Die arabische Spur der AufklärungSeite 9/12

ZEIT: Wie kann denn ein solcher Rückgriff auf das Hochmittelalter heute Erfolg haben?

Meddeb: Gegenwärtig wird an der Bibliothèque Nationale in Paris von Tzvetan Todorov ein Zyklus zur Geschichte der Aufklärung vorbereitet, an dem Gelehrte aus allen Weltkulturen und Kontinenten beteiligt sind, und ich werde mich um die arabische Aufklärung kümmern.

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ZEIT: Noch mit einem anderen Toten stehen Sie im Gespräch: dem Kaiser Friedrich II., dem Staufer, dem Kind aus Apulien. Was hat er mitzuteilen?

Meddeb: Europa ist in meinen Augen so kostbar, weil es auf das Neue ebenso viel Wert legt wie auf das Gespräch mit seinen Toten. Friedrich II., der arabisch geprägte Kaiser aus Sizilien, ein Kenner des Averroes, hat es vermocht, sich von der anderen Kultur des Orients darüber belehren zu lassen, wie er sein eigenes Reich modernisieren könne. Er hat die Trennung von Staat und Kirche in Jerusalem kennen gelernt und hat dieses in seinen Augen überlegene System auf sein Europa, das von den Machtkämpfen zwischen Kaiser und Papst gekennzeichnet war, übertragen wollen. Ich habe durch Ernst Kantorowicz’ Buch über den Staufer-Kaiser trotz aller Kritik viel gelernt.

ZEIT: Auch der Dichter Dante, schreiben Sie, sei wie Friedrich II. eine Figur, die der weiteren arabischen Geschichte gut getan hätte. Warum Dante?

Meddeb: Dantes Werk steht auf demselben Boden wie Averroes, Ibn Arabi, Avicenna. Er ist ein europäischer Intellektueller, vielleicht der Erste überhaupt, dessen poetisches Werk von Themen der Religion, der Politik, der Wissenschaft, der Philosophie durchdrungen ist, ein polygrafisches Werk, dem ich mich in der eigenen Arbeit verbunden fühle. Die Kunst des 20. Jahrhunderts, ob im Werk von James Joyce oder von Ezra Pound, hat diese Kunst Dantes beerbt. Dante hat das Verhältnis von Staat und Religion theoretisch durchdrungen, er hat die Volkssprache in die Literatur eingebracht und zugleich theoretisch darüber nachgedacht, wie sich der Abstand zwischen Sprache und Schrift verringern lässt. Er hat aber auch im florentinischen Bürgerkrieg Partei für den Kaiser, den Staat und also gegen die Kirche ergriffen, um den Preis des Exils. Die Sprache des Islams hingegen ist erstarrt, weil sie sich vom Heiligen nicht lösen will. Die Ungetrenntheit der politischen von der religiösen Sphäre hat die islamische Welt in die Rückständigkeit getrieben.

ZEIT: Die Kränkung des Islams, mit der Moderne Europas nicht Schritt halten zu können, ist in Ihren Augen eine Ursache der heutigen Gewalt. Kann man eine solche Kränkung überwinden?

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