Normalerweise sind es die Juroren, die den Wein testen. Aber für dieses Wein-Spezial haben wir den Spieß umgedreht. Nun liegt es in der Natur der Dinge, dass der Wein nicht an den Juroren riechen und nippen kann. Aber er kann eine beträchtliche psychologische Wirkung entfalten, wenn man sich seiner Anthocyane, der Farbstoffe im Rotwein, bedient und sie – ach, du Schreck! – zu Flecken werden lässt. Aber nicht als Unfall auf gestärktem Damast oder selbst gebatikten Seidenkrawatten, sondern punktgenau und vorsätzlich auf handgeschöpftem, schön saugfähigem Büttenpapier. Erst klecksen, dann klappen und schließlich kräftig drücken. Von jedem Wein entsteht so ein individueller Abdruck – einzigartig in Form und Farbe.

Den Juroren vorgelegt, lösen diese Rotweinbilder Assoziationen aus – wie beim Rorschach-Test. Natürlich waren wir nicht auf der Jagd nach verborgenen, frühkindlichen Traumata oder geheimen Obsessionen, aber es hat uns doch ein wenig in den Fingern gejuckt, dem Wein einmal die Chance zu geben, es seinen Peinigern mit gleicher Münze heimzuzahlen. Urteile wie: "Dieser Wein hat weder Charakter noch Persönlichkeit", oder: "So merkwürdig jungalt", oder richtig grausam: "Bäh!", muss man sich als Wein heutzutage schon gefallen lassen, wenn man durchs Akzeptanzraster der Tester fällt.

Ach ja, die Anthocyane! Die sitzen überwiegend in der Beerenhaut und sorgen dafür, dass während der Gärung roséfarbener, hellroter, violetter, ziegelroter oder nahezu schwarzer Wein entsteht. Je nach Rebsorte und Dauer der Fermentation hinterlässt der Wein unterschiedlich deutliche Spuren auf Zunge, Tischdecke und Papier. Kapriziöser Spätburgunder markiert mit wässrigem Schleier, der ungestüme Lambrusco verewigt sich holunderschwarz.

Jeder Juror wird von zwei Weinen in die Zange genommen, seine Einlassungen werden protokolliert. Die Weine wollen von ihrem Gegenüber alles wissen. "Welche Assoziationen löst das Bild bei Ihnen aus?" Oder: "Erkennen Sie etwas Konkretes?" Die klecksbildenden Anthocyane gehören übrigens zur großen Gruppe der viel beschworenen Polyphenole mit ihrer angeblich so formidablen Wirkung auf die Herzkranzgefäße. Auch Tannine (Gerbstoffe), Aromavorstufen und Geschmacksstoffe wie Vanillin und Himbeerketon gehören zu den Polyphenolen. Ihre Bildung wird durch Sonnenlicht hervorgerufen – je mehr davon, desto dunkler wird der Wein, natürlich in Abhängigkeit von der genetischen Disposition der Rebsorten. Es gibt helle (Spätburgunder oder Trollinger) und dunkle Sorten (wie Syrah und Dornfelder). Die Farbigkeit beeinflusst die Psychologie des Trinkers besonders. Undurchdringlichem Rot wird eher vertraut und der Wein in der Regel höher bewertet.

Die tiefenpsychologischen Tricks der pfiffigen Österreicher

Die Kriterien für unsere Weinauswahl waren ungewöhnlich: Rotweine mit seelenvollen Namen oder assoziationsreichen Etiketten. Jahrgang, Rebsorte oder Herkunft spielten keine Rolle. Entsprechend bunt ist die Mischung. Neben transparentrotem Spätburgunder aus der Rheingauer Spitzenlage Assmannshäuser Höllenberg gehen Italiener an den Start, wie der teuflische Lambrusco "Mefistofele" oder der blaublütige "Luce" aus der Toskana. Ein Sizilianer namens "Mille e una Notte" spielt mit dem Übergang von Orient zu Okzident. Er findet seinen Platz neben zahlreichen Österreichern, die wegen ihrer ungewöhnlichen Weinnamen stark vertreten sind. Die pfiffigen Österreicher und viele Italiener setzen am deutlichsten auf die psychologische Wirkung von Werbebotschaften. Die Ausgewählten inszenieren in Form, Bild und Wort das Spirituelle des Weins: "Die Versuchung", "Das Phantom", "Potio Magica" (Zaubertrank).

Fliegengewichte im Kampf mit schweren Boliden

Wir brachten es nicht übers Herz, die sympathische Mischung in eine Hierarchie zu zwängen, und kürten keinen Gesamtsieger. Einen Lambrusco gegen einen St. Estèphe Grand Cru Classé zu stellen, das ist wie ein Boxkampf zwischen Fliegen- und Schwergewicht. Unfair. Ausgesprochen aufschlussreich hingegen ist es, die Streuung der Sympathiewerte zu betrachten: Bei allen Weinen ist ein breites Spektrum zu beobachten. Denn bei der Blindprobe mussten neben der Bewertung von Geruch und Geschmack auch der Sympathiefaktor der Weine ermittelt und Statements abgegeben werden. Dabei erfährt man in erster Linie etwas über den Wein, aber auch wieder etwas über die Jury, wie folgende Weinbeschreibung von Politik-Redakteur Gero von Randow beweist: "Ein schlecht gelaunter Erdgeist, der mit montanindustriellen Altlasten kämpft."