Die arabische Spur der Aufklärung
Ein Gespräch mit Abdelwahab Meddeb, dem bedeutenden französisch-tunesischen Schriftsteller und Gelehrten, über die arabische Welt und Europa, über den Philosophen Averroes, den Dichter Dante und Kaiser Friedrich II.
Es ist kühl in der Hitze Sevillas. Nur dort allerdings, wo Stein und Keramik, der Schatten der Pflanzen, das fließende Wasser in den Gebäuden für Schutz vor der Hitze sorgen. 43 betäubende Grad sind es draußen, doch unter den Rundbögen des Palastes Alfonsos XIII., neben den Säulen, den Palmen des lichten bewässerten Innenhofs, lässt sich reden: über diese arabische Kunst Andalusiens, die vor 1000 Jahren Europa zum Blühen brachte. Über die Frage, was arabisch heißt angesichts der Gewalt, die seit dem 11. September neu in der Welt ist. Der Schriftsteller Abdelwahab Meddeb ist gerade aus dem nahen Tanger, dem arabischen Nordafrika ins europäische Sevilla zurückgekehrt.
DIE ZEIT: Ein Schriftsteller soll den Seinen zu sehen helfen, was ihnen den Blick verstellt. Das schreiben Sie in einer Analyse der islamischen Krise. Sie sind ein Pariser Intellektueller, der aus einer islamischen Gelehrtenfamilie Tunesiens stammt. Wer sind also die Ihren? Für wen schreiben Sie?
Abdelwahab Meddeb: Ich misstraue dem Gebrauch des Pronomens, einem Ich, das sich mit dem Wir verwechselt. Aber trotz dieser Entschlossenheit, als Individuum zu niemandem zu gehören, gibt es den Willen, Grenzen zu überschreiten. Der Eigenname Abdelwahab bezieht seine Kraft aus der arabischen Sprache, aus der Tradition des Islams. Er bedeutet Diener des Herrn und führt also theologische Grundfragen des Islams zusammen: die der Unterwerfung unter Gott, den Absoluten, und die nach den vielen Namen Gottes. Der Urvater Abraham ist der erste Mensch, der sich der primären Bedeutung der Religion bewusst wird: Der Mensch unterwirft sich dem Absoluten. Die Frage der vielen Namen Gottes, die in Abdelwahab anklingt, spielt später in der mittelalterlichen Schöpfungslehre des Philosophen Ibn Arabi eine bedeutende Rolle. Es sind ja die Namen Gottes, die in dieser Lehre zur Schöpfung maßgeblich beitragen.
ZEIT: Und was heißt Meddeb?
Meddeb: Im alten Tunesien hieß Meddeb Schriftgelehrter und heute einfach Lehrer des Korans. Ich führe dies aus, um zu zeigen: Der Name Abdelwahab Meddeb gehört dem Islam an. Jeder Europäer, der ihn hört, ordnet ihn dem Arabischen zu. Dieser Eigenname schließt das Wir des Islams ein. Die Gefahr und Herausforderung, die der Islam für die Welt bedeutet, haben mich genötigt, öffentlich neu über jene Welt meiner Kindheit nachzudenken, in der ich zum Subjekt wurde.
ZEIT: Wer hat Ihren Namen für Sie ausgewählt?
Meddeb: Mein Großvater. Er war ein solcher Schriftgelehrter. Ich stamme aus einer alten sunnitischen Theologenfamilie, aus der Tradition der städtischen Gelehrten, die an der Zitouna, der Universität von Tunis aus dem 9. Jahrhundert, lehrten.
ZEIT: Was war das für eine Kindheitswelt, in der Sie in den fünfziger Jahren aufwuchsen?
Meddeb: Das Milieu der Gelehrten war noch intakt. In den Jahren meiner Kindheit, den letzten Jahren der kolonialen Abhängigkeit, hat sich Tunis gewaltig verändert. Ähnlich wie andere Regionen Frankreichs, etwa die Bretagne. Es waren die Jahre, in denen der Rückstand einer mittelalterlichen Gesellschaft politisch und kulturell aufgeholt wurde, in der die Frauen den Schleier ablegten, das Schulsystem modernisiert und gleichzeitig der Weg in die weltweite Konsumgesellschaft gebahnt wurde. Es war der Weg von der Küche über dem Feuer zur Versorgung der Haushalte mit städtischem Gas.
