Die Auslandspresse kann dieser Tage ein düsteres Deutschlandbild malen. Bei den Wahlen in Sachsen und Brandenburg triumphieren rechtsradikale Parteien. Eine ominöse Preußische Treuhand fordert deutschen Großgrundbesitz in Polen zurück. Der Untergang, ein Film über Hitlers letzte Tage, findet schon am ersten Wochenende Hunderttausende von Besuchern. Ein Enkel des Rüstungsindustriellen Flick, der in Nürnberg als Kriegsverbrecher verurteilt wurde, zeigt in Berlin eine Kunstsammlung, die vom Bundeskanzler höchstpersönlich eröffnet wird. Selbst die deutschen Illustrierten, die fast wöchentlich Geschichten aus der Nazizeit erzählen, fragen mit einem Mal besorgt, als seien sie über sich selbst erschrocken, ob wir noch immer im Schatten Hitlers lebten.

Und in der Tat, wir leben im Schatten Hitlers. Aber nicht, weil eine Wiederkehr des Nationalsozialismus drohte, sondern weil sich im Gegenteil der Nationalsozialismus entwirklicht, nämlich an Realität verloren hat. Viele Bürger im Osten wählen nicht aus Überzeugung NPD und DVU, sondern als Zeichen des Protests. Sie wissen, es schmerzt im Westen. Hitler und sein Erbe sind zum politischen Spielmaterial, zu beliebig einsetzbaren Schreckbildern geworden.

Es gibt eine neue Leichtfertigkeit im Umgang mit dem Nationalsozialismus, aber nicht, weil der Gegenstand seine Schrecken verloren hat, sondern weil sich der Schrecken vom Gegenstand gelöst hat. Mit Hitler kann man heutzutage fast alles machen; deswegen lässt er die Deutschen nicht los. Deswegen beherrscht er ihre Medien, vergiftet er ihre Debatten, erzeugt Spiralen von Kritik und Selbstkritik und am Ende das verzweifelte Gefühl, noch immer im Nazisumpf zu stecken. Selbst über das Berliner Holocaust-Mahnmal, das doch beruhigen könnte, wird weiter gestritten. Hitler ist uns sechzig Jahre nach Kriegsende näher denn je. Warum?

Hitler ist die härteste aller Drogen, die Aufmerksamkeit produzieren. Ein Magazin, das Hitler auf die Titelseite setzt, verkauft sich immer. In seinem Erregungspotenzial lässt sich Hitler von keiner anderen toten oder lebenden Gestalt übertreffen. Jede Erklärung versagt vor der Dimension der nationalsozialistischen Verbrechen. Wo aber das Verständnis aufhört, beginnt eine Faszination des Grauens, von der Filme, Literatur und selbst noch die endlosen Fernsehdokumentationen Guido Knopps leben, die sich in ihrem enzyklopädischen Eifer bis zu Hitlers Frauen vorgearbeitet haben; gewiss werden bald Hitlers Hunde folgen.

So wird Hitler langsam zu einem Romanstoff wie Napoleon oder Alexander der Große. Die Fiktionalisierung ist auch deshalb unaufhaltsam, weil die Augenzeugen des "Dritten Reiches" aussterben. Das tatsächlich Geschehene mit seinem Nebeneinander von Normalität und Brutalität weicht einem historischen Mythos, der keine Widersprüche kennt. Dagegen vermag auch die historische Forschung nur wenig. Das von Schulen und Medien geduldig popularisierte Wissen hat im Gegenteil einen beliebig bespielbaren Assoziationsraum geschaffen. Die Gestalten, die Schlagworte, die Propaganda, selbst die Verbrechen des Hitler-Reichs sind zu einem Schatz von Zitaten und Anspielungen geworden, auf die sich jedermann beziehen kann. Es genügt, die Zahl "sechs Millionen" zu nennen, um den Judenmord aufzurufen.