Arabische Lyrik Die Augen des Herzens

Ein Besuch bei dem arabischen Lyriker Adonis im 35. Stockwerk eines Pariser Wolkenkratzers

Es ist ein heißer Tag in Paris. Die Schule hat wieder angefangen. Die Nation sorgt sich um die französischen Journalisten, die im Irak ihr Leben verlieren sollen wegen ein paar hunderttausend Kopftüchern, die an diesem ersten Schultag in Frankreich zum ersten Mal nicht mehr im Unterricht getragen werden dürfen. Ich bin auf dem Weg zu Adonis, dem bedeutendsten arabischen Lyriker unserer Zeit. Gestern war er noch in Beirut, nächste Woche wird er in New York sein. Heute empfängt er mich im 35. Stockwerk eines Hochhauses in der Glas- und Betonödnis La Défense, vor den Toren von Paris. Zehn Quadratmeter, ein Tisch, ein Bett, ein Stuhl, ein Fenster zum Himmel, draußen nichts als Hochhäuser, die sich in Hochhäusern spiegeln, tief unten, in Käfergröße, die französische Geschäftswelt. Ein Versteck im Herzen der westlichen Wüste, eine Arbeitshöhle, so heißt es in einem seiner Gedichte, die »zwischen Leere und Leere schaukelt«.

An der Tür, am Ende eines lichtlosen Flurs, ein handgeschriebener Zettel: Adonis. Was, um Allahs willen, möchte man fragen, hat ihn hierher geführt? Zunächst allerdings komme ich überhaupt nicht zu Wort. Das Telefon klingelt ununterbrochen, Anrufe aus Rom, aus den USA, man spricht Arabisch, es geht um Frankfurt, um Montadori, um New York. Wie kommt es eigentlich, möchte man fragen, dass beinahe alle bedeutenden arabischen Schriftsteller im Westen leben? Sag mir, wo ist dein Stern?, heißt es in dem legendären Gedichtzyklus Ein Grab für New York, der zur Frankfurter Buchmesse als zweiter Band der Adonis-Werkausgabe in der Übertragung von Stefan Weidner im Ammann Verlag erschienen ist.

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Als das Telefon endlich schweigt, frage ich den Dichter nach seiner Mutter. Seine Mutter, sagt er, sei Teil der Natur. Seine Mutter verstehe die Welt wie ein Baum, sie könne weder lesen noch schreiben, aber sie lese die Welt mit ihren Augen, ihren Ohren, ihrem Atem. Sie sei ein Teil der Sonne, ein Teil der Luft, ein Teil des Horizontes. Für sie habe sich nie irgendetwas verändert. Das Wort »Schwierigkeit« komme in ihrem Leben überhaupt nicht vor. Das sei ein moderner Begriff. In wenigen Wochen werde seine Mutter 100 Jahre alt.

Hier oben, im 35. Stockwerk, kann man sich eine Mutter als Baum nicht ohne weiteres vorstellen. Adonis, der bei seiner Geburt am 1. Januar 1930 in dem kleinen syrischen Dorf Kassâbin noch Ali Ahmad Sa’îd hieß, hat in seinem 74-jährigen Leben tausend Jahre menschlicher Geschichte durchquert. Als Kind habe er sich gefühlt wie ein Stein, wie eine Quelle. Auf dem Stern seiner Kindheit gab es kein fließendes Wasser, keinen Strom, keine Technik, keine Autos. Der Unterricht für die Kinder fand auf der Erde unter einem großen Baum statt. Es gab weder Hunger noch Überfluss. Wenn es kein Fleisch gab, gab es Früchte, wenn es keine Früchte gab, gab es Kräuter. Geld spielte keine Rolle, man aß, was man pflanzte. Der Vater schrieb Gedichte, der Sohn konnte die klassische arabische Literatur auswendig, bevor er sie zu lesen vermochte. Ob seine Kindheit ein verlorenes Paradies sei? Der Blick schweift über die Hochhäuser, sein Leben, sagt Adonis, sei ein Zwiegespräch zwischen dem leuchtenden Punkt der Vergangenheit und dem, was noch nicht existiert. Warum er nicht mehr ein Stein unter einem Baum, sondern ein Dichter in einem Hochhaus sei, der von Steinen und Bäumen dichte, das allerdings könne er mir mit letzter Genauigkeit auch nicht sagen. Obwohl seine Gedichte immer wieder davon singen:

Ich verstecke mich hinter dem Rätsel, ich verkrieche / mich unter das Gewand der Jahreszeiten und flüstere / durch seine Schlitze. Ich gebe meinen Schritten ihre / Gestalt und sage dem Meer: folge mir.

Die Bäume sind Blätter in meinen Heften, und die / Steine sind Gedichte wie ich.

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