ZEIT: Wie verlief Ihr eigener Weg in die Moderne?
Meddeb: Ende der Fünfziger, mit etwa 13, wollte ich das Milieu meiner Familie verlassen. Es war ein radikales Bedürfnis, mich von der Tradition abzuwenden. Das geschah zunächst lesend. Ich ging ja in eine arabisch-französische Schule, die einzige Alternative wäre damals eine rein französische gewesen. Mit 15 las ich die Tageszeitung Le Monde…
ZEIT: …wie Ihre Eltern auch?
Meddeb: Nein, sie sprachen beide kein Französisch, meine Mutter las gar nicht. Sie gehörte zu den Damen der Oberschicht, die allein in einer mündlichen Kultur lebten, in der mittelalterlichen Welt der Märchen und Redensarten. Mein Vater lebte im gelehrten Hocharabisch.
ZEIT: Ihre Mutter hat den Koran nicht gelesen?
Meddeb: Sie hörte ihn. Er wurde ihr vorgelesen.
ZEIT: Ihre heutige Schriftsprache Französisch war für Sie also die Sprache der modernen Schule. Auch der Entfernung von der Herkunft?
Meddeb: Ich habe mit sechs die ersten französischen Worte gehört. Meine Muttersprache ist das tunesische Arabisch, meine Vatersprache das gelehrte Hocharabisch des Korans. Diese arabische Zweisprachigkeit ist in der islamischen Welt wichtig. Vergleichbar etwa der lateinischen Zweisprachigkeit Vergils, der im Schriftlatein wie im mündlichen Vulgärlatein groß wurde. Aber gleichzeitig hat ein Onkel von mir in Berlin, in den Jahren des Nationalsozialismus, Medizin studiert, er hatte zehn Kinder und war mit einer Deutschen verheiratet. Viele arabische Gebildete haben keineswegs abgeschottet von der westlichen Kultur gelebt. Später hat er in seiner Praxis in Tunesien umsonst die Armen verarztet und sie ausgeschimpft, Armut sei kein Schicksal, sie sollten sich Arbeit suchen.
ZEIT: Hat die Abkehr vom Elternhaus Sie von der arabischen Kultur getrennt?
Meddeb: Die Revolte gegen den Vater hat mich zunächst zu den französischen Schriftstellern und Philosophen geführt, zu Sartre, Camus, Beauvoir, die unter Schülern und Studenten in Tunis diskutiert wurden, dann zu Derrida und Lacan. Foucault hat damals in Tunis gelehrt. Ich habe Europa durch die Texte der Postmoderne kennen gelernt und habe mich dann erst entschieden, die antiken Ursprünge zu studieren. Mit 20 bin ich losgereist, um diese Herkunft vor Ort zu ergründen, in Italien, auf Sizilien, in Griechenland. Meine Verbindung zur arabischen Welt war verloren gegangen.
ZEIT: In der sizilianischen Baukunst des Mittelalters trat sie Ihnen dann wieder vor Augen.
Meddeb: Ich habe sie nicht gesehen. Ich habe nur die europäische Antike entdeckt. Die arabische Spur war für mich unsichtbar. Bis ich ihr 1968 in Paris neu begegnete. Es gab unter den 68ern ein Milieu, das vom Orient und vom Sufismus fasziniert war. Mit diesen 68ern habe ich den sufistischen Denker und Dichter Ibn Arabi gelesen.
ZEIT: Ihr jetzt auf Deutsch erscheinendes Buch mit Liebesgedichten, Ibn Arabis Grab, trägt im Titel den Namen dieses mittelalterlichen arabischen Denkers. Warum? Was verbindet Sie mit ihm?
