Wäre es nicht so traurig, man müsste von einem Skandal sprechen. Die literarische Welt aller Sprachen verehrt, kennt vor allem: liest die Verse eines der bedeutendsten Dichters arabischer Kultur, des Palästinensers Mahmoud Darwish (rund fünfzig Bücher, in dreißig Sprachen), 1941 im Dorf al-Birwe, bei Akron, geboren – in Deutschland so gut wie unbekannt. Beschämend: Keiner unserer vermeintlich großen Verlage hat sich zu diesem Welten-Dichter bekannt. Alle zwei Jahre erscheinen, in immer neuen (Klein-)Verlagen, von immer neuen Übersetzern, wahllos Bücher von Darwish auch auf Deutsch. Doch gibt es im Werk dieses hoch gebildeten Sohns kleiner Bauern, dessen Familie 1948, nachts, von israelischen Freischärlern aus ihrem Dorf vertrieben wurde, große Unterschiede. Der junge Dichter lässt, hoffnungsfroh, die rote Fahne der Revolution in und über seinen Versen flattern, die heute noch, überall in der arabischen Welt, zitiert werden.

Wie sollte sich der als Kind aus der Heimat Vertriebene nicht der Kommunistischen Partei des jungen Staates Israel anschließen! War Rakah doch die einzige Partei, die im Parlament auch an die enteigneten Palästinenser erinnerte. Westdeutscher Hochmut, bis heute. Ist das nicht ein Kommunist? Wurde ja in der DDR verlegt. Wohin, in welche – auch poetische – Freiheit hat sich dieser große Einsame entwickelt, der seinem geschundenen Volk bis in jede Zeile ganz nah bleibt. Den jungen Palästinenser Mahmoud, vierzehn Jahre alt, steckt die Besatzungsmacht ins Gefängnis. Ein Kind.

Keine Befriedung durch Bomben und tote Kinder

Kein Wunder, hat der heimatlose Dichter, Herausgeber der wichtigsten Literaturzeitschrift der arabischen Welt, Al Karmel, der ständig zwischen der jordanischen Hauptstadt und der von Israels Armee zur Ruinen-Wüste gebombten Stadt Ramallah im Westjordanland hin- und herreist, Freunde nicht nur unter den Schriftstellern Israels, sonder auch bis in höchste Regierungskreise, wo so mancher auch nicht mehr an "Befriedung" durch Bomben und Baby-Tote glaubt.

Bei Darwish liest sich das so: "Ermordete und Unbekannte. Kein Vergessen einigt sie / Keine Erinnerung spaltet sie… / Sie waren Kinder…" / "Unser Land / … / Hat eine Landkarte der Abwesenheit / … / Und tiefe Wunden in seiner Identität." – "Sie blicken nicht zurück, um ein Exil zu verlassen / Denn vor ihnen ist Exil…" Und Darwish, der nur noch "verwundete Siege" wahrnehmen kann, macht diese Bilanz auf: "Weder Sieger noch Besiegte" – "Weder Held noch Opfer".

Dem agitatorischen Gedicht hat der Dichter adieu gesagt

Die Gedichte dieses Bandes kommen aus einer – unheimlichen – Ruhe, wie von einem, der ein Vierteljahrhundert hektischen Exils zwischen Moskau, Beirut, Paris, Tunis erlebt hat als Wanderung durch die Wüste, mit vielen Stationen der Meditation. Hier spricht einer, der – nicht nur nach fast tödlicher Herzkrankheit – dem agitatorischen Gedicht adieu gesagt hat, dem politischen Tagesgeschäft schon längst. 1988 hat der berühmteste Intellektuelle seines Volkes noch mitgeschrieben an der "Unabhängigkeitserklärung" der Palästinenser. Doch als sein "väterlicher Freund" Arafat ihn als Minister für Kultur in sein Kabinett bittet, lehnt der Dichter ab.

Im Gedicht liest sich das so: "Ich sehe wie von einer Veranda, was ich sehe / Ich sehe mein Ebenbild / Kommend / Von weit / Her / … Ich sehe … Lastwagen voller Soldaten / Wie sie die Bäume verunstalten an diesem Ort." So zurückhaltend spricht Darwish, im Gedicht, vom Baum-Frevel der Besatzungsarmee, die den heiligen Schatz palästinensischer Bauern, die jahrhundertealten Olivenbäume, ausreißt.