einsätze Bewaffnete Zaungäste
Zu wenig Hilfe, zu spät: Nicht nur im Kosovo, auch im afghanischen Faisabad hat die Truppe Fehler gemacht
Logbuch des Raumschiffs wir schreiben das Jahr 11 der Missionen und das Jahr 3 des Antiterrormandats: »7000 Soldaten befinden sich auf den Planeten Balkan, Dschibuti und Afghanistan im Einsatz. Einheimische mäßig kooperativ, bisweilen feindselig (befremdlich, da wir doch zu allen nett sind). Raumschiff wird derweil, wie befohlen, im Flug zerlegt, verkleinert, neu zusammengeschraubt und modernisiert. Lage zu Hause beunruhigt uns, da undurchsichtig. Presseberichten zufolge fordern Parlamentsmitglieder unsere Rückkehr. Erdstation Berlin, bitte melden: Was ist da los? Welchen Kurs sollen wir nehmen? Hallo?«
Die Frage ist berechtigt. Am 13. Oktober muss der Bundestag zum dritten Mal über die Verlängerung des Antiterrormandats abstimmen; an diesem Donnerstag diskutiert das Plenum erstmals nach der Sommerpause über die Bundeswehr. Was als Tagesordnungspunkt zum Abarbeiten liegen gebliebener Anträge zur Bundeswehrreform und zur Wehrpflicht anberaumt wurde, wird inzwischen zum Anlass für eine Generaldebatte über die Auslandseinsätze.
Selbst die bisher einsatzloyale Opposition meldet Bedenken an
Innerhalb der Koalition gab es seit je pazifistisch motivierte Einwände gegen jegliche Intervention, etwa – wie jetzt wieder – vom Grünen Christian Ströbele. Neu ist dagegen, dass nun auch die bisher einsatzloyale Opposition Zweifel anmeldet. Der Abgeordnete Christian Schmidt (CSU) wirft der Bundesregierung Konzeptionslosigkeit vor, Günther Nolting (FDP) nennt den Auftrag der Nato-Trupps in Afghanistans Norden eine »Mission Impossible«, und Wolfgang Börnsen (CDU) verlangt gar den Rückzug.
Nun haben andere, etwa der stellvertretende Unions-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Schäuble, bereits signalisiert, dass es so weit nicht kommen wird. Und die sich formierende Front der Bedenkenträger wird nicht allein von patriotische Erwägungen getrieben; es geht auch um Taktik.
Die Bundeswehrreform – pathetisch »Transformation« genannt – gibt für publikumswirksame Erregung wenig her. Schon weil kaum ein Abgeordneter sie versteht. Zum anderen, weil die Opposition, nach diversen peinlichen Versuchen, den Kehrtmarsch in die Achtziger zu fordern (Motto: mehr Soldaten, mehr Geld, mehr Bumm), nun eingesehen hat, dass sie als Regierung exakt dasselbe täte wie die jetzige. Viele Konservative sind heilfroh, dass die Sozen ihnen die Last dieses Umbaus abnehmen. Die einzige Reform, welche sich als Angriffsziel der Opposition eignet – das geplante Aus für 100 Standorte –, ist noch nicht besiegelt. Bleiben also zum Punkten nur die Einsätze.
Das Problem der Regierung ist: Die Kritiker haben eine wunde Stelle erwischt. Eigentlich gleich zwei davon. Auf dem Balkan und in Afghanistan hat die Bundeswehr sich jüngst Blößen gegeben, die größere Missstände offenbaren.
Im Kosovo fand im März eine Jagd von Albanern auf Serben statt, bei denen 19 Menschen getötet, Hunderte verletzt und 2000 vertrieben wurden; ihre Häuser, Klöster und Kirchen wurden niedergebrannt. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) machte danach der deutschen Führung der Nato-Truppe KFor sowie der deutschen Brigade in Prizren schwerste Vorwürfe: Sie hätten zu spät und zu mutlos reagiert, sogar Bitten um Hilfe ignoriert.
Die Bundeswehr wies diese Kritik monatelang weit von sich. Abhilfen, die seitdem geschaffen wurden – gelockerte Einsatzregeln, Tränengas und Schlagstöcke, bessere Koordinierung –, sagen allerdings mehr als Worte: Die Bundeswehrführung hat verstanden, dass schwere Fehler begangen wurden. Erst kürzlich mussten Verteidigungsminister Peter Struck und sein Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan gestehen, dass sie über den Tod eines 61-Jährigen in einem brennenden Kloster nicht informiert worden waren. Auch das hatte in dem HRW-Bericht gestanden.
Im afghanischen Faisabad griff am Morgen des 7. September ein Mob von tausend Menschen in der wohl falschen Annahme, ein Mädchen aus dem Ort sei auf dem Gelände einer Hilfsorganisation vergewaltigt worden, ausländische und einheimische Helfer an. Sechs Helfer wurden verletzt, Häuser angezündet, Büros geplündert.
Die 66 Bundeswehrsoldaten aber, die dort im August ein PRT, eine Nato-Außenstelle, eröffnet haben, zogen sich – bis auf einen Erkundungstrupp, der kurz nachschauen ging – in ihr Lager zurück. Einige Helfer fanden dort Zuflucht, sechs wurden ärztlich behandelt. Das steht in einem Bericht von Staatssekretär Klaus-Günther Biederbick an den Verteidigungsausschuss. Ein internes UN-Papier wird, unter Berufung auf mehrere Zeugen, deutlicher: »Das PRT schickte weder Kräfte zum Schutz oder zur Rettung von Helfern oder UN-Mitarbeitern während der Demonstration, noch versuchte es, in die Demonstration einzugreifen.« Beide Papiere liegen der ZEIT vor.
Hilfsorganisationen in Faisabad wollen sich zu den Vorfällen nicht zitieren lassen. Hinter vorgehaltener Hand wird jedoch mehrfach bestätigt, dass die Deutschen während der Ausschreitungen nicht mehr zu sehen gewesen seien; und dass einige Helfer nur gerettet wurden, weil afghanische Polizei und ein paar Mitarbeiter des privaten Sicherheitsdienstes Global Risk sie beherzt den Angreifern entzogen hatten.
Als es in Faisabad brannte, blieb die Bundeswehr im Lager
Ihre Diskretion erklären die Humanitären damit, dass sie sich mehr Einsicht und Besserung von Gesprächen hinter verschlossenen Türen versprechen. Nick Downie, Chef der ANSO, der Sicherheits-Koordinierungsgruppe aller afghanischen Hilfsinitiativen, in Kabul, meint dazu nüchtern, das PRT habe so viel getan, wie es habe tun können: »Für mehr haben sie weder die Größe noch die Fähigkeiten.«
Sicher, das von der Nato geforderte kleine PRT im entlegenen, unwirtlichen Faisabad operiert selbst zu Friedenszeiten unter schwierigsten Bedingungen. Doch sein Verhalten am 7. September spiegelt altbekannte Schwächen der Bundeswehr im Einsatz wider: zu wenig Kampfsoldaten, zu wenig diplomatische Fähigkeiten, zu wenig Ortskenntnis, übervorsichtige Einsatzregeln, unflexible Führung, verheerende Informationspolitik. Und wohl auch ein allzu großes Bedürfnis im Raumschiff, von allen gemocht zu werden und nirgends anzuecken.
Am 9. Oktober wählt Afghanistan. Höchste Zeit, über die Arbeitsbedingungen der Bundeswehr dort zu reden.
- Datum 23.09.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 23.09.2004 Nr.40
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