Meddeb: Er war für mein Leben von großer Bedeutung. In seinem Denken verbinden sich, ähnlich wie bei Nietzsche, poetische und metaphysische Energie als Kritik an der Aufklärung. Ein Nachkomme des Basler Historikers Jakob Burckhardt, der durch Ibn Arabi zum Islam konvertiert war, hatte eines seiner Bücher ins Französische übersetzt, Die Weisheit der Propheten. Das haben wir 1968 als französisches Taschenbuch gelesen. Das war der Anfang. Dann habe ich das Werk auf Arabisch gelesen, die Verbindung zur Welt meiner Herkunft war wiederhergestellt.
ZEIT: Hatte Ibn Arabi dort eine Rolle gespielt?
Meddeb: Von Ibn Arabi hatte ich in der Familie kein Wort gehört. Sie misstraute ihm, weil er als archaisch galt, als irrational und magisch, also mit der Vernunft nicht zu vereinbaren. Ähnlich dem Dionysischen, das Nietzsche von der Moderne verdrängt sah. Ich habe in meinem Roman Talismano eine Eloge auf das Dionysische, das Karnevaleske versucht, wie aus Angst, dass dies durch den Fundamentalismus verloren geht. Ebendas ist geschehen.
ZEIT: Sie haben also den Sufismus durch die Postmoderne hindurch kennen gelernt.
Meddeb: Es gibt Analogien zwischen Ibn Arabi und den postmodernen Zeichentheorien, der Psychoanalyse, den Theorien des Rätsels, der Semiologie. Ich konnte durch Ibn Arabi die Kontinuität des Islams in der Postmoderne sehen, die Heterogenität und zugleich die Einheitlichkeit des Gedankengebäudes wahren. Die philosophische Mystik, die in die Seele eintaucht und also in die Frage nach der Zersplitterung des Subjekts, nach der Relation von Zeichen und Bedeutungen, kann die Voraussetzungen des Atheismus im Monotheismus zu entdecken helfen. Die Fülle Gottes mündet im metaphysischen Nichts.
ZEIT: Das Werk Ibn Arabis hat es Ihnen erlaubt, den Bruch mit der arabischen Welt zu kitten.
Meddeb: Es hat mir über die Krise der Identität hinweggeholfen. Die islamische Tradition und die europäische Moderne waren keine unüberbrückbaren Gegensätze mehr. Diese arabische Spur führt in eine untreue Treue, jenseits der Identität.
ZEIT:Ibn Arabis Grab erscheint in Deutschland dreisprachig, die arabische Übersetzung stammt nicht von Ihnen selbst. Schreiben Sie überhaupt arabisch?
Meddeb: Ich habe nur wenige Gedichte auf Arabisch geschrieben und aus dem Arabischen übersetzt. Ich schreibe französisch. Das ist die erste dreisprachige Ausgabe eines meiner Bücher. Sie verdankt sich dem Buchmessen-Schwerpunkt arabische Welt. Meine Verbindung zur arabischen Sprache besteht heute in der Lektüre der Klassiker und der Zeitung Asharq Al Awsat, die in London erscheint und sich der Krise des Islams widmet. Die Auflage ist hoch.
ZEIT: Wer liest Sie in der arabischen Welt?
Meddeb: Sagen Sie selbst, wer liest in Europa Gedichte? Es sind doch nur ein paar tausend. Das ist in der arabischen Welt nicht anders.
ZEIT: Dort kann die Mehrheit der Leute weder lesen noch schreiben. Was heißt das für einen Schriftsteller, der sich auf die arabische Hochkultur bezieht?
Meddeb: Wir haben uns doch auch in Europa Illusionen über die Bildung und das Lesen gemacht. Demokratische Illusionen. Ein Dichter schreibt nur für einen kleinen Kreis. So erklärt sich die Bedeutung der Übersetzer in der Weltliteratur. Es gibt Bücher, die jeder liest. Und solche, die kaum einer liest, das ist die Literatur. Meine literarische Arbeit sucht im Abenteuer der Form nach einer europäischen Sprache, die eine arabische Spur in sich birgt.
