film Dem Leben abgeschautSeite 2/2

In einer Szene beispielsweise zelebriert die Schauspielerin Hanna ihr Liebesleid in einem gespreizten Monolog, wie sie ihn allabendlich in Tschechows »Möwe« zu hören bekommt. Sie sitzt auf Ivans Bett, spricht vom Schmerz der Vernachlässigten und von der Hoffnung, etwas Theatralik könne dem eigenen Alltag auf die Sprünge helfen. Gleichzeitig saugt eine Putzfrau energisch um das Paar und seine Lethargie herum, als gehörten die staubigen Worte möglichst schnell und resolut entsorgt.

In Schanelecs eigensinnigem Realismus werden Effekte und Emotionen förmlich zwangsdemokratisiert. Besonders rabiate Maßnahmen erledigt häufig die Montage. Sie lässt Heldinnen in Hofeingängen oder an Kreuzungen verschwinden und setzt sie wie verirrte Maulwürfe in der nächsten Einstellung an einer S-Bahn-Station wieder aus. Die Tageszeiten und das Wetter haben gewechselt. Die Akteure haben neue Freunde, tragen andere Kleidung oder Frisuren, befinden sich in anderen Städten, und manchmal sprechen sie sogar eine andere Sprache. Dazwischen können Minuten, Tage, Monate liegen.

Schanelec liebt diese dramaturgischen schwarzen Löcher. Vor allem wenn sich einer ihrer Lebens-Auschnitte anschickt, sich zu einer bündigen Episode zu fügen. Oder wenn man Zaungast ungewohnt intimer Momente wurde, in denen sich die Protagonisten aus ihrer Reserve haben locken lassen. Beim Tanzen etwa im Schwimmbad (Plätze in Städten) oder in einer verwaisten Provinzdisko (Mein langsames Leben). Auch bei Sophie gibt es diesen Augenblick, in dem sich die Wortkarge in ungewohnter Fabulierlust gehen lässt. Angefeuert von Wild Turkeys und einer plötzlichen Flirtlaune, plaudert sie an einem Tresen in Marseille über ihre Schwäche, beim Schlafen oder Trinken kein Ende finden zu können. Der Schnitt sorgt für den Punkt. Und so findet sich die Heldin wenig später fern von allen zart angedeuteten Eskapaden irgendwo an einer grauen Kreuzung in Berlin wieder.

Schanelecs Vorliebe für die Ellipse, ihre formale Konsequenz und rigorose Schlichtheit, die sie ähnlich wie ihre Kollegen Thomas Arslan und Christian Petzold (die ebenfalls bei der Berliner Produktionsfirma Schramm-Film zu Hause sind) von Film zu Film forciert, bergen ein großes künstlerisches Wagnis. Denn gelegentlich drohen ihre Heldinnen vor lauter Abstandhalten im Beliebigen wegzutauchen. In jedem ihrer Filme gibt es Passagen, denen man die Anstrengung der Widerstandskämpferin gegen ein gefälliges Erzählkino anmerkt. Aber wie sie es schafft, mit einer diskreten Kamerabewegung vom nicht minder diskreten Ende einer Beziehung zu erzählen und in ihrer lichten Fotografie das durchschnittliche Drama des Lebens auszuleuchten, macht sie im deutschen Kino einzigartig.

 
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