In den sechziger Jahren war Robert S. McNamara vermutlich der meistgehasste Politiker der westlichen Welt. Keiner galt als so skrupellos wie der amerikanische Verteidigungsminister. "IBM-Computer auf zwei Beinen" nannte man ihn, einen Technokraten des Krieges. Wo andere ein moralisches Gefühl besäßen, sei bei McNamara eine Zielscheibe, und die Welt bestehe für ihn nicht aus Menschen, sondern aus Zahlenkolonnen. Seine Spezialität: der Bombenteppich und die Zerstörung der Fläche.

McNamara, so hatte es den Anschein, war der treue Diener seiner Herren. In seine Amtszeit fielen die Kuba-Krise und der Vietnamkrieg, der 3,4 Millionen Vietnamesen und über 58000 Amerikaner das Leben kostete. Im März 1965 befahl er die Operation Rolling Thunder, später den Einsatz von Napalm und von Entlaubungsmitteln. Doch plötzlich, Ende 1967, schied das whiz kid, das intellektuelle Wunderkind, überraschend aus dem Amt. McNamara wurde Präsident der Weltbank und organisierte Feldzüge gegen Elend und Hochrüstung. Der Architekt des Vietnamkrieges verwandelte sich in einen Nato-Kritiker und einen Anwalt der Armen.

Wenn jemand vom Saulus zum Paulus wird, wenn der zweitmächtigste Mann der US-Administration Rechenschaft ablegt, dann ist das ein ergiebiger Stoff, nicht nur für ein Buch. Der amerikanische Dokumentarfilmer Errol Morris hat den 85-jährigen McNamara um Auskunft gebeten und seine Antworten mit historischem Material unterfüttert, darunter Telefonmitschnitte aus dem Weißen Haus, die erst vor kurzem freigegeben worden waren. Gelungen ist ihm mit The Fog of War ein ungewöhnlich diskreter und ungemein spannender Dokumentarfilm über den "Nebel" des Krieges – eine Kritik an westlicher Machtpolitik und ihrem politisch Imaginären, die kein anderer so wirkungsvoll hätte vorbringen können wie Robert McNamara selbst.

Wie übermächtig Denkmuster und Weltbilder sind, wie sehr sich Politiker von ihnen verhexen lassen, zeigte schon die Kuba-Krise. Damals stand die Welt am Abgrund eines atomaren Konflikts, und nur ein Irrwitz hat sie gerettet. Der russische Präsident Chruschtschow hatte nämlich zwei Botschaften geschickt, die sich diametral widersprachen. Die eine klang friedfertig wie lyrische Prosa, und alle glaubten, ihr Verfasser sei mal wieder betrunken gewesen. Die zweite Botschaft hingegen war kein wodkaseliger Schalmeienklang, sondern nukleare Erpressung. Niemand wusste, was Chruschtschow wirklich wollte. Krieg oder Frieden? Die US-Militärs drängten darauf, nur die zweite Botschaft ernst zu nehmen, entsprach sie doch ihrem eigenen Denken, ihrer inneren Logik. General Curtis E. LeMay wollte die Gunst der Stunde nutzen und die Sowjetunion in Grund und Boden bomben. Und sogar Kennedy plädierte, anders als der Film Thirteen Days weismachen will, für eine militärische Lösung.

So wie Morris Interview und O-Ton arrangiert, muss man sagen: Chruchtschows paradoxe Botschaft hat das Blatt gewendet. Nicht weil er ein guter Mensch war, sondern weil er die Unentscheidbarkeit der Lage auf die Spitze trieb. Dadurch bekam McNamara Spielraum, um von den militärischen Denkmustern Abstand zu nehmen. Er konnte sich in den Gegner hineinversetzen, ihn abtasten und am Ende eine Lösung vorschlagen, bei der alle das Gesicht wahrten.

Auch vor dem Vietnamkrieg gab es eine "Deutungslücke", einen langen Moment von Unentscheidbarkeit und Zweifel. War das US-Schiff Maddox im Golf von Tonkin wirklich angegriffen worden? Hatten die Matrosen Torpedos geortet – oder nur tote Fische? Doch diesmal obsiegten die Denkmuster des Kalten Krieges über die Erforschung des Gegners. Die gesamte Administration glaubte damals an die Dominotheorie, wonach Vietnam gehalten werden müsse, damit die asiatischen Länder nicht reihenweise "umfallen". McNamaras Rolle ist widersprüchlich. Mal war er Scharfmacher, dann wieder drängte er auf Deeskalation. Als er, wie schon unter Kennedy, vorschlägt, die Truppen zurückzuziehen, kanzelt ihn Lyndon B. Johnson ab wie einen Schuljungen.

Folgt man Morris in das Labyrinth seines Oscar-gekrönten Films, dann lautet seine Botschaft, das Gefährlichste an der Politik sei das eigene Weltbild, der Terror der Vorstellung. "Wir sahen, was wir glauben wollten", sagt auch McNamara, "aber wir irrten uns. Unsere Denkmuster führten dazu, mit unglaublichen Kosten."

Das ist keine akademische Floskel. 1995 reist McNamara nach Hanoi und trifft Nguyen Co Thach, einen engen Vertrauten des damaligen Außenministers. "Lesen Sie denn keine Geschichtsbücher?" fragt ihn Nguyen. "Wussten Sie nicht, dass wir seit tausend Jahren gegen die Chinesen kämpfen?" McNamara verschlägt es die Sprache. Sollte es wahr sein, dass unter der Tarnfarbe einer primitiven kommunistischen Ideologie nationalistische Unabhängigkeitskämpfer steckten? Und angenommen, Amerika hätte dies erkannt – wäre der Krieg zu verhindern gewesen?