ZEIT: Sie wenden sich aber gegenwärtig auch an ein Massenpublikum: über das Fernsehen, in der Sendung Cultures d’Islam auf France Culture und mit einer wöchentlichen Chronik auf Französisch und Arabisch, über Radio Tanger. Warum?
Meddeb: Bis zum 11. September habe ich aus der Distanz geschrieben, aber diese Zäsur hat mich dazu gebracht, der pädagogischen Verpflichtung nachzugeben. Um Gegengewichte zur islamischen Meinungspolitik zu bilden.
ZEIT: Was wollen Sie vermitteln?
Meddeb: Die Welt wird viele Zentren haben, nicht nur eines. Sie wird heterogen sein. Die Vielzahl gemischter Identitäten jenseits der Identität tritt an die Stelle der Homogenität. Dies gilt es, auch den Amerikanern zu vermitteln.
ZEIT: Die Frankfurter Buchmesse widmet sich aber der arabischen Welt im Singular. Mehrere Staaten werden nicht teilnehmen, einzelne Schriftsteller aus diesen Ländern aber anreisen. Ist der Begriff »arabische Welt« überhaupt sinnvoll?
Meddeb: Die Buchmesse wird erweisen, wie nichtssagend er ist. Eine Reihe Staaten wird ihre offizielle Kultur vorzeigen. Kritische Stimmen werden ausgeschlossen sein. Und man wird Einblick in die Krise des Islams nehmen können. Die arabische Welt ist unwirklich. Alle arabischen Staaten haben sich als moderne Nationalstaaten zu gründen versucht, manchen, wie Ägypten, Marokko oder Algerien, hätte dies auch gelingen können, aber die Entwicklungen sind zu verschieden verlaufen. Sie trennen die Länder voneinander. Es gibt zwar die vier starken Gemeinsamkeiten der Sprache, der Religion, der Geschichte, des geografischen Raums. Aber sie sind nicht stark genug, um eine politische Einheit zu bilden. Dafür hat sich aber so etwas wie eine arabische Meinung herausgebildet. Die Massenmedien haben inzwischen gegen die regionalen Eigenheiten eine einförmige Öffentlichkeit geschaffen.
ZEIT: Liegt das an der Schwäche der Dialekte, an einer mangelnden Widerstandskraft der Sprache?
Meddeb: Die Dialekte sind zu schwach, um zu opponieren. Es gibt ja keine dialektale Schriftsprache. Die Heiligkeit der Schrift des Korans entwertet die mündliche Sprache. Das ist ein Unterschied zur Geschichte des Lateins: Ein Dante hat die Volkssprache, die regionale Nachfolgerin des Lateins, zur Literatursprache machen können, während die Gelehrten die Hochsprache schrieben. Das Latein war nicht heilig. Auch die erste Ausgabe von Tausendundeiner Nacht im 14. Jahrhundert enthielt volkssprachliche Passagen, die in ihrer Ausdruckskraft den meisten heutigen Texten des Arabischen überlegen sind.
ZEIT: Die Schrift der Bibel hat eine große hermeneutische Tradition begründet. Jede Schrift bedarf der Auslegung, kein Wort gilt unwidersprochen. Verlangt die heilige Schrift des Islams auch nach einem Streit der Interpretationen?
Meddeb: Die Auslegungen des Islams sind so vielfältig, die hermeneutische Tradition ist historisch so stark, dass man den gegenwärtigen Triumph des Erstarrens umso mehr bedauern muss. Nur ein Beispiel: Ein Muslim, sagt Ibn Arabi, muss die Bibel lesen. Genauer, er muss die vier offenbarten Bücher kennen – den Koran, die Psalmen, die fünf Bücher Mose, die Evangelien. Ibn Arabi empfiehlt, Widersprüchen in der Lektüre dadurch zu entgehen, dass man in den anderen offenbarten Büchern nach Auflösungen sucht. Er empfiehlt, aus allen Büchern das zu glauben, was mit der Vernunft vereinbar ist. Er hat sich deshalb für die Geschichte Isaaks und nicht die Ismaels entschieden. Es ist eine Aufgabe der Theologen, den Muslimen die Vielfalt ihrer Auslegungen zurückzugeben. Die zivilisatorische Krise des Islams besteht darin, dass die Tradition fast verloren ist und ein westlicher Ersatz an die Stelle tritt. Wir sind eingeklemmt zwischen dem Verlust und dem Ersatz. So triumphiert der Dogmatismus.
