Das Herz tut einem weh, wenn man heute in Europa nach arabischen Spuren sucht. "Für Liebende ist Bagdad nicht weit", zitierte der West-östliche Divan, doch als Schauplatz der Abendnachrichten erscheint dieser Ort, an dem Scheherezade um ihr Leben erzählt, der Ort, dessen Bibliotheken um das Jahr 1000 mehr Bücher enthielten als tausend Klosterbibliotheken hierzulande, ferner als je zuvor. An den Küsten unseres Kontinents stranden Flüchtlinge aus Nordafrika, marokkanische Tagelöhner fristen ein elendes Leben unweit der Touristenstrände – wer denkt da noch daran, dass Marrakesch einst Spaniens Regierungssitz war? Es war die Zeit, als der bedrängten arabischen Elite die berberischen Almoraviden zu Hilfe kamen und die reiche maurische Kultur retteten, die erst nach 850 Jahren brutal vom europäischem Boden gefegt wurde. Der Gründer jener Bruderschaft war ein Tuareg, ein Angehöriger jenes Hirtenvolkes fernab der hoch zivilisierten arabischen Zentren, die von Goethe bis Rilke die Gemüter bewegten.

Bis gestern war das riesige, über fünf koloniale Staatsgrenzen ausgedehnte Sahara-Gebiet ein weißer Fleck im Gedächtnis der Welt. Genauer: bis der Tuareg Ibrahim al-Koni, 1948 bei Gadamès geboren, mit seinem Werk die Lücke zu schließen begann. Neben vier der unzähligen Romane und einem Aphorismenband hat der Lenos Verlag vor drei Jahren sein Hauptwerk Die Magier veröffentlicht, dem nun ein Band ergänzender Erzählungen folgt: Die steinerne Herrin vollendet das Epos der Tuareg, al-Konis mächtige, über tausendseitige Anstrengung, seinem Volk an der Schwelle zum Aussterben eine Überlieferung zu geben. Dank dem Übersetzer Hartmut Fähndrich öffnet sich ein zwischen Gründungsmythos und freier poetischer Fiktion, allegorischer Sinnstiftung und surrealer Irritation, historischem Roman und moderner Endzeitvision schillerndes Werk. Al-Koni gelingt es, durch eine Verbindung von Weisheit und Resignation, Tradition und Entfremdung dem westlichen Leser die Agonie jener "Urgesellschaft" erschütternd vor Augen zu führen.

Schon auf den ersten Seiten entfalten sich die Konstanten der Wüste: Îdenan, der Unbekannte Berg mit seinem Wolkenturban, und Kibli, der unerbittliche Südwind, der die Hoffnung auf Regen verweht. Unter den Strahlen des ewigen "Henkers" steuert eine Karawane auf den vom Sandsturm bedrohten Brunnen zu, beobachtet nicht von einem allwissenden Erzähler, sondern von einer nahen, zunächst namenlosen Gestalt. Die mit szenischer Plötzlichkeit auftauchenden Figuren sind bald ohne jeden vermittelnden Kommmentar versammelt: die Prinzessin Tênere, die mit ihrem Onkel, Sultan Anâj, aus der dekadenten Handelsstadt Timbuktu flieht; der Bergmensch Udâd und der Notable Ocha; der Derwisch Mûssa und Âdda, Stammesführer der am Brunnen lagernden Nomaden; Taffâwut, Udâds verlassene Frau, seine Mutter und die Seherin Têmet. Sie alle werden dabeibleiben, leben und sterben, halb allegorisch verborgen, halb realistisch enthüllt, wie die Gesichter, die stets hinter Turbanen und Schleiern verschwinden, auftauchen, wieder verschwinden.

Sprunghaft, gleichsam nomadisierend, mit zahllosen Binnengeschichten, Rückblenden und reflektierenden Einschüben, bewegt sich die Erzählung um ihren Kern. Die Konfrontation der sesshaften Gäste mit dem Nomadenstamm bündelt sich in der Liebesgeschichte zwischen Tênere, dem gesetzten Ocha und dem flüchtigen Asketen Udâd – zwei Optionen, die wiederum tiefe Widersprüche aufreißen: zwischen Freiheit und Macht, dem Gold des Tausches und dem Wüstengold Wasser, Liebe und Gottsuche. "Wem das Herz mit Gold versiegelt ist, der kann nicht die Sprache der Liebe sprechen", heißt es, aber auch: "Die Gefahr liegt in der Liebe. Der Fluch liegt in der Liebe. Die Sünde liegt in der Liebe. Die Strafe liegt in der Liebe. Der Tod liegt in der Liebe."

Ocha erliegt seiner Obsession und lässt sich von einem Freund erdrosseln, Udâd besteigt den von Dschinnen "besessenen" Berg, von dem er nicht zurückkehrt, Tênere stürzt sich in den Brunnen. "Das geteilte Herz war das leere Herz": Die Männer gehen daran zugrunde, dass sie ihre Freiheit aufgeben, die Frau daran, dass sie die (Wahl)Freiheit hat. Als sie stirbt, kommt der nach Jahren tödlicher Dürre ersehnte Regen; damit bestätigt sich die magische Voraussage, dass nur ein Frauenopfer den Südwind besänftigen und die Wüste versöhnen kann.

Man hat al-Koni Misogynie vorgeworfen, und in der Tat kulminieren die destruktiven Kräfte in den Frauen. Um ihrem Einfluss zu entgehen, entmannt sich eine Hauptfigur des Epos, der Derwisch Mûssa. Die Frauen sind für das Gold empfänglich, das die Nomaden mit dem Händlergeist und damit dem Wunsch nach Sesshaftigkeit infiziert; sie verleiten die Männer, den ewigen Weg für ein kurzfristiges sexuelles Glück aufzugeben. So gefährden sie die Exilexistenz des Wüstenbewohners, der in der "Weglosigkeit" nur ein einziges Ziel kennt, Wâw, das verlorene Paradies, aus dem der Urahn in die Freiheit – und die Hölle – der Wüste aufbrach. "Der Verlust, das Verlorensein ist das Schicksal der Wüste, wie sollte es da nicht das Schicksal ihres Bewohners sein?", heißt es in einer Episode aus der Steinernen Herrin.

Nur mittelbar wird deutlich, dass das prekäre Gleichgewicht der Tuareg-Gesellschaft ursprünglich von außen gestört wird. Timbuktu, die Almoraviden-Gründung im heutigen Mali, wird zusehends von den schwarzafrikanischen Stämmen dominiert, die zunächst islamisiert und versklavt wurden; sie sind die Magier aus dem Urwald, deren Naturreligion zusammen mit dem Gold, das ihnen abgepresst wird, die Ordnung der Eroberer aus der Wüste gefährdet. Während die animistischen Glaubenselemente im Epos seltsam ambivalent bewertet werden – trotz der negativen Konnotationen der Magie genießen Seher und Derwische mehr Respekt als die islamischen Fakîhs, Imame und gnadenlosen Scharia-Richter –, besteht kein Zweifel, dass die Eindringlinge aus der korrupten Stadt im Süden den Niedergang ins Herz der Wüste bringen. Die Schwäche der Nomaden ausnutzend, die sich länger als traditionell erlaubt an einem Platz aufhalten, errichten die Fremden eine Stadt, deren Mauern sich allmählich um den Brunnen schließen. Die zentrale Metapher des Tabubruchs aber besteht darin, dass sie den Namen jenes Ortes erhält, der auf Erden nur verirrten, verdurstenden Wanderern erscheint: Wâw.