Als ich mich zum ersten Mal jung gefühlt habe, war ich relativ alt. Das war Mitte der neunziger Jahre, und ich fing an, mich in der Baracke, der kleinen Bühne des Deutschen Theaters in Berlin, zu bewegen. Der Begriff "Jugend", der Konflikt Jung gegen Alt, der so genannte Jugendwahn – all das ist für mich verbunden mit dieser Zeit. Ich habe damals versucht, den Konflikt zuzuspitzen, den die Soziologie mit dem Begriff der "verstopften Aufstiegskanäle" bezeichnet. Die Positionen, in denen man etwas zu sagen hat, als Chefredakteur oder Politiker oder Theaterleiter, waren alle besetzt. Gleichzeitig gab es eine Übermüdung des alten Theaters. Unser Aufbruch in der Baracke wurde deshalb mit viel Aufmerksamkeit und Euphorie begleitet.

Jugend war damals ein ideologischer Begriff. Eine Bewegung hatte das ganze Land ergriffen, die stark mit der neuen Hauptstadt Berlin zu tun hatte. Da wurde versucht, in dieser Stadt künstlich eine junge neue Republik zu erfinden. Die Jugend war eben Teil des Mythos. Die Jugend hatte immer Recht damals.

Aber Jugend ist ein Begriff, bei dem es immer auch um Angst geht. Wenn man eine Gesellschaft oder ein kapitalistisches System in Betrieb halten will, müssen die Leute, die schon länger an dem Reichtum partizipieren, immer wieder Angst bekommen, dass das nicht so bleibt. Wenn diese Leute das Gefühl haben, da ist eine junge Generation, die dynamisch ist und progressiv und viel besser, dann gerät bei denen etwas in Bewegung. Alles, was man mit Jugend verbindet, sind Eigenschaften, die hip sind im Neoliberalismus: Flexibilität, Dynamik, Offenheit, Weltläufigkeit. Die Globalisierung ist auf Jugendlichkeit gebaut.

So stellte man sich das Leben in den Neunzigern vor: Alle sollten sexy sein und potent und körperlich gut drauf, trotz oder wegen der Drogen. Alle sollten die Nacht hindurchtanzen und trotzdem am nächsten Tag arbeiten und bis nachts im Büro sitzen und sich Pizzas bestellen und als Team funktionieren. Das sind Träume, die aus der Fundgrube der Kommune oder des Kollektivs kommen – die aber nun für Arbeitszusammenhänge entdeckt wurden, die den Markt bedienen. Das hatte nichts zu tun mit einem romantischen Begriff von Jugend, wie es ihn bei der Wandervogel-Bewegung in den zwanziger Jahren oder bei der Protest-Generation der Sechziger gegeben hatte. Seit ich denken kann, ist der Begriff Jugend verknüpft mit dem Markt. Jugend war immer eine Ware.

Wenn so ein Ideal von Jugend und Dynamik und Flexibilität zu einem gesellschaftlichen Ideal wird und nicht nur einige Nischen betrifft, wenn es sich bis in die städtischen Verkehrsbetriebe ausbreitet, ist die Jugend oder der Jugendwahn nicht nur ein Konstrukt oder eine Erfindung. Dann sind wir mit der Tatsache konfrontiert, dass für die meisten Bürger ab 35 oder 40 die Gesellschaft nichts mehr zur Verfügung stellt. Keine Arbeit und auch nichts von dem, was damit zu tun hat: soziale Zusammenhänge, die Möglichkeit, sich durch das zu definieren, was man tut und schafft. In einer Gesellschaft, die sich durch Arbeit definiert, fällt man dann aus allen Registern.

So wird Jugend zu einem Angstbegriff. Das sieht man schon an dem Wort Jugendwahn, das allein negativ besetzt ist. Jugend wird zum Verteidigungsbegriff einer älteren Generation, die Angst davor hat, ihre Pfründen zu verlieren – und deshalb der Gesellschaft das Attest ausstellt, dass sie sich in einem Wahn befindet. Nicht selten sind das die gleichen Leute, die vor kurzem Teil einer jungen Generation waren und sich jetzt in einem Rückzugsgefecht befinden, intelligente Leute, die merken, dass dieses Ticket Jugend abläuft. Die gleichen Leute, die früher die Jugend als Wert an sich erkannten, erkennen heute das Alter als Wert an sich. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, wenn sie weiter oben bleiben wollen.

Diese Generation, die in Amerika Babyboomer genannt wird, bestimmt fast alles, was mit unseren Lebenswelten zu tun hat. Von der Kultur zur Popkultur zur Körperkultur. Wenn das alles von einer Generation abgedeckt wird, die immer wieder sich und ihre Welt neu erfunden hat, dann muss sie jetzt, wo sie ins Alter kommt, das Alter neu erfinden.

Dabei sind die wirklichen Konflikte, die mit dem Alter zu tun haben, nicht erst seit ein paar Talkshow-Sendungen bekannt, sondern Jahrzehnte alt. Den Notstand in der Pflege kenne ich seit 1987, als ich Zivildienst gemacht habe. Damals lagen in den Krankenhäusern sechs alte Leute in einem Zimmer und konnten nicht menschenwürdig versorgt werden.