Kunst Obsessionen eines SammlersSeite 3/3

Ansonsten allerdings lässt sich der Ausstellung nicht nachsagen, Sammler oder Galerist hätten in sie hineinregiert. Flick kauft ohnehin nicht das Unbekannte, das im Museum erst Anerkennung finden müsste. Nur die westliche Kunstsphäre scheint ihm vertraut zu sein, und obwohl in den neunziger Jahren auch die Künstler aus China, Mexiko, Südafrika in die Museen einzogen, hat Flick keine bei sich aufgenommen. Das macht die Ausstellung aber nicht langweilig. Weil Flick stets konvolutweise kauft, wird Vertrautes in großartigen Sälen neu sichtbar. Nur gelegentlich fehlen wichtige Werke, bei der Finnin Eija-Liisa Ahtila etwa die Filme oder bei Luc Tuymans die Serien, die sein Werk erst definieren. Von ihm, der bekannt ist für seine Bilder der Nazigrößen, besitzt Flick nur Einzelwerke. Eine Nazigröße zeigt keines davon. Überhaupt ist die Vergangenheit nur in den wenigsten Werken präsent. Die Ausstellung hat den Menschen als solchen im Blick, blendet aber das Gesellschaftliche, das ihn formt, weitgehend aus. Kein Zufall, dass Flick zu Beuys nie ein Verhältnis fand. »Beuys ist ein Systemsprenger«, sagt er. »Dieser Fundamentalattacke fühlte ich mich einfach nicht gewachsen.« Es zog ihn zu einer Kunst, die weniger aufs Zeitkritische zielt und mehr aufs Überzeitliche. So kann man die Ausstellung in dem Gefühl verlassen, dass der Mensch seit jeher ein Geworfener gewesen sei.

Sagt das etwas über Flick? Zeigt sich in den Verwerfungen der Kunst etwa jene helle Seite, die sich Flick für seine dunkle Familiengeschichte von der Kunst erhofft? Paradoxerweise erweist sich das Helle als arg verschattet. Alle Befürchtungen, mit dieser Ausstellung könnte die Vergangenheit überstrahlt werden, wirken plötzlich obsolet. Zunächst.

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Wenn wir allerdings dem Museum den Rücken zukehren, bekommt die Ausstellung (nicht die Kunst!) doch etwas Relativierendes. Ästhetik und Ethik verweben sich wieder, und Flick trägt dazu bei, indem er sagt, »dass meine Sammlung gewissermaßen aus meiner Familiengeschichte zu erklären ist«. Er meint damit wohl das Tragische, das aus der Ausstellung spricht. Wo jedoch, so wie hier, alles Wut, Schmerz, Getriebenheit ist, da erscheinen mit einem Mal auch die NS-Verbrechen kaum mehr absonderlich. Da wirkt es, als gehöre Peinigen und Demütigen zur anthropologischen Grundausstattung, als sei selbst das Quälen von Zwangsarbeitern etwas Unausweichliches. Als sei der Mensch der Moderne wie Flick, der Kriegsverbrecher, und Flick, der Kriegsverbrecher, ein moderner Mensch. Nicht dass die Sammlung etwas leugnete. Sie pflegt nur ein furchtbar argloses Verhältnis zur Vergangenheit.

So freut man sich am Ende über die Intensität der Ausstellung – und erschrickt zugleich über ihre historische Leichtfertigkeit. Erschrickt auch über Klaus-Dieter Lehmann, der die Stiftung Preußischer Kulturbesitz leitet und bei der Pressekonferenz einen Topos der Rechtsnationalen paraphrasiert. Wir müssen aus Hitlers Schatten heraustreten, das sagt er nicht. Er sagt, dass die Ausstellung Hitlers Schatten kleiner mache. Spätestens da merkt man: Die Trennung von Kunst und Geschichte ist unaufhebbar. Die Debatte über Sammlung und Sammler bleibt eine deutsche Debatte.

Bis zum 23. Januar 2005; der Katalog kostet 29,80 Euro

 
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