ZEIT: Die Eindeutigkeit und Einheitlichkeit des gegenwärtigen Islams trügen also?
Meddeb: Die hermeneutische Tradition war im schiitischen Milieu immer stärker als im sunnitischen, besonders stark im Sufismus. Aber die Vielfalt besteht ja auch im politischen Sinne. Es gibt von Marokko bis Saudi-Arabien keine gemeinsame Sehnsucht, zusammenzugehören. Es waren ja vor allem die christlichen arabischen Minderheiten, die auf einen Erfolg des politischen Arabismus hofften, als ahnten sie, dass sie ihre Rechte gefährden würden, wenn der Islamismus an Macht gewinnt.
ZEIT: So ist es gekommen.
Meddeb: Der Arabismus wollte die Gleichheit der Bürger in ihrer religiösen Vielfalt sichern, der Islamismus, der in den zwanziger Jahren entstand, sieht im anderen einen Feind. Natürlich ist der Islam aus der arabischen Sprache geboren, aber das eine lässt sich nicht auf das andere zurückführen. In Malaysia etwa leben Muslime, die keine Araber sind und sich dagegen verwahren, dass die Botschaft des Islams von den Arabern usurpiert wird.
ZEIT: Sevilla und die Geschichte Andalusiens zeigen, dass die monotheistischen Religionen einst untrennbar waren. Ist das unwiederholbar dahin?
Meddeb: Sevilla ist ein symbolischer Ort, es repräsentiert den positiven Mythos, dass die arabische Kultur auf europäischem Boden existiert, trotz der Vertreibung der Araber und ihrer Sprache. Der andalusische Philosoph Averroes war sich im 12. Jahrhundert bewusst, dass in dieser Symbiose der Weltreligionen ein zivilisatorisches Wunder geschah. Noch in meiner Kindheit wusste man in Tunis, wer aus einer einst spanischen Familie stammte, denn diese Familien galten unverändert als die kultivierten. In Südspanien haben die christlichen Herrscher bis in die Renaissance hinein arabische Künstler, Wissenschaftler und Ingenieure beschäftigt. In dieser Baukunst drücken sich die arabische wie jüdische Technik und Kunst aus. Bis zur Vertreibung der Juden und Araber aus Spanien. Danach wird die Kunst einfach, wenn nicht sogar aggressiv.
ZEIT: Der Philosoph Averroes, ein europäischer Araber des Hochmittelalters, durchzieht Ihre Gedankenwelt, als lebte er noch. Warum?
Meddeb: Er war ein europäischer Araber, wie ich einer zu sein beanspruche. Er repräsentiert den Islam als Bestandteil Europas, in einer Linie mit Dante und Goethe. Er hat nicht nur den bis dahin unbekannten Aristoteles nach Europa gebracht. Er hat auf Arabisch und im islamischen Glauben über das Verhältnis von Sprache und Welt nachgedacht und hat als Erster eine Trennung von Religion und Philosophie bedacht. An ihn knüpft die europäische Aufklärung des 18. Jahrhunderts an, die der Trennung von Kirche und Staat, der Freiheit des Individuums Bahn bricht. Er repräsentiert die arabische Aufklärung.
ZEIT: Aber was hat sie mit der Gegenwart zu tun?
Meddeb: Viel. Sie kann den Islam an seine eigene Herkunft erinnern. Averroes hat formuliert, dass jede menschliche Erfindung der ganzen Menschheit gehört. Die Beziehung zum anderen Menschen, die Frage des Andersseins ist bei Averroes zentral. Er spricht von Theologie immer nur im Sinne aller drei monotheistischen Weltreligionen zugleich. Und er betont die Gleichheit der Geschlechter. Verbannte man die Frauen aus der Öffentlichkeit, schreibt er in einem Kommentar zu Platon, würde man das ökonomische Elend der Städte befördern. Ich habe vorgeschlagen, im europäischen Rahmen das 800. Todesjahr von Averroes, das war 1998, zum Jahr des Philosophen zu machen. Leider ohne Erfolg.
