Liebe und Verrat, Geburt und Tod, alles auf einmal ist schnell eine Nummer zu groß für ein Kino, das im Radius des Vertrauten bleiben möchte. Es sei denn, man bricht wie Angela Schanelec die großen Dramen auf ihren einfachen Kern hinunter. Die Berliner Regisseurin ist eine wunderbare Dokumentarin des Alltäglichen. Wie nebenbei umreißt sie in ihren Filmen das Lebensgefühl einer Generation. Sie erzählt von den Jahrgängen, die beginnen, ihre Eltern zu beerdigen, und deren eigene Familienplanung konfus bleibt. Von denen, die nicht wissen, ob die Liebe auch für den nächsten Lebensabschnitt taugt und ob die Arbeit jemals die ersehnte Erfüllung bringt. Sie alle sind zu alt, um noch einmal auf "Anfang" zu gehen, und zu jung, um sich hinter den ersten Lebenslügen zu verbarrikadieren.

Die französische Kritik hob "Marseille" in den Himmel

Schanelecs klar komponierten Tableaus haftet die Sachlichkeit einer bekennende Robert-Bresson-Verehrerin an. Und die Kunst, mit der sie Dialoge über das Wesentliche in ein tapsiges Hin und Her der Kleinigkeiten verpackt, hat die Leichtigkeit eines Rohmers. Kein Wunder, dass ihr neuer Film in Cannes von der französischen Kritik in den Himmel gehoben wurde. In Deutschland hingegen finden ihre Arbeiten immer noch zu wenig Beachtung.

Mit respektvollem Abstand schaut Angela Schanelec, die über die Schauspielerei zum Film kam, ihren Figuren über die Schulter. Und während sie so durch Parks, Straßen und die kleinen Fallen des Alltags flaniert, gelingen ihr immer wieder Miniaturen von bestechender Dichte und Wahrheit. Es sind dem Leben abgeschaute Parabeln über die Ratlosigkeit der Enddreißiger, die sich in ihrem vor drei Jahren entstandenen Film Mein langsames Leben nur schwer von alten Befreiunsgsideologien verabschieden mögen und sich doch längst im Mittelstand eingerichtet haben. Von den Wirrungen der Adoleszenz erzählt Plätze in Städten, der 1998 als einziger deutscher Beitrag in Cannes gezeigt wurde. Zwischen vertrackten Liebesgeschichten, Schule, Freunden und Mutter erprobt hier eine 19-Jährige den Weg in die Selbstständigkeit. Von unmöglichen Gleichzeitigkeiten handelt Das Glück meiner Schwester, Schanelecs Abschlussfilm der Berliner Filmhochschule, in dem zwei auf vertrackte Weise den Gleichen lieben.

Wie so oft bei Angela Schanelec befinden sich auch in ihrem jüngsten Film Marseille, der in diesem Jahr in Cannes in der Reihe Un Certain Regard zu sehen war, die Figuren in einem unaufhörlichen "Dazwischen". Zwischen Ankommen und Abfahren, zwischen zwei Menschen, zwei Orten, zwei widerstreitenden Emotionen. In groben Strichen erzählt der Film von Sophie (Maren Eggert), der Fotografin, die, einer unbestimmten Sehnsucht folgend, ihre Berliner Wohnung mit der einer Frau aus Marseille tauscht. Mit der Kamera streunt Sophie durch die Straßen, lernt einen Kfz-Mechnaiker kennen, geht aus, kehrt zurück. Nach und nach deutet sich an, dass der Beziehungsfrust ihrer Freunde Hanna (Marie-Lou Sellem) und Ivan (David Striesow) und ihre eigene uneingestandene Liebe zu Ivan Sophie in die Flucht getrieben haben.

Ob Marseille oder Berlin. Sophie bleibt eine, die den anderen durch den Sucher zuschaut. Eine Statistin im eigenen Leben. Angela Schanelec schreibt ihren Bildern diese Verlorenheit auf unaufdringliche, aber konsequente Weise ein. Ein Blick ins Freie ist da nie ohne Beschränkung zu haben. Das Amaturenbrett eines Busses, die Auslage eines Gemüsestandes, wenigstens ein Fensterrahmen beengen die Sicht nach draußen. Bewegte Vorder- und statische Hintergründe markieren dazu einen Hindernisparcours und zwingen die so eingeklemmte Protagonistin, nach Schlupflöchern zu suchen, um zur nächsten Einstellung zu gelangen.

Schanelecs Inszenierung geht von der Fotografie, dem Standbild aus. Und nicht selten wartet die Kamera eine Weile auf ihr "Ereignis" oder verharrt auf den Schauplätzen, die die Akteure längst verlassen haben. Nur der Originalton hält dann noch die Verbindung zu Sophie und den anderen, folgt aus dem Off den Schritten und Sätzen, bis der Lärm eines Lasters die letzten Reste verschluckt. So vermischen sich bei Schanelec Störgeräusche und andere Kleinigkeiten mit dem vordergründig Wesentlichen, bis das eine das andere absorbiert. Bis das Eigentliche, die Lüge, das Begehren, die Traurigkeit, so vergänglich wird wie die Lichtflecken, die ein Schaufenster oder eine Wasseroberfläche auf ein Gesicht werfen.

Effekte und Emotionen werden einfach zwangsdemokratisiert