physik »Physiker sind anarchistische Naturen«
Ein Gespräch mit Nobelpreisträger Martinus Veltman über schnelle Teilchen und rasende Forscher
DIE ZEIT: Das Cern in Genf wird 50. Wenn Sie zurückblicken – was macht die Bedeutung dieses Laboratoriums aus?
Martinus Veltman: Die Gründung des Cern war der Start zur Teilchenphysik in Europa, die gegenüber den USA weit zurücklag. Nur in Italien, Deutschland und der Schweiz konnte man damals Physiker finden, die von der Sache etwas verstanden. Heute ist in Europa jeder, der auf diesem Gebiet forscht, irgendwie mit dem Cern verbunden. Es ist weltweit ein Zentrum geworden, an dem man andere Experten treffen kann. Aber die wichtigste Aufgabe des Cern ist, die Teilchenphysik in Europa überhaupt am Leben zu halten.
ZEIT: Sie kamen 1961 als junger holländischer Physiker ans Cern, der die Kriegsjahre und die deutsche Besatzung miterlebt hatte. Waren Sie frei von Ressentiments gegenüber Ihren deutschen Kollegen, deren Armee Ihre Heimatstadt Waalwijk überfallen hatte?
Veltman: Meine deutschen Kollegen waren etwa genauso jung wie ich und trugen ja am Krieg keine Schuld. Hätten wir jedoch von jemandem gewusst, dass er eine Nazivergangenheit hat, wären wir ihm aus dem Weg gegangen. Es gab am Cern Leute, die den Russlandfeldzug mitgemacht hatten, sowie Juden, die im Holocaust ihre gesamte Familie verloren hatten, doch im Alltag spielte Politik bei uns keine Rolle.
ZEIT: Welchen Personen und Umständen haben Sie Ihren Nobelpreis zu verdanken?
Veltman: Insbesondere meinem Physiklehrer. Er hatte meine Eltern überredet, mich an der Universität in Utrecht anzumelden. Das war sehr außergewöhnlich. Soweit ich weiß, wurde zuvor noch nie ein Schüler aus Waalwijk an eine Hochschule geschickt. Das Physikstudium in Utrecht hatte allerdings ein miserables Niveau. Es dauerte vier Jahre, bis ich von der Relativitätstheorie oder der Quantenmechanik hörte.
ZEIT: Woher entsprang Ihr Interesse für die Teilchenphysik?
- Datum 23.09.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 23.09.2004 Nr.40
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