In einer Szene des Films Monty Python’s Life of Brian , der die Monumentalschinken über das Leben und Sterben Jesu parodiert, hält ein judäisches Widerstandskommando ein konspiratives Treffen ab. Der Anführer heizt die Stimmung gegen die römische Besatzungsmacht auf. "Diese Bastarde", ruft er aus, "haben uns alles genommen, und nicht nur uns, sondern auch unseren Vätern und den Vätern unserer Väter. Und was haben sie uns jemals dafür gegeben?! " Einer der Aktivisten kommt über die rhetorisch gemeinte Frage ins Grübeln. "Den Aquädukt", meint er zögernd. "Und die Kanalisation", sagt ein anderer. Jetzt fällt jedem der Möchtegern-Kämpfer etwas ein: "Die Straßen ", "Medizin", "Bildung", "den Wein", "öffentliche Bäder", und so weiter.

"Na gut, na gut", unterbricht der Anführer schließlich ungeduldig, "zugegeben, aber von all dem einmal abgesehen: Was haben die Römer jemals für uns getan?" Und das Kommando fährt unverdrossen mit den Vorbereitungen für seine militanten Aktionen fort. Übrigens besteht der Plan darin, die Frau des römischen Statthalters zu entführen und zu fordern, dass "der gesamte Apparat des imperialistischen römischen Staates" binnen zweier Tagen aufgelöst wird. Andernfalls soll der Geisel der Kopf abgeschnitten werden. Und, fügen die Aufrührer hinzu, danach würden sie deutlich machen, dass allein die Römer die Verantwortung für diese blutige Konsequenz trügen, da sie sich so uneinsichtig gezeigt hätten.

Treffender als mit dieser Szene aus der Filmkomödie von 1979 läßt sich die Essenz des Ressentiments gegen denWesten kaum zusammenfassen. Um ihn mit Inbrunst verabscheuen zu können, muß man nicht nur von der Überlegenheit des Westens auf wirtschaftlichem, technologischem und kulturellem Gebiet überzeugt sein, man muß auch bereits die Annehmlichkeiten erfahren haben, die seine Errungenschaften mit sich bringen. Zugleich aber muß man fähig sein, diese Errungenschaften gänzlich unberücksichtigt zu lassen, wenn es darum geht, den Schuldigen für sämtliche Ungerechtigkeiten zu benennen, die bislang zu erdulden waren. Und so fällt am Ende die grauenvollste Gewalttat, die sich gegen die Quelle allen Unrechts richtet, auf diese selbst zurück.

Eine ähnliche Szene wie im Film könnte man sich im heutigen Irak vorstellen, in der Anhänger des extremistischen Schiitenführers al-Sadr beisammensitzen. "Was haben die Besatzer je für uns getan", könnten sie fragen, "außer uns von einer der schlimmsten Tyranneien des 20. Jahrhunderts zu befreien? Was haben sie uns jemals gebracht außer freier Presse, Informations- und Koalitionsfreiheit, Aussicht auf freie Wahlen, besser ausgestattete Schulen und Kindergärten ohne ideologische Indoktrination, Religionsfreiheit auch für die vorher unterdrückte schiitische Bevölkerungsmehrheit, gesicherte Lebensmittelversorgung, freien Handel und einen sichtbar beginnendenWirtschaftsaufschwung? Kurz, was haben uns die verfluchten Besatzer gegeben außer den Voraussetzungen für die Entwicklung einer freien und prosperierenden Gesellschaft? Nichts! Tod den Besatzern!"

Auch wenn über Gewaltakte und chaotische Verhältnisse in hiesigen Medien ausführlicher berichtet wird als über die Vorzüge, die das heutige Leben im Irak gegenüber den Zeiten Saddam Husseins hat, hätten die Iraker in unserer imaginären Szene doch viele berechtigte Gründe, sich über die amerikanische Besatzungsmacht zu beklagen. Die politischen Fehler und Versäumnisse der amerikanischen Führung, die verbrecherischen Taten, die von US-Soldaten im Irak begangen wurden, sind allzu zahlreich. Gemessen an dem Anspruch der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten, rechtsstaatliche und demokratische Strukturen im Irak zu verankern, sind solche Exzesse, mit den Folterungen im Gefängnis von Abu Ghraib als moralischem Tiefpunkt, besonders deprimierend.

Es geht hier auch nicht darum, die Gegner des Irakkriegs unter Generalverdacht zu stellen, antiwestlich zu sein. Man konnte gute Argumente gegen diesen Krieg anführen, die sich an westlichen Interessen und Werten orientierten. Und es wäre grundsätzlich absurd, "den Westen" als die beste aller möglichen Welten hinzustellen, an der es nichts zu kritisieren gäbe. Ohne radikale öffentliche Kritik wäre der Westen nicht "der Westen", oder dies wäre dann nichts anderes als eine geographische Bezeichnung für dieWeltgegend, von der aus bestimmte weltpolitische Mächte agieren. dass er die Institution der öffentlichen Kritik als konstituierendes Element eines florierendenGemeinwesens begreift, ist ja gerade eine der Zivilisationsleistungen, die sich mit dem Begriff "Westen" untrennbar verbunden haben. Der Folterskandal von Abu Ghraib hat auf drastischeWeise gezeigt: Was eine westliche Gesellschaft politisch-kulturell auszeichnet ist nicht, dass sie bessere Menschen hervorbrächte als andere politische Kulturen. Auch ihre Machtapparate sind nicht von sich aus gegen den Absturz in Unmenschlichkeit gefeit. Die Besonderheit moderner westlicherGesellschaften besteht darin, dass sie sogar in der Extremsituation eines Krieges fähig bleiben, in ihrem Namen begangene Untaten aufzudecken, schonungsloser öffentlicher Kritik und rechtlichen Sanktionen zu unterziehen.

Selbstzweifel, Skrupel bei der Anwendung seiner Machtmittel und die Bereitschaft, sich Gesetzen und Regeln zu unterwerfen, gehören ebenso zur politischen Kultur des Westens wie das Prinzip der Gewaltenteilung und der institutionellen Trennung von Staat und Gesellschaft, von Staat und Religion. Das antiwestliche Ressentiment aber artikuliert eine ganz andere Botschaft als die Selbstkritik, die für den Bestand der westlichen politischen Kultur unverzichtbar ist. Es bestreitet grundsätzlich, dass der Westen Prinzipien und Werte verkörpert, die denen autoritärer Gesellschaftsformationen vorzuziehen seien. Es beinhaltet auch weit mehr als nur die Ablehnung einer bestimmten amerikanischen Regierungspolitik. Amerika ist mit dem "Westen " nicht identisch. Es kann somit sehr wohl eine "westliche" Kritik an der amerikanischen Politik und Gesellschaft geben.