In der Mitte dieses 750 Seiten starken Buches spricht einer der vielen beiläufigen Helden, ein Mann im Flüchtlingslager, von seinem Vorhaben, ein "Epos des palästinensischen Volkes" zu schreiben. Der Mann wird bald (wie viele Männer in diesem Roman) als Kämpfer sterben; aber es scheint, als verstehe sich das Buch, in dem er vorkommt, als Einlösung dieses Wunsches oder als habe der Autor damit die Dimensionen seines Erzählens angedeutet: nichts Geringeres zu versuchen als "ein Epos des palästinensischen Volkes".

Elias Khoury, der libanesische Schriftsteller, eröffnet mit seinem Roman Das Tor zur Sonne ein weites Panorama des Leidens und des Schreckens, er gibt den Weg frei auf das Leben, Sterben und Lieben in den palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon, die sich notgedrungen in Städte verwandeln und zerstört werden oder an sich selbst zugrunde gehen. Wir sehen nicht mit den Augen eines Reporters oder Dokumentaristen (obwohl den einzelnen Schicksalen Interviews des Autors zugrunde liegen), sondern mit denen eines ebenso mitfühlenden wie hoch gebildeten Schriftstellers, der nicht nur über modernste Schreibtechniken verfügt, sondern ebenso über die jahrhundertealten Traditionen des orientalischen Erzählens, die Repetition, die Abschweifung, die Variation.

Will sagen: Alle Geschichten dieses Buches haben auch ihre Gegengeschichten, alle Wahrheiten, selbst die bittersten, kokettieren mit der Lüge. Der Roman entfaltet seine Ernsthaftigkeit jenseits des Bekenntnisses: "Unsere Geschichten sind doch alle nicht zu glauben … und Bücher sind die Lügen schlechthin."

Schauplatz, Erinnerungsort, Erzählbasis ist das Flüchtlingslager Schatila im Osten Beiruts, eine Lagerstadt, die sich mehr und mehr entleert hat und längst dem Gedächtnis der Hilfsorganisationen entschwunden ist. Hier hatte sich 1982 ein wüstes Massaker ereignet, als nach der Ermordung des Premiers Bashir Gemayel libanesische Milizen ins Lager eindrangen und Hunderte von Menschen ermordeten. Über den Gebeinen der Toten haben sich die Überlebenden und die nach ihnen hier Gestrandeten eingerichtet, Frauen, Kinder, Greise, auch jene Männer, deren Lebenslauf so resümiert wird: "Von Palästina in den Libanon, aus dem Libanon nach Syrien, von Gefängnis zu Gefängnis und wieder ins nächste."

Eine Scheherazade aus dem Flüchtlingslager

Diese am Ende des 20. Jahrhunderts dort übrig gebliebenen Menschen haben nichts mehr als ihre Erinnerungen und ihre Geschichten, die sie nun weitererzählen, während sie alte Fotos hervorholen, vergilbte Gesichter beschwören. Aber nicht als Therapie, sondern wie das Wühlen in einer Wunde: "Vielleicht ist das Gedächtnis ja auch eine Krankheit. Eine seltene Krankheit, von der ein ganzes Volk befallen ist."

Es ist aber nicht nur das halbe Jahrhundert seit der Vertreibung der Palästinenser aus ihren Dörfern im Jahre 1948, das vor den Menschen ausgebreitet wird wie auf einem Opfertisch, nicht nur das Schicksal einer millionenfachen Entwurzelung, sondern eine viel ältere Verzweiflung: "Hat es dich überrascht, dass die arabische Welt zerbarst? Dass jene Welt explodierte, die ihre Seele vor Tausenden von Jahren verloren hat und die auf der vergeblichen Suche nach dieser Seele heute im eigenen Blut zuckt."

Weniger pathetisch denn als "Epos des palästinensischen Volkes" ließe sich Khourys Roman als "Scheherazade im Flüchtlingslager" benennen. Denn an diesem Buch schreibt erkennbar auch die alte Geschichtenerzählerin Arabiens mit, nun in Gestalt des libanesischen Arztes Dr. Khalil Ayubb, der in einem ramponierten Hospital des Lagers Schatila, im "Galiläa-Krankenhaus", einen anachronistischen Dienst tut. Das ganze Buch ist ein Monolog, ein über Monate sich wölbender Monolog, in dem das Ich des Erzählenden viele Rollen übernimmt, zu einem Chor von Stimmen anschwillt, die alle ihre Schicksale reklamieren.