ZEIT: Wie kann denn ein solcher Rückgriff auf das Hochmittelalter heute Erfolg haben?
Meddeb: Gegenwärtig wird an der Bibliothèque Nationale in Paris von Tzvetan Todorov ein Zyklus zur Geschichte der Aufklärung vorbereitet, an dem Gelehrte aus allen Weltkulturen und Kontinenten beteiligt sind, und ich werde mich um die arabische Aufklärung kümmern.
ZEIT: Noch mit einem anderen Toten stehen Sie im Gespräch: dem Kaiser Friedrich II., dem Staufer, dem Kind aus Apulien. Was hat er mitzuteilen?
Meddeb: Europa ist in meinen Augen so kostbar, weil es auf das Neue ebenso viel Wert legt wie auf das Gespräch mit seinen Toten. Friedrich II., der arabisch geprägte Kaiser aus Sizilien, ein Kenner des Averroes, hat es vermocht, sich von der anderen Kultur des Orients darüber belehren zu lassen, wie er sein eigenes Reich modernisieren könne. Er hat die Trennung von Staat und Kirche in Jerusalem kennen gelernt und hat dieses in seinen Augen überlegene System auf sein Europa, das von den Machtkämpfen zwischen Kaiser und Papst gekennzeichnet war, übertragen wollen. Ich habe durch Ernst Kantorowicz’ Buch über den Staufer-Kaiser trotz aller Kritik viel gelernt.
ZEIT: Auch der Dichter Dante, schreiben Sie, sei wie Friedrich II. eine Figur, die der weiteren arabischen Geschichte gut getan hätte. Warum Dante?
Meddeb: Dantes Werk steht auf demselben Boden wie Averroes, Ibn Arabi, Avicenna. Er ist ein europäischer Intellektueller, vielleicht der Erste überhaupt, dessen poetisches Werk von Themen der Religion, der Politik, der Wissenschaft, der Philosophie durchdrungen ist, ein polygrafisches Werk, dem ich mich in der eigenen Arbeit verbunden fühle. Die Kunst des 20. Jahrhunderts, ob im Werk von James Joyce oder von Ezra Pound, hat diese Kunst Dantes beerbt. Dante hat das Verhältnis von Staat und Religion theoretisch durchdrungen, er hat die Volkssprache in die Literatur eingebracht und zugleich theoretisch darüber nachgedacht, wie sich der Abstand zwischen Sprache und Schrift verringern lässt. Er hat aber auch im florentinischen Bürgerkrieg Partei für den Kaiser, den Staat und also gegen die Kirche ergriffen, um den Preis des Exils. Die Sprache des Islams hingegen ist erstarrt, weil sie sich vom Heiligen nicht lösen will. Die Ungetrenntheit der politischen von der religiösen Sphäre hat die islamische Welt in die Rückständigkeit getrieben.
ZEIT: Die Kränkung des Islams, mit der Moderne Europas nicht Schritt halten zu können, ist in Ihren Augen eine Ursache der heutigen Gewalt. Kann man eine solche Kränkung überwinden?
Meddeb: Es gibt Beispiele. Der christliche König Alfons der Weise hat es vermocht, ohne narzisstische Kränkung die Qualität anderer Kulturen übernehmen zu wollen, und zwar für Europa. Er war ein Mann der Wissenschaft, der Macht, der Kultur und hat gewusst, dass man den eigenen Rückstand aufholen kann, indem man von anderen lernt. Diesem Alfons dem Weisen verdanken wir im Sevilla des 13. Jahrhunderts etwa die Übersetzung einer anonymen Erzählung aus dem Arabischen, des Buchs der Leiter. Es preist den Sensualismus und erzählt von dem Privileg der Muslime gegenüber Christen und Juden, die Freuden der Welt genießen zu dürfen, die Gottes besonderer Gnade zu verdanken sind.
