kommentar Whisky für die TalibanSeite 7/7
Doch wer auf den Anspruch fundamentalistischer Ideologen, höhere Werte als die des dekadenten Westens zu vertreten, mit der Suche nach einem gleichwertigen »Eigenen« der eigenen Kultur antwortet, ist den Herausforderern bereits in die Falle gegangen. Besteht ein Vorzug der offenen Gesellschaften doch gerade in ihrer Fähigkeit, auf eine kollektive Identität verzichten und aus der daraus entstehenden Vielfalt Produktivität gewinnen zu können. Doch genau das ist es, was konservative Kulturpessimisten der westlichen Moderne verargen. Schon kurz nach dem 11.September 2001 hatte der Publizist Alexander Gauland erklärt, mit dem Islam stehe »uns nach der Säkularisierung des Westens die letzte große geschlossene geistige Kraft gegenüber, die wir in ihrem Eigenwert respektieren und der wir ein Recht auf autonome Gestaltung ihres Andersseins zugestehen müssen«.
Mit der Bewunderung für den Islam, der seinen Eigensinn gegenüber der identitätslosen westlichen Spaßgesellschaft zu bewahren wisse, verbinden Konservative den Wunsch, Europa möge sich seinerseits wieder auf bindende Werte des »christlichen Abendlandes« besinnen. In den vielgelesenen Büchern Peter Scholl-Latours tritt der Islam stets als eine fremde, dem Uneingeweihten unbegreifliche Macht auf, gegen die westliche Rationalität so wenig ausrichten könne wie gegen eine Naturgewalt. Scholl-Latour gefällt sich in der Rolle des sardonischen Propheten, der den naiven amerikanischen Bemühungen um Eindämmung des bedrohlichen Phänomens ein ums andere Mal ein katastrophales Scheitern voraussagt. Die Botschaft seines Ressentiments gegen den Westen lautet: Die westliche liberale Moderne hat die Werte ihrer eigenen Tradition mutwillig zerstört und muss das nun büßen, indem sie sich der metaphysischen Entschlossenheit der Muslime hilflos und verächtlich, weil im wahrsten Sinne des Wortes wertlos geworden, gegenübersieht. Dem kassandrahaften Scholl-Latour sieht man bei aller Zerfurchtheit die Befriedigung an, die er daraus zieht, von Anfang an gewußt zu haben, dass das sittenlose, verantwortungslose Treiben der westlichen Konsumzivilisation ein böses Ende nehmen wird - und man sieht, wie dankbar er ist, noch der rächenden Macht begegnet zu sein, die ihr dieses böse Ende bereiten werde.
Und das ist am Ende ja, was dem Ressentiment gegen denWesten eine so weite Verbreitung sichert: Es macht glücklich und zufrieden. Denn unter seinen Zauberflügeln verwandelt sich unsere immer komplizierter werdende Welt zu vollständiger Übersichtlichkeit. Wer vom Ressentiment gegen den Westen beseelt ist, weiß, was er am Westen hat. Denn mit dem Westen als Feindbild scheint in unserer unsicheren Welt wenigstens eines sicher: der verdiente Untergang.
- Datum 16.09.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle Erschienen in: Merkur, Nr. 665/666: Ressentiment! Zur Kritik der Kultur, September/Oktober 2004, www.online-merkur.de/heftanzeige.php
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