Ein Mann kehrt nach zwanzig Jahren im französischen Exil nach Algier zurück. Aber er findet die Heimat, von der er im kalten Norden geträumt hat, grässlich verändert vor. Die redseligen Taxifahrer von früher unterhalten ihre Fahrgäste nicht mehr mit urbanem Witz, sondern legen stattdessen eine Kassette mit dem Gebrüll islamistischer Prediger ein; den stolzen Frauen, die im Kampf gegen die französischen Kolonialherren zu Selbstbewusstsein erwachten, drohen sie unverhohlen den Tschador an. Wo immer Berkane seine Welt von gestern sucht, stößt er auf Hass, Gewalt, Verrohung. Algerien scheint in diesem Jahr, 1991, nur die "Wahl zwischen der Kaserne und der Moschee" zu haben, also zwischen der Diktatur korrupter Generäle und der Despotie eifernder Frömmler.

Die politische Selbstzerstörung Algeriens ist freilich nur der Hintergrund, nicht das Thema von Assia Djebars jüngstem Roman. Das verlorene Wort, eine erzählerische Suite über die Heimatlosigkeit, bietet vielmehr die Geschichte eines alternden Mannes, der die Liebe braucht, um sich nicht selbst abhanden zu kommen. An die Geliebte in Paris schreibt er Briefe, die er nie abschickt und in denen er tief in seine eigene Vergangenheit eintaucht, um sich seiner brüchigen Existenz zu versichern. Die junge Frau wiederum, mit der er in Algerien drei rauschhafte Nächte verbringt, öffnet ihm die Augen für die Gegenwart, für die verdeckte und offene Gewalt, die das Land beherrscht.

Wie in ihren meisten Prosawerken fokussiert Assia Djebar auch in Das verlorene Wort alles Geschehen auf das Problem der Sprache. Algerien, muss der Heimkehrer erkennen, hat einen verheerenden Sprachzerfall erlitten: Das Berberische ist nahezu ausgelöscht, das Französische zu einer fehlerhaften Bürokratensprache erstarrt, und aus dem Arabischen, wie es nach der Befreiung institutionalisiert wurde, ist eine "krampfartige, überdrehte Sprache" der Ideologie geworden. Dagegen setzt Berkane ein Französisch, wie er es mit seiner Pariser Geliebten gesprochen hat, und den städtischen Dialekt der Kasba, den er einst von den kleinen Leuten des Bazars kennen gelernt hat. Im Changieren zwischen diesen beiden Sprachen, der rationalen französischen Hochsprache und dem intimen arabischen Dialekt, lebt Berkane seine doppelte Identität, deren Geheimnis sich seinen Freunden erst erschließt, als er entführt wird und sie sich aus seiner literarischen Hinterlassenschaft ein Bild des Verschwundenen machen müssen.