ZEIT: Ihre Gedichte stehen in dieser Tradition. Sie sind überreich an Farben, Klängen, Genüssen, an sexueller Sinnlichkeit. Aber ihr Ort sind, in der Folge Baudelaires, die Großstadtstraßen.
Meddeb: Die moderne Ironie, die für meine Gedichte zentral ist, bricht und wahrt die tradierten Bedeutungen. Wie soll man heute, nach Rilke, ohne ironische Brechung von Engeln sprechen? Der Glaube an Gott ist durch den Nihilismus ersetzt, der Mensch steht nicht mehr im Zentrum, die Erde dreht sich um die Sonne. Aber ein poetischer Text der Gegenwart kann den Körper entdecken, kann ein Seismograf der Gefühle und Erfahrungen sein, das Verhältnis von Sichtbarem und Unsichtbarem bestimmen. Dabei kann das Gedicht aufnehmen, was ihm in der Tradition vorhergeht, kann die Engel mit den Augen Ibn Arabis oder Giottos sehen und mit den Engeln der heutigen Neonwerbung verbinden.
ZEIT: Steht die Tradition jedem zur Verfügung?
Meddeb: Jeder Dichter kann der Welt seine Tradition zur Verfügung stellen. Er bietet der Welt ihre Herkünfte an. Wie Goethe in seinem Divan die Literatur Europas neu für die arabische Tradition geöffnet, geweitet hat. Aber Goethe hat es geradezu wissenschaftlich getan. Er hat Wissen in Dichtung verwandelt. Der Divan stand ihm fern, er hat ihn, wie er Eckermann sagte, als abgelegte Haut eines Körpers empfunden. Das ist für mich anders. Nie habe ich die arabische Tradition als etwas Abgelegtes empfunden. Der Islam wird sich nie von mir lösen wie eine Haut, die man ablegen kann.
ZEIT: Sie wollen die arabische Aufklärung in Europa wach halten. Dieses Europa ist auch für Sie das Vorhaben, an dem es sich zu arbeiten lohnt. Aber es wirkt nach dem Jahrhundert der Barbarei nicht sehr handlungsfähig. Wie stellt es sich Ihnen dar?
Meddeb: Keine andere Kultur hat sich so sehr für andere interessiert wie die europäische. Aber alles, was Europa hervorgebracht hat, hat es auch widerlegt. Die Geschichte der Aufklärung etwa wurde durch den Kolonialismus, den Imperialismus, die Judenvernichtung widerlegt. Diese Selbstwiderlegung Europas kritisiert bereits der erste Text eines Algeriers in französischer Sprache, verfasst im Jahr 1834 von Hamdan Khodja, und die Kritik wird von vielen Feinden der Demokratie wiederholt, etwa von Carl Schmitt. Doch auf die Barbarei hat Europa reagiert, indem es sich demokratisch neu begründet hat, sich also in Einklang mit seinen ursprünglichen Prinzipien bringt. Dies kann dem Islam helfen, sich vom Islamismus zu befreien. Politisch kann Europa ein Beispiel für andere sein.
ZEIT: Wie kann der alternde Kontinent, der keine Kinder mehr bekommt, ein Beispiel sein?
Meddeb: Ich meine das Europa der Einwanderung, der gestalteten, erwünschten Durchdringung der Kulturen. Sie sind dazu bestimmt, sich zu mischen. Sonst wird Europa eines schönen Todes sterben.
Das Gespräch führte Elisabeth von Thadden
Bücher, Aufsätze
In der Zeitschrift
Lettre International,
die Meddeb in Deutschland bekannt gemacht hat, sind folgende Aufsätze erschienen:
Malta – Tunis, Nr. 11/91; Europa als Extrem, Nr. 25/94; Algerien – Hölle und Amnesie, Nr. 27/94;Wie ein gefallener Engel, Nr. 42/98, Die Krankheit des Islam, Nr. 54/01
Als Bücher sind auf Deutsch erschienen:
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- Quelle (c) DIE ZEIT 16.09.2004 Nr.39
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