Nur wenige Autoren der Weltliteratur kamen schreibend dem Wesen des Weins so nah wie der Ungar Béla Hamvas in seiner Philosophie des Weins. Trinkend mögen viele diesen Weg gegangen sein, aber nach dem Rausch das Erlebte zu formulieren, vermochte kaum jemand. Man muss schon auf Ovid zurückgreifen oder den mittelalterlichen Vagantendichter Archipoeta, um eine ähnlich kraftvolle, ganzheitliche Weinansprache zu finden. In unserer Zeit käme allenfalls noch der französische Philosoph Michel Serres infrage.

Hamvas schrieb dieses Buch 1947 als "Gebetbuch für Atheisten". Listig nutzte er den Wein als Element für eine fundamentale Systemkritik. Geholfen hat es ihm nicht; denn auch dieses Buch blieb bis zu seinem Tod ungedruckt – wie der größte Teil seines Werks. Inzwischen ist das Bändchen in zahlreiche Sprachen übersetzt und auf dem besten Weg, Kultstatus zu erreichen. Was die Weine selbst betrifft, beschreibt Hamvas viele, die uns heute nicht mehr zugänglich sind. Dennoch haben seine Weinmeditationen Ewigkeitswert und können jedem, der sich auf sie einlässt, als Wegweiser zu eigenen Wein-Traumpfaden dienen.

Wer die Philosophie des Weins liest, muss wissen, dass der Autor damals gerade alles, auch seine Bibliothek und seine Manuskripte, im Bombenhagel verloren hatte und Hunger litt. Getränke und Speisen notierte er aus der Erinnerung, ohne Hoffnung, diese jemals wieder genießen zu dürfen. Seine Imagination diente ihm als Nahrung und Genuss. Sie hielt ihn am Leben.

Béla Hamvas war Denker, Philosoph, Essayist, Novellist, Kritiker, Romancier – kaum eine literarische Sparte, in der er nicht brillierte. Doch nach dem Krieg wurde er zum verfemtesten unter den verfemten Autoren Ungarns. Gnadenlos zum Schweigen verdammt, musste er sich seit 1948 als Landarbeiter, Lagerverwalter, Hilfsarbeiter durchschlagen.

Hamvas ist die unbekannte Größe der europäischen Literatur des 20. Jahrhunderts – eines der wichtigsten gedanklichen Bindeglieder zwischen dem 19. Jahrhundert, der kriegerisch-totalitären Zwischenzeit und dem möglichen Aufbruch zu einer neuen Ordnung des 21. Jahrhunderts, die er postulierte. Sein Hauptwerk, den 1500-Seiten-Roman Karneval, stellen Berufene, die ihn auf Ungarisch gelesen haben, in eine Reihe mit den beiden Jahrhundertromanen Zauberberg von Thomas Mann und Ulysses von James Joyce.

Karneval ist eine Apokalypse des 20. Jahrhunderts. Hamvas nannte ihn dessen "Schicksalskatalog". Sein Held Mihaly Bormester (deutsch: Michael Weinmeister), ein Kind "des zehntausendhäutigen Geistes", umrundet den Erdkreis und gelangt bis ins Jenseits, wo er seine zehntausend Masken aufsetzt und ablegt, bis er sein Ich findet. Es gibt mehrere Initiativen, die beiden zentralen Werke von Hamvas deutschen Lesern zugänglich zu machen: die sechsbändige Scientia Sacra und Karneval. Der in Hamburg lebende ungarische Filmer Gabor Altorjay versucht im Rahmen einer Online-Subskription, das Mammutwerk der Übersetzung von Karneval zu bewältigen. Eine Aufgabe, vor der bislang jeder Verlag zurückschreckte. Auf der Seite www.hamvaskarneval.mediatransform.de kann sich jeder an der Förderung der Übersetzung beteiligen und zu den Ersten gehören, die den Roman in deutscher Sprache in die Hand bekommen.

Hamvas stammt wie Sándor Márai, ein anderer Großer der ungarischen Literatur, aus dem Teil Ungarns nördlich der Donau, der heute die Slowakei bildet. Sein Vater war Studienrat in Pressburg. Als dieser nach dem Ersten Weltkrieg den slowakischen Treueschwur verweigerte, wurde die Familie ausgewiesen. In Budapest studierte der junge Béla Hamvas Germanistik und ungarische Literatur, arbeitete als Journalist und Bibliothekar. Zwischen 1919 und 1948 veröffentlichte er nahezu 300 Publikationen, ehe ihn die kommunistische Zensur 1948 mit einem Publikationsverbot zum Schweigen brachte. Ein Schweigen, das anhielt bis zu seinem Tod 1968. Heute gehört er in seiner Heimat zu den meistgelesenen Autoren.