Rätselhaftes Amerika (II) Gute Nachrichten für den Präsidenten

Wenn George W. Bush die Wahlen gewinnen sollte, kann er sich vor allem beim führenden Kabelkanal Fox News bedanken. Der US-Sender schürt Panik und weckt die Sehnsucht nach dem starken Mann

Einen »historischen Wendepunkt«, eine »Verschiebung der Nachrichtenlandschaft« meldete am vergangenen Wochenende die Zum ersten Mal hatte der vor acht Jahren gegründete Kabelkanal Fox News mehr Zuschauer angelockt als irgendeiner der »großen drei« des amerikanischen Fernsehens, ABC, CBS und NBC. Ereignet hatte sich der mediale Erdrutsch während der Übertragungen vom Parteitag der Republikaner in New York. 5,2 Millionen Amerikaner wollten den Auftritt von Arnold »Terminator« Schwarzenegger bei Fox News sehen, beim schärfsten Konkurrenten NBC waren es 100.000 weniger.

Die Beziehung zwischen Fox News und den Republikanern ist weit mehr als eine Geistesverwandtschaft. »Republikaner-TV« nennt der New York Times- Kolumnist Frank Rich den Sender; dessen Aufstieg gehe einher mit dem Niedergang der bislang tonangebenden US-Medien. Zuletzt zeigte sich dieser Niedergang bei CBS: Am Montag musste der Sender zugeben – unter dem Jubel von Fox News –, gefälschtes Material verbreitet zu haben, das George W. Bush belastet hatte. Fox News hat inzwischen seinem Erzrivalen CNN den Rang als einflussreichster Nachrichtenkanal der USA abgelaufen. Am »historischen Wendepunkt« sieht sich die New York Times selbst, zutiefst zerknirscht, auf der Verliererseite. Kein gutes Omen für John Kerry.

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Der Sender hat eine Mission. Und Moderatoren wie Bill O’Reilly und Sean Hannity tragen sie immer wieder unverblümt vor: Durch eine Verschiebung des US-Mainstreams nach rechts soll die aus ihrer Sicht linkslastige Weltdeutung der »traditionellen«, »elitären« Medien abgelöst werden. Und wenn sich erst die Weltwahrnehmung geändert hat, verschiebt sich am Ende vielleicht die ganze Welt nach rechts. Es mag das Ziel von Größenwahnsinnigen sein – aber der Sender ist auf dem besten Weg, es zu erreichen.

»Fair and balanced« heißt das Motto, unter dem der Sender seit Oktober 1996 berichtet und agitiert fair und ausgewogen. Bei jeder Gelegenheit wird es erwähnt, eingeblendet, eingehämmert. Es mag nach einer Verschwörungstheorie klingen, aber tatsächlich tauchen die drei Wörter mitunter nur für Sekundenbruchteile zwischen zwei Einstellungen auf – Blitzschläge ins Unterbewusste, denen man nur in der Zeitlupenwiederholung auf die Spur kommt. »Fair and balanced« – das war zwar schon immer der blanke Hohn, doch der Slogan ist nicht nur ernst gemeint, er ist eine tragende Säule des Fox-News-Weltbilds. Hier gelten die »traditionellen« Medien der USA als derart linksliberal, dass konservative Stimmen überhaupt nicht zu Wort kommen. » Fair and balanced« ist die Lizenz zur Umdeutung der Verhältnisse: Die eigene rechtskonservative Weltsicht wird nicht bescheiden propagiert, sondern zum verbindlichen Maßstab erklärt. Der bisherige Erfolg ist eine wundersame Symbiose aus Ideologie, Geschäftsmodell und Regierungspolitik: Neokonservatismus als Entertainment für die Massen.

Ständige Stimulanz für Leute, denen zum Zappen die Kraft fehlt

In dieser Art Nachrichtenjournalismus ist bereits Lautstärke ein Argument. Gesprochen wird grundsätzlich mit erhobener Stimme, und das nicht nur, wenn wieder mal ein linker Widersacher niederzubrüllen ist. Eine Art synthetische Heavy-Metal-Musik unterlegt viele der Ansagen und verleiht ihnen etwas Bedrohliches, Epochales. In diesen Sound muss man hineinrufen, wenn man gehört werden will. Die zahlreichen Jingles suggerieren einen permanenten Ausnahmezustand: Fanfaren schmettern, Trommeln wirbeln, Akkorde hämmern. Fox News fasst das Weltgeschehen im Blitzkriegstempo zusammen; in den Nachrichtenüberblicken kann das Thema alle 15 Sekunden wechseln. Klangeffekte, wie sie in der Welt der PC-Ballerspiele üblich sind, markieren den Beginn der neuen Meldung – eine permanente Stimulanz für Leute, denen zum eigenmächtigen Zappen längst die Kraft fehlt.

Warum waren die USA noch gleich in den Irak einmarschiert? Wegen der Massenvernichtungswaffen? Oder wegen bin Laden? Weil Saddam Hussein den 11. September zu verantworten hat? Dies glauben einer Newsweek- Umfrage zufolge derzeit 42 Prozent der Amerikaner. Fox News gibt die Antwort so oft, so lange, so unübersehbar, bis es jeder verstanden hat: Wir kämpfen, um den Terror auszurotten. Wann immer das Thema Irak auftaucht, wird es eingerahmt von einem blutrot unterlegten Logo mit der Schlagzeile War on Terror. Mit einem Logo lässt sich nicht diskutieren. In der oberen linken Bildschirmecke weht derweil ein Sternenbanner im digitalen Zeitlupenwind.

Die Moderatoren und Korrespondenten unter den 880 Mitarbeitern des Senders kann man sich durchweg als Börsenmakler, Anwälte oder republikanische Wahlkämpfer vorstellen – harte Karrieremenschen, denkbar weit entfernt von jeglichen intellektuellen Flausen. Es gibt nur eine Ausnahme: Alan Colmes, der in der Pro-und-Contra-Sendung Hannity & Colmes den »linken« Widersacher des rechten Publikumslieblings Sean Hannity zu geben hat. Allein optisch tritt er als weltfremder Wirrkopf in Erscheinung; seine Aufgabe besteht darin, von Hannity untergebuttert zu werden.

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