Der Tag, an dem die Globalisierung über den deutschen Angestellten Gerd Seibel hereinbricht, beginnt mit einem Donnern draußen auf dem Flur. Aktenordner prasseln auf Linoleumböden, vor seinem Büro sieht Gerd Seibel plötzlich Chinesen über den Korridor laufen. Die Chinesen schleppen Kartons weg und leeren sie in einer Abstellkammer aus. Gerd Seibel lehnt am Türrahmen, stemmt einen Arm in die Hüfte und sagt: "Ich glaube, jetzt geht es los." Er wollte ja dabei sein, wenn die Globalisierung Dortmund-Mitte erreicht. Er wollte ja darauf achten, dass die Globalisierung ordentlich verläuft. Deutsche Umweltgesetze, deutsche Unfallverhütungsvorschriften, alles kippen die Chinesen auf einen Haufen. Sie räumen das Büro leer, in dem früher der Umweltingenieur der Fabrik arbeitete. Chinesen machen sich nicht viel aus der Umwelt, hat Seibel sich sagen lassen, Chinesen ziehen ihren Plan schnell und preiswert durch. Gerd Seibel hat sich auf die Chinesen gefreut, er ist gespannt.

"Wollen Sie den Stillstandsbereich übernehmen?", fragte ihn vor etwa drei Jahren ein Vorgesetzter, und Seibel hätte problemlos nein sagen können. Er antwortete mit Ja, und später hat er gerätselt, was wohl dieses eigenartige Papierschild auf seinem Schreibtisch bedeuten könne. Die chinesischen Schriftzeichen sagen ihm nichts. Vielleicht steht da wirklich "Leiter des Stillstandsbereiches", vielleicht.

Vor vier Jahren wurde die Dortmunder Kokerei Kaiserstuhl stillgelegt, seither muss laut Bundesberggesetz der Stillstand beaufsichtigt werden. Es ist eine Arbeit, die Seibel nicht sehr anstrengt. "Eigentlich ein Furz", sagt Seibel, "ein echter Furz." Er ist nicht gut darin, vornehm um den heißen Brei herumzureden. Am liebsten sagt er gleich, was er sieht und was er denkt. Gerd Seibel nennt sich selbst einen Praktiker, alles Theoretische erscheint ihm irgendwie verdächtig. "Ich brauche erst mal Fakten", sagt er oft, und wenn ihm niemand Fakten liefert, sagt er: "Wie, keine Fakten? Dann mache ich mir auch keinen Kopp." Seine Stimme klingt immer ein bisschen heiser. Man glaubt herauszuhören, dass er sich lange Zeit durchsetzen musste gegen das Getöse von Maschinen.

Schon eine Weile befasste sich Seibel mit dem Stillstand, als mit einem Mal Russen, Tschechen, Inder und Chinesen abwechselnd über seinen Industriefriedhof liefen und sich nach technischen Daten erkundigten. Schließlich verkaufte Seibels Arbeitgeber, der Essener Bergbaukonzern RAG, die brachliegende Kokerei an einen chinesischen Geschäftsmann in Bochum, der Geschäftsmann verkaufte sie weiter an einen chinesischen Bergbaukonzern, und der neue Eigentümer will das gesamte Werk nach China holen.

Vor anderthalb Jahren haben die Chinesen begonnen, das Werk zu zerlegen. Die Kokerei Kaiserstuhl – 16.000 technische Zeichnungen, zwei Laster voller Akten, 35.000 Tonnen Maschinen, Rohre, Stahltüren, Kabel; einzeln zu nummerieren, dann von dreihundert chinesischen Arbeitern zu zerpflücken, auf Frachtschiffe zu verladen, die in Rotterdam und Antwerpen ablegen, den Sueskanal durchqueren und nach dreißig Tagen im chinesischen Hafen Qingdao anlegen. Eine der größten Industrieumsiedlungen weltweit, die erste Verlagerung einer Kokerei weltweit.

Verkürzt man diesen Vorgang, dann passt er in einen Satz: Weil sich Chinesen die tote deutsche Fabrik schnappen, wird sie bald wieder leben. Leben und Sterben hängen in solchen Fällen stark vom Preis der Arbeit ab, von den Umweltkosten, vor allem von den Löhnen. In China verdient ein Arbeiter in einer Kokerei umgerechnet 100 bis 200 Euro im Monat. Da lohnt es sich sogar, eine ganze Fabrik anderswo erst abzubauen und später im Original wieder aufzubauen. Kein westliches Land zahlt so niedrige Löhne, dass sich ein derart gigantisches Vorhaben, das Hunderte Arbeiter und Angestellte über Jahre hinweg beschäftigt, rechnen könnte.

