buchladen hat heute eine Abteilung »Altenpflege«. Die vielen Wege, auf denen sich Schriftsteller, Politiker und andere Prominente um ihre Eltern kümmern, sind zum liebsten Lesethema der mittleren Generation geworden. Auslöser des Altenpflege-Lesebooms war einst der Bürgermeister der Stadt Takatsuki bei Osaka: Er legte sein Amt nieder, als seine Frau an Alzheimer erkrankte. »Bürgermeister können andere werden, aber für meine Frau gibt es nur mich«, begründete das Stadtoberhaupt seinen Schritt.
In dieser Atmosphäre, in der das Altern der Nation längst als Schicksal akzeptiert ist, fällt es der Politik leicht, Reformen zu verordnen. Schon im Oktober 2001 wurde das Rentenalter von 60 auf 65 Jahre heraufgesetzt – ohne Proteste auszulösen. In diesem Juni brachte das Parlament bereits die zweite Reform auf den Weg: Sie erhöht die Beiträge und senkt die Auszahlungen der staatlichen Rentenversicherung. Zwar gab es diesmal durchaus Proteste, doch weniger gegen den Inhalt der Reform als gegen Politiker, die sich ihr nicht anschlossen. Das traf auch Premierminister Junichiro Koizumi, der seine Rentenbeiträge nicht bezahlt hatte. Dieser Skandal hätte ihn bei den Wahlen im Juli fast den Sieg gekostet.
Eine neue Umfrage der Regierung zeigt, dass die Japaner die Reform der Renten- und der Krankenversicherung als wichtigste Aufgabe sehen, erst dann folgt die Verbesserung der Wirtschaftslage. Die Prognosen sind eindeutig: Im Jahr 2025 wird schon ein Drittel der Bevölkerung über 65 sein, zumal die Kinderzahl weiter abnimmt. Das treibt Firmen wie Toyota dazu, Fließbänder für Alte einzurichten – beim Autobauen muss man dann nicht mehr aufstehen. Auch für die Unternehmen gilt das Prinzip der Eigenverantwortung: Sie sollen aus eigenem Antrieb die Produktion so umstellen, dass bis ins hohe Alter gearbeitet werden kann.
Leidtragende der auf viel privater Fürsorge beruhenden Alterspflege sind die Frauen. Von ihnen wird immer noch der Großteil der Pflegedienste erwartet. Dabei sind über die Hälfte von ihnen berufstätig. Und: Viele sind selbst alt, wenn ihre Eltern Pflege brauchen. Oft kümmert sich dann eine 70-jährige Tochter um ihre 95-jährige Mutter. Dennoch sagen sich viele Frauen: Zur ältesten Nation der Welt zu gehören ist nicht Pech, sondern Glück. Ihre durchschnittliche Lebenserwartung ist mit 85 Jahren Weltspitze.Chikako Yamamoto
- Datum 16.09.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 16.09.2004 Nr.39
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