Kunst Obsessionen eines Sammlers
Endlich ist die umstrittene Friedrich Christian Flick Collection in Berlin zu sehen. Die Ausstellung ist grandios und furchtbar arglos
Nie war mehr Penis in der Kunst, nie so viel Busen und Blut. Die Frauen lupfen die Röcke, die Männer ihr Gemächt, alles wird entblößt und bloßgestellt, denn nur wenn die Scham-, Schmerz- und Geschmacksgrenzen fallen, wenn nichts unverhüllt bleibt, erst dann zeigt sich das Wesen des Menschen. Zumindest ist dies die sanfte Hoffnung dieser derben Kunst: Sie lenkt uns ins Dunkle, ins Chaos, in die Entfesselung, auf dass wir uns selbst begegnen.
Von der Macht des Schönen hingegen, von Augenlust und Sehfreuden will die Ausstellung nichts wissen. Sie hat nur ein Thema: den aufgelösten, entfremdeten Menschen. Sie zeigt nur eine Kunst: die Kunst der Auflösung und Befremdung. Dies ist das Eindringlichste an der uferlosen Sammlung des Friedrich Christian Flick: Ganz unbeirrt folgt sie dem Irrsinn der Kunst, und ganz diszipliniert wirken die Obsessionen des Sammlers. Wie im Rausch hat er gekauft, in nur sieben Jahren über 2.000 Werke der Gegenwartskunst. Und doch ist seine Sammlung so konzise und konzeptstark wie kaum eine andere. Sie überwältigt durch Größe und Geschlossenheit, sie sucht das Unausweichliche. Oder anders gesagt: Sie will uns vereinnahmen.
Endlich, möchte man da ausrufen. Denn bislang war es ja andersherum, der Kunst drohte die Vereinnahmung. Unbekümmert erklärte Flick, dass es ihm mit der Sammlung nicht nur ums Sammeln gehe. Er verfolge auch die Absicht, »mit dieser kulturellen Leistung den Namen Flick auf eine neue und dauerhafte positive Ebene« zu stellen. Die Verbrechen seines Großvaters, der als Hitlers Waffenproduzent Zehntausende Zwangsarbeiter versklavte, sollten in neuem Licht erscheinen, im Licht der Kunst. Da ließ der Vorwurf, er missbrauche die Sammlung, nicht lange auf sich warten; manche protestierten gegen die Ausstellung. Nun sprach Flick seinerseits von Vereinnahmung, denn was könne die Kunst für seine Familiengeschichte? Die Werke müssten gezeigt werden, und niemand dürfe sie durch die »ideologische Brille« betrachten.
Werke von Rhoades bis Nauman zeigen das Triebhafte und Getriebene
Mit diesem Warnhinweis im Hinterkopf betreten wir das Museum und merken rasch: Die Ausstellung kassiert alle Sehhilfen ein, sie ist eigenmächtig und druckvoll. Nicht nur die Hallen und Kabinette des Hamburger Bahnhofs hat sie mit vielen Installationen, Fotografien, Skulpturen und nur wenigen Bildern gefüllt. Auch ein neuer Flügel wurde erschlossen, eine alte Speditionshalle, angedockt über einen absurd verdrehten Brückenwurm. Auf 13.000 Quadratmetern ist ein Fünftel der Sammlung nun zu bewundern, über 400 Werke, mehr als in jeder anderen deutschen Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Und stärker als andernorts scheint sich hier die Ästhetik gegen die ethischen Belange behaupten zu wollen.
Kaum sind wir eingetreten, werden wir schon hineingesogen in den Kosmos der Kunst, in einen abstrusen Schöpfungsakt. Wo bislang in der Haupthalle die grauen Werke von Anselm Kiefer auf die Ewigkeit warteten, da wuchert nun der papageienbunte Ideenwust des Kaliforniers Jason Rhoades. Ein Dschungel, in dem sich lianengleiche Stromkabel schlängeln, farbige Abfalleimer blühen und der Zivilisationsschrott aus dem Boden schießt. Als hätte jemand die Bastelkeller unserer Eigenheime aufgeschlitzt und einfach das ganze Zeug hier ausgeschüttet, die Eisengestänge, Spielzeugbahnen, Telefone, Leinwände, Nähmaschinen. Staunend durchstreifen wir das Kuddelmuddel des Alltags, in dem sich alles mit jedem verbindet und doch nichts mehr zusammengehört. Eine Hölle, in der jede Bedeutung bedeutungsleer erscheint – und am Ende auch der Künstler zur lächerlichen Figur wird. Weil es nichts mehr gibt, das es nicht gibt, bleibt ihm, dem Schöpfer, nur Erschöpfung, das Ausrasen, Austosen, die Flucht ins Unentflechtbare.
Eine ganz andere Dunkelheit erwartet uns nebenan, im Kleihues-Flügel, der immer so erhaben wirkte. Jetzt prallen wir auf eine Sperrholzbude, nur ein Schlitz tut sich auf, an dessen Ende eine Tür, aus der es grünlich leuchtet. Wir lassen uns locken, zwängen uns durch den Türspalt, und plötzlich sticht uns grelles Licht. Nur schnell hinaus, durch eine noch engere Lücke, ängstlich den Bauch einziehend. Selbst der Schlanke fühlt sich hier beleibt.
Es ist das Körperliche, um das es Bruce Nauman mit seiner Lichtkiste geht. Seine Kunst verweigert alle Oberfläche, sie sucht die Tiefe. Zum betrachteten Objekt wird der Betrachter selbst, der sich zwischen zwei Zuschauertribünen hindurchquetschen muss, die beide auf ihn ausgerichtet sind. Oder der in halbdunkle Gänge geschickt wird, an deren Ende Bildschirme auf ihn warten. Dort sieht er sich selbst von hinten, wie er den Korridor betritt, doch je weiter er geht, desto kleiner ist er auf den Monitoren zu sehen. Sein eigenes Bild entflieht ihm.
- Datum 23.09.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 23.09.2004 Nr.40
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