Bis zu 27.000 Menschen arbeiteten früher auf dem Gelände der Westfalenhütte in Dortmund, ein Teil davon ist die Kokerei Kaiserstuhl. Als vor wenigen Jahren das Stahlwerk dichtmachte, nahmen Chinesen die Hochöfen mit, und seit es um die Kokerei geht, tauchen Arbeiter einer anderen chinesischen Firma auf. Die Welt bedient sich, und Deutschland hofft vor jedem Räumungsverkauf auf ansehnliche Preise. Im Sauerland bauen Chinesen gerade eine Maschinenstraße für Blattfedern auseinander. Hier wie da setzen sie stählerne Riesen in Bewegung, hier wie da verschwinden die Riesen in der einen Richtung.

Gerd Seibel schaut zu, wie die Arbeit aus Deutschland wegzieht. Die Chinesen dürfen nicht schludern, sonst wird Seibel böse. Er kennt sich hervorragend aus mit Kokereien, sein halbes Leben hat er mit solchen Anlagen zugebracht. Er fing ganz früher als Autoschlosser an, später Technikerschule, Koksmeister, Endgehalt, Schichtführer, Endgehalt, zuletzt Abteilungsleiter, "Ah-Tee" – ein Außertariflicher, ein besser Bezahlter. Dem einfachen Techniker Gerd Seibel ist die Karriere eines begabten Ingenieurs geglückt, immer sei er fleißig gewesen, habe früher nur Wechselschichten geschoben, drei Wochenenden Schicht, ein Wochenende frei, über Jahre hinweg. Inzwischen ist er 49. Niemand macht ihm noch etwas vor auf dem Gelände Kaiserstuhl. Seibel sagt: "Ich bin hier so was wie das Gesetz." Noch.

Schon im Jahr 2006 soll die Kokerei Kaiserstuhl in China wieder laufen. Die neuen Eigentümer wollen Koks auch ins Ausland verkaufen. Dann könnte es sogar passieren, dass die Chinesen Koks aus der ehemals deutschen Anlage Kaiserstuhl nach Deutschland liefern.

Zunächst ahnt Gerd Seibel nicht, wer auf dem Büroflur sein neuer Nachbar werden könnte. Es wird ein Chinese sein, das steht fest. Aber es sind so viele von ihnen gekommen, Hunderte, dass Seibel die fremden Gesichter zuerst nicht auseinander halten kann. Nach ein paar Wochen glaubt er zu wissen, welcher Chinese das Sagen hat. Wenn Seibel morgens die Treppe hinaufsteigt, hört er Gebrüll auf dem Korridor. Einer steht da immer im roten Polohemd, umringt von Männern in verschmierten Overalls, und die Arbeiter hören ihm demütig zu. Später erfährt Seibel, dass sein neuer Nachbar Mo heißt, Mo Lishi. Eine Dolmetscherin befestigt ein Schild mit der deutschen Aufschrift "Projektleiter" an der Tür des leer geräumten Zimmers, das jetzt Mos Zimmer ist. Auf seiner Visitenkarte steht "Vice General Manager", Mo ist im Vorstand eines Unternehmens für Kohlechemie in der ostchinesischen Provinz Shandong, einer Firma mit 28000 Leuten. "Mir ist ganz egal, was der ist. Meinetwegen kann der Generaldirektor sein", sagt Seibel trotzig. Er hat nichts gegen den Fremden, aber der soll sich bloß nicht aufspielen.

Mo spricht nur Chinesisch, Seibel nur Deutsch. Mo soll die deutsche Fabrik ausweiden, Seibel das Skelett bewachen. So gesehen ist Mo die Zukunft und Seibel die Vergangenheit. Das sieht Seibel jedoch nicht so, weil er glaubt, dass die Chinesen nur Reste verwerten, die von Deutschen hinterlassen wurden. "Nach dem Krieg waren wir vielleicht auch mal so wie die", sagt Seibel. Von Beginn an spricht eigentlich alles für eine ziemlich komplizierte Nachbarschaft.

Mo hat Respekt vor Herrn Seibel. Er nennt ihn den "Mann, der uns Strom gibt"

Seibels Zimmer ist viel größer als das von Mo. Sechs, sieben Schritte muss man gehen, bis man vor Seibels Schreibtisch steht. Bei Mo muss man nur die Tür öffnen und fällt fast auf die Schreibtischplatte. Mo ist nicht wählerisch, er hat dieses Büro genommen, weil es niemand anders brauchte. Was sein Nachbar Seibel zu tun hat, weiß Mo nicht. Dieser Deutsche kommt ihm seltsam vor. Er besteht darauf, dass alle chinesischen Arbeiter unfall- und krankenversichert sind. Mo muss ein Dokument unterschreiben, das ihn zu einer "Aufsichtsperson" auf der Baustelle erklärt. Arbeiter, die hoch in die gemauerten Öfen klettern, sollen Sicherheitsgurte umschnallen. Mo nimmt an, dass Seibel über Macht verfügt, weil Seibel die Hauptschalter für Wasser und Strom kontrolliert. Eine Baustelle kann auf vieles verzichten, aber niemals auf Wasser und Strom. Nach und nach kriegt Mo Respekt vor Seibel. Mo nennt ihn den "Mann, der uns Strom gibt".