Tempelberg der Sterngucker
Das weltgrößte Teleskop wird eingeweiht – auf heiligem Boden
Was haben Astronomen, Indianer, der Papst und Eichhörnchen gemeinsam? Den 3190 Meter hohen Mount Graham in Arizona. Dort wollen amerikanische, italienische und deutsche Astronomen im Oktober das größte Teleskop der Welt einweihen. Denn sie scheuen das Licht der Zivilisation und gehen deshalb in die Wüste. Dort bringen hohe, kühle Wüstenberge Sterngucker zum Träumen. Keine Wolke verdeckt dort die Sicht, keine Straßenlaterne stört die empfindlichen Teleskope. Das Large Binocular Telescope (LBT) soll zehnmal so scharfe Bilder aus dem All liefern wie das vom Untergang bedrohte Weltraumteleskop Hubble. So wollen die Astronomen noch tiefer in die Geschichte des Alls vordringen. Theoretisch könnten sie das Licht einer brennenden Kerze in 2,5 Millionen Kilometer Entfernung sehen.
Aus ähnlichen Gründen hat der Papst einen Draht zum Mount Graham legen lassen. Dicht neben dem LBT steht das modernste kirchliche Guckrohr, das 1993 fertig gestellte Vatican Advanced Technology Telescope (VATT). Die Astronomen am Heiligen Stuhl störte das wachsende Lichtermeer Roms. Auf die päpstliche Sommerresidenz Castelgandolfo auszuweichen half nur vorübergehend. Doch ganz ungetrübt können kirchliche wie weltliche Astronomen ihren Himmel nicht genießen. Den Blick nach oben gerichtet, hatten sie zwei irdische Gegner unterschätzt. Da sind einmal die Indianer. Manche Apachen halten den Berg für heilig. Für sie birgt der Dzil Nchaa Si An geweihte Quellen und Wälder, ist ein Ort der Würde und Heilkraft, den die Sterngucker ihrer Ansicht nach nun entweihen. Heilig ist der Berg aber auch den Naturschützern: Hier lebt eine streng geschützte Unterart Roter Eichhörnchen (Tamiascurius hudsonicus grahamensis). Selten stieß an einem Fleck so viel High Tech auf so viel Heiligkeit. Diese schwierige Gemengelage ließ den Berg jahrelang nicht ruhen. Es kam zu Prozessen, Bauunterbrechungen und Vandalenakten auf den Baustellen.
Aber irgendwie ist schließlich doch Frieden eingekehrt. Tamiascurius hat sich trotz des Baugeschehens munter vermehrt, der Berg ist das bestuntersuchte Rote-Eichhörnchen-Gebiet der Welt. Das besänftigt die Tierschützer. Auch die Indianer haben sich zurückgezogen. Vermutlich haben sie mal wieder kapitulieren müssen.
Umgekehrt scheint der Geist des Berges nicht ganz ohne Wirkung auf die deutschen Astronomen geblieben zu sein. Sie verliehen ihren Präzisionsinstrumenten mythische Namen. Modernste Technik made in Germany stellt den neuen Riesenfeldstecher scharf: Nirvana soll irdische Bildstörungen beseitigen. Lucifer I und Lucifer II werden Bilder jenseits des sichtbaren Spektrums liefern.
Nur die Potsdamer Astrophysiker blieben vom Genius Loci weitgehend unbeeindruckt. Sie bauen zurzeit an einem weiteren Beobachtungswerkzeug für den Mount Graham. Sein Name: Pepsi.
- Datum 23.09.2004 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 23.09.2004 